SPD-Kandidat Grünberg: Der Anti-Röttgen

Von und Katharina Heimeier, Bonn

Bodenständig, volksnah, jovial - der SPD-Mann Bernhard von Grünberg ist nicht nur der direkte Konkurrent Norbert Röttgens bei der Landtagswahl, sondern auch die personifizierte Gegenthese zum Minister aus Berlin. Ein Besuch bei einem der letzten Polit-Kümmerer Nordrhein-Westfalens.

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SPD-Kandidat und Röttgen-Kontrahent Grünberg: "Ich liebe die Menschen"

"Hier, nimm einen Apfel", sagt der kleine Mann mit dem Bart.

"Nee, darf ich nicht", sagt die alte Frau und deutet in ihren zahnlosen Mund.

Stattdessen hebt sie an zu einer nicht ganz leicht zu verstehenden Klage, doch der Mann nickt. Es geht wohl vor allem um ihr Leben, das kein leichtes ist. Zwischenzeitlich schießt der Hund der Frau kläffend aus der Wohnung ins Treppenhaus, die Dame spricht nun über ihren verstorbenen Gatten, sehr fleißig sei der gewesen, und der Mann nickt immer noch freundlich. Irgendwann nutzt er eine Atempause, um auf den Grund seines Besuches hinzuweisen: "Am 13. Mai ist Landtagswahl", sagt der Mann. "Ach, das", entgegnet die Frau und winkt ab.

Bernhard