Feierstunde zu Kohls 80. Warnruf aus dem Ruhestand

Es muss in Helmut Kohl gebrodelt haben. Bei der großen Feierstunde zum 80. Geburtstag rüffelt der angeschlagene Altkanzler Europas Umgang mit den Griechen - und nennt die Einigung des Kontinents "eine Frage von Krieg und Frieden". Andere Festredner wagen noch deutlicher Seitenhiebe gegen Angela Merkel.

Aus Ludwigshafen berichtet


Er hat sich das eineinhalb Stunden angehört. Hat reglos in seinem Rollstuhl gesessen, den Blick immer geradeaus. Er hat das Lob der Kanzlerin vernommen, die dankte für die Einheit und für den Euro. Hat den Ministerpräsidenten die europäische Einigung beschwören hören. Und die Oberbürgermeisterin die Aussöhnung mit dem französischen Nachbarn.

Jetzt will Helmut Kohl konkret werden in Sachen Europa. Sehr konkret. Es ist Angela Merkel, die das plötzlich und ganz unerwartet zu spüren bekommt.

Kohl geht es um Griechenland. Er habe "wenig Verständnis" für die aktuelle Diskussion: "Viele bei uns tun so, als ginge sie Griechenland nichts an." Aber die europäische Einigung sei "eine Frage von Krieg und Frieden". Und der Euro sei "für uns ein Friedensgarant". Kohl nuschelt, ist nur schwer zu verstehen. Doch die Botschaft ist ihm wichtig.

Merkel hatte in Sachen Hellas-Hilfen anfangs die Eiserne Kanzlerin gegeben, die Europäer von frühzeitigen Milliardenspritzen abgehalten - offenbar auch mit Blick auf deutsche Innenpolitik, auf die anstehenden Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen. Kohl, der sagt, er beobachte die Politik mit "wachem Auge", ist all das nicht entgangen.

Dabei hatte sich Merkel bei Kohl wenige Minuten zuvor sehr persönlich bedankt und versucht, die Kontinuität zu seiner Politik deutlich zu machen: Ohne seinen Beitrag wäre das Leben von Millionen Menschen, die wie sie in der DDR gelebt hätten, völlig anders verlaufen, sagte die Kanzlerin. Sie werde weiter auf Kohls "Rat und Unterstützung" bauen.

Hochpolitische Feierstunde

Schnell ist klar: Die offizielle Feierstunde zu Kohls 80. Geburtstag im Pfalzbau zu Ludwigshafen, den er bereits am 3. April im privaten Kreis begangen hatte, dreht sich ins Hochpolitische.

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Altkanzler zum 80.: Kohl lässt sich feiern
Dazu trägt auch Roman Herzog bei, der ebenfalls ein Schmankerl für Merkel bereithält. Man hat den Altbundespräsidenten als Laudator verpflichtet. Er, selbst einst Mitglied der Mainzer Regierung Kohl, lobt die Modernisierung der verschlissenen Adenauer-CDU, die der Jubilar vorangetrieben habe. Kohl habe die CDU zu einer "entschlossenen und entscheidungskräftigen Partei umgeformt", erläutert Herzog. Und fügt an: "Wenn auch nur mit zeitlich befristeter Wirkung", wenn er dies als "einfaches Parteimitglied" einmal sagen dürfe.

Kohls Geburtstagsfeier wird zur Abrechnung. Roman Herzog hat alles andere als eine heimelige Standardgratulation dabei, die rund 800 Gäste sind hellwach, zwischendurch gibt es Lacher und Applaus. "Meinen alten Freund" nennt ihn Kohl - und man hat den Eindruck, Herzog macht sich zum Sprachrohr, sagt an diesem Mittwoch in Ludwigshafen das, was Kohl, gesundheitlich seit einem Sturz vor zwei Jahren schwer angeschlagen, wohl nicht mehr formulieren kann.

Herzog übt sich in Medienschelte: Als Aussitzen sei Kohls Regierungsstil immer bezeichnet worden - doch "im normalen Leben heißt diese Fähigkeit 'Timing' und wird als Kunst betrachtet". Großer Applaus bei Kohls Getreuen. Auch vorm heikelsten Thema schreckt Herzog nicht zurück: Kohls legendären schwarzen Kassen und seinem berühmten Ehrenwort. Bis heute hat der Altkanzler die Namen der Spender nicht preisgegeben. Manche hielten die Parteispendenaffäre "am Köcheln", sagt Herzog. Kohl aber sei nicht zu einer Aussage verpflichtet, weil er nie vor einem Gericht gestanden habe. Am Ende werde nicht Kohls Verstoß gegen das Parteiengesetz haften bleiben, sondern die Wiedervereinigung, verkündet der Altbundespräsident unter donnerndem Applaus.

