Mängel an Schleudersitzen: Prüfer zweifeln an Flugtauglichkeit des "Eurofighter"

Von Gerald Traufetter

Kampfjet "Eurofighter": Qualitätsmangel Schleudersitz Zur Großansicht
REUTERS

Kampfjet "Eurofighter": Qualitätsmangel Schleudersitz

Neue gravierende Mängel beim "Eurofighter": Beamte des Wehrbeschaffungsamts entdeckten bei einem Routinecheck, dass Schleudersitze nicht ordnungsgemäß geprüft wurden. Eigentlich dürften betroffene Maschinen der Bundeswehr nicht mehr starten.

Hamburg - Softwarefehler, schlampige Montage, fehlendes Qualitätsmanagement - den "Eurofighter" plagen gravierende Probleme. Zu den Mängeln des Kampfjets, über die der SPIEGEL in seiner aktuellen Ausgabe berichtet, kommt nun noch ein weiterer hinzu: Betroffen von den Problemen sind offensichtlich auch die Schleudersitze des Luftwaffen-Fliegers. Das geht aus einer Beanstandungsmeldung vom 18. April diesen Jahres hervor, die SPIEGEL ONLINE vorliegt.

Demnach sind Prüfer des Wehrbeschaffungsamtes darauf gestoßen, dass die mit einer Sprengladung versehenen Sitze keine Stück- und Nachprüfung in ihrem Werk in England erhalten haben. Einem Kontrolleur war dies bei einer Routineuntersuchung an einem Sitz aufgefallen, als sich der "Eurofighter" bei einem 24-Monats-Check-up befand.

Die jetzige Entdeckung des Prüfers vom Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) in Koblenz ist brisant. Er schreibt: "Ich weise ausdrücklich darauf hin, dass es sich bei dem von mir beanstandeten Schleudersitz nicht um einen Einzelfall handelt, sondern alle als Spare-Part gekauften Sitze betrifft." Wie viele Schleudersitze es betrifft, ist offensichtlich unklar.

"Eigentlich müsste der 'Eurofighter' stillgelegt werden"

Insider befürchten, dass es sich um alle in den 101 bislang für die Bundeswehr produzierten und ausgelieferten "Eurofighter" handeln könnte. Die luftfahrtrechtlichen Folgen sind weitreichend. "Eigentlich müsste der 'Eurofighter' stillgelegt werden, bis diese Frage geklärt ist", sagt der Mitarbeiter des Wehrbeschaffungsamts zu SPIEGEL ONLINE.

Es wäre nicht das erste Mal, dass der "Eurofighter" am Boden bleiben müsste. Schon vor drei Jahren griff die Bundeswehr zu dieser Zwangsmaßnahme - wegen Problemen am Schleudersitz. Damals stürzte in Spanien ein zweisitziger "Eurofighter" ab. Der Pilot konnte sich mit seinem Katapult retten, doch der saudi-arabische Co-Pilot nicht. Offensichtlich hatte der Schleudersitz des Mannes, eines Mitglieds der saudischen Herrscherfamilie, nicht richtig funktioniert. Der Fallschirm soll sich dabei vom Sitz des Co-Piloten getrennt haben, so dass er den anschließenden Sturz nicht abfangen konnte.

IM AKTUELLEN SPIEGEL
Über Jahre ignoriert

In der Behörde scheint die Mahnung des Prüfers bislang verhallt zu sein. Oder aber, die Verantwortlichen tun sich schwer, wegen der Tragweite dieses Vorganges die richtigen Konsequenzen zu ziehen. Die Beanstandungsanzeige ist allerdings sowohl im Waffensystemkommando der Luftwaffe in Köln-Wahn als auch im Verteidigungsministerium auf der Bonner Hardthöhe eingegangen.

Das Bundesverteidigungsministerium teilte auf Anfrage mit, dass sich das Problem der fehlenden Prüfung mittlerweile gelöst habe. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE ist aber genau dieser Prozess noch in Arbeit.

Das Vertrauen der "Eurofighter"-Piloten in ihr Fluggerät dürfte dies allerdings kaum stärken. Die fehlende Überprüfung des Schleudersitzes hätte zunächst dem Qualitätsmanagement-System des Rüstungskonzerns EADS auffallen müssen, die den Kampfjet im oberbayerischen Manching herstellen. Doch dort gibt es offensichtlich große Probleme. (Lesen Sie mehr dazu im aktuellen SPIEGEL.)

Allerdings hätten die Stückprüfer vom Wehrbeschaffungsamt, das eine Außenstelle in London unterhält, zum Hersteller der Sitze, der Firma Martin Baker Autokraft, entsendet werden müssen. Doch die dortigen Mitarbeiter besitzen gar keine Ausbildung, den Bau der Schleudersitze qualifiziert bewerten zu können.

Das Wehrbeschaffungsamt in Koblenz hat diesen Umstand offensichtlich über Jahre ignoriert. Seit vielen Jahren sind dort in der Güteprüfung als Folge von Sparmaßnahmen und diversen Bundeswehrreformen viele Stellen unbesetzt.

Entscheidung über letzte Teillieferung fällt 2014

Deutschland und die Partnerstaaten wollen nach Angaben des Bundesverteidigungsministeriums voraussichtlich Anfang 2014 darüber entscheiden, ob sie die letzte Teillieferung des Kampfjets "Eurofighter" von EADS wie geplant kaufen werden. Die Entscheidung werde wahrscheinlich Anfang kommenden Jahres fallen, sagte Ministeriumssprecher Stefan Paris am Montag in Berlin.

Am "Eurofighter"-Programm sind neben Deutschland Italien, Spanien und Großbritannien beteiligt. Über die letzte Teillieferung der Jets gibt es noch keinen Vertrag. Für Deutschland geht es dabei um 37 Flugzeuge, weitere 143 Jets hat die Bundeswehr bereits bestellt und 101 davon auch erhalten. Am Wochenende war bekannt geworden, dass der "Eurofighter" deutlich teurer wird als bekannt.

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insgesamt 142 Beiträge
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1. Selbst Schuld
norkzlam 08.07.2013
Das passiert, wenn man eine Armee kaputt spart.
2. wenn
ambulans 08.07.2013
thomas de maiziere demnächst neuer generalsekretär der nato werden sollte - würde er dann auch einmal ein paar runden als passagier im eurofighter absolvieren? wenn man die nato schon abschaffen will, gehts doch viel einfacher: mit einer schlichten auflösungserklärung i.s.v. "wir haben fertig", oder?
3. Noch in der Garantie?
Trollfrühstücker 08.07.2013
Na, da sollte mal der Bundesverteidigungsminister knüppelhart und kompromißlos beim Hersteller anklopfen und auf die Garantie hinweisen.... Und ich wette, das macht er genau so entschieden wie bei den Drohnen, den Hubschraubern und den Gewehren - nämlich gar nicht. Wozu auch? Schließlich zahlen dafür wir, nicht er.
4. Alter Vatter!
oswin82 08.07.2013
Die Bundeswehr kann man ja leichter übervorteilen als einen 0815 Tourist auf einem Arabischen Basar. Kein wunder das die Rüstungslobby gerne mit der Bundeswehr Geschäfte macht.
5. :-))
badduck 08.07.2013
Bei der Überschrift musste ich lachen!
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