München - Bundestagspräsident Norbert Lammert hat beim zentralen Festakt zum Tag der Deutschen Einheit eindringlich zu einer verstärkten Zusammenarbeit in Europa aufgerufen. Der Christdemokrat sagte: "In Europa müssen wir heute keine Mauern mehr zum Einsturz bringen, aber um Europa zu vereinigen, braucht es wiederum besonnene und weitsichtige Politik." Notwendig seien zudem Bürger, "die sich für die gemeinsame Idee Europa engagieren".
Lammert erinnerte in der Bayerischen Staatsoper in München an die "europäische Dimension" der Wiedervereinigung und schlug den Bogen von dem Ruf "Wir sind das Volk" zu "Wir sind Europa". "Ohne die Überwindung der Spaltung Europas wäre die deutsche Einheit nicht möglich gewesen", sagte er.
Der Bundestagspräsident rief zur Weiterentwicklung der Europäischen Union auf. Wenn der Integrationsprozess Europas nicht weiter vorankomme, weil die Staaten der Mut verlasse, "dann hätte Europa seine Zukunft hinter sich." Die "Erfolgsgeschichte" des deutschen Zusammenwachsens und das "zusammen Wachsen" seien eine Botschaft für Europa.
Lammerts Appell für Europa
Man dürfe nicht zulassen, dass der Integrationsprozess in der Euro-Krise unter die Räder komme, warnte Lammert. Denn die Folge "wäre die mutlose und zugleich übermütige Wiederherstellung eines Zustandes, den dieser Kontinent mit dem Beginn des Baus der Gemeinschaft hinter sich lassen wollte: Die Rivalität von Nationalstaaten, deren Ehrgeiz größer war als ihre Möglichkeiten."
Gebraucht werde ein Europa, dessen Ehrgeiz über den seiner Mitgliedsstaaten hinausreiche und das unerschütterlich für die eigenen Werte eintrete. "Europa ist mehr als eine Verwaltung, mehr als die viel gescholtene Bürokratie, mehr als Richtlinien und mehr als Verträge. Und sie ist auch mehr als der Euro." Die Gemeinschaftswährung sei ein wichtiges Mittel auf dem Weg zu einer politisch wie ökonomisch integrierten Einheit. Der Euro könne aber nicht gemeinsame europäische Werte und historische Erfahrungen ersetzen.
Deutschland und Europa seien keine zwei getrennte Sachverhalte: "Die Weiterentwicklung Europas liegt im deutschen Interesse." Dies sei im Allgmeinen nicht umstritten, aber im Alltag nicht immer präsent, so Lammert.
Seehofer zollt Ostdeutschen Respekt für Aufbauleistung
An dem Festakt nahmen auch Bundespräsident Joachim Gauck, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und viele Spitzenpolitiker teil. Lammert hob die Fortschritte seit dem Fall der Mauer hervor: Zwar bleibe noch manches zu tun, "aber die Erfolge und Errungenschaften der deutschen Einheit sind deutlich sichtbar".
Zuvor hatte der bayerische Regierungschef und derzeitige Bundesratspräsident Horst Seehofer (CSU) eine recht persönliche Rede gehalten. Er nannte den Tag des Falls der Mauer "die Sternstunde meines politischen Lebens". "Das sind Momente, die für mein ganzes Leben erhalten bleiben. Das geht unter die Haut." Er lobte den Mut und den Freiheitsdrang der Bürger der früheren DDR. Seehofer betonte: "Erst das offene Aufbegehren gegen das Regime der SED hat den Weg zur Einheit in Freiheit geebnet." Respekt verdiene auch, wie die Menschen in den neuen Bundesländern die "Umbrüche" nach dem Fall der Mauer gemeistert haben.
"Ohne die Gemeinschaft in Europa gäbe es keine Deutsche Einheit"
Die Feierlichkeiten am Tag der Deutschen Einheit begannen am Mittwochmorgen mit einem ökumenischen Gottesdienst in der Kirche St. Michael. Kardinal Reinhard Marx und der evangelische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm hoben die besondere Verpflichtung Deutschlands für die Zukunft Europas hervor. Beide warnten vor deutschen Alleingängen oder deutscher Überheblichkeit.
"Wir sind nicht alleine als Deutsche unterwegs, sondern wir sind unterwegs als Europäer", sagte Marx, der katholische Erzbischof von München und Freising. "Ohne die Gemeinschaft in Europa gäbe es keine Deutsche Einheit." Die Wiedervereinigung lasse deshalb "unsere Verantwortung und die Erwartungen an uns deutlicher zutage treten", sagte Marx. "Unser geeintes Land in Europa ist Gabe und Aufgabe."
In Berlin besuchten mehrere tausend Menschen zum 22. Jahrestag der deutschen Einheit das Volksfest am Brandenburger Tor. Vor allem Familien und Touristen schlenderten über die Meile, sagte eine Sprecherin des Veranstalters Wohlthat-Entertainment.
heb/dapd/dpa/Reuters
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