Was ist mit den Abtrünnigen?

Bleibt noch die Sache mit den einstigen Mitstreitern: All jene, die Helmut Kohl in seiner langen Karriere verstoßen hat - etwa sein früherer Generalsekretär Heiner Geißler, Ex-Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth oder der frühere baden-württembergische Ministerpräsident Lothar Späth - sind an diesem Tag nicht eingeladen worden nach Ludwigshafen.

Der Machtmensch Kohl, der die Getreuen fallen lässt?

Roman Herzog findet das unpassend. Wer etwa zum Kampf gegen Kanzler und Parteivorsitzenden antrete und dabei unterliege, "der kann sich natürlich schwer auf Loyalitätspflichten des Angegriffenen berufen". Herzog spielt auf den Bremer CDU-Parteitag von 1989 an, auf dem sich Geißler, Späth und Co. anschickten zu putschen, dann aber doch noch zurückschreckten.

Es ist eine Mischung aus Unversöhnlichkeit und Pathos, die über dieser doch staatstragend gemeinten Feier schwebt. Kohl dankt am Ende noch einmal allen, die geredet haben. Die Kanzlerin aber - ob absichtlich oder nicht - vergisst er. Pathetisch sind seine Abschiedsworte, die wie ein Vermächtnis klingen.

Sein Leben sei ereignisreich gewesen, "ein Leben mit vielen Höhen und auch sehr vielen Tiefen". Es sei ein Leben, von dem er sagen dürfe: "Es hat einen Sinn gehabt."

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reinhard_m, 05.05.2010
1. Er hat genug angerichtet
Zitat von sysopEs muss in Helmut Kohl gebrodelt haben. Bei der großen Feierstunde zum 80. Geburtstag rüffelt der angeschlagene Altkanzler Europas Umgang mit den Griechen - und nennt die Einigung des Kontinents "eine Frage von Krieg und Frieden". Andere Festredner wagen noch deutlicher Seitenhiebe gegen Angela Merkel. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,693219,00.html
Dieser Mensch sollte ruhig sein. Von dem möchte ich nichts mehr hören. Denn sein überhastetes Werkeln am eigenen Denkmal und sein Aufbau einer "Überkanzler-Legende" hat uns die ganzen Probleme eingebracht.
TommIT, 05.05.2010
2. Ruhestand
Gut da soll er bleiben...bis ...
GerwinZwo 05.05.2010
3. Kohl
Unbelehrbar, verbohrt, ein Ärgernis. Überholt von den aktuellen Ereignissen lebt er im Vorgestern. Ich wünsche ihm ein langes Leben, auf daß er den Zerfall seines Lieblingsprojektes "Euro" noch miterleben möge.
franziskus, 05.05.2010
4. Direkte Demokratie
Zitat von sysopEs muss in Helmut Kohl gebrodelt haben. Bei der großen Feierstunde zum 80. Geburtstag rüffelt der angeschlagene Altkanzler Europas Umgang mit den Griechen - und nennt die Einigung des Kontinents "eine Frage von Krieg und Frieden". Andere Festredner wagen noch deutlicher Seitenhiebe gegen Angela Merkel. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,693219,00.html
Krieg oder Frieden? Geht es weniger pathetisch. Ich habe einen anderen Vorschlag. Direkte Demokratie und der Krieg gehört der Vergangenheit an. Es hat sich noch nie ein Volk in freier und geheimer Wahl für Krieg entschieden. Es waren immer die, die meinten, im Namen ihrer Völker zu handeln. Die Einigung Europas dauert dann wohl etwas länger, Jahrzehnte oder Jahrhunderte, aber die Menschen sind dabei.
Akka1 05.05.2010
5. Winkeladvokat
"Manche hielten die Parteispendenaffäre "am Köcheln", sagt Herzog. Kohl aber sei nicht zu einer Aussage verpflichtet, weil er nie vor einem Gericht gestanden habe. Am Ende werde nicht Kohls Verstoß gegen das Parteiengesetz haften bleiben, sondern die Wiedervereinigung, verkündet der Altbundespräsident unter donnerndem Applaus." A ja! Ein Ex-Präsident betätigt sich als Winkeladvokat für den "unbestechlichen Ex-Kanzler". Sehr fein! Das ist wohl der berühmte Ruck des Herrn Herzog....
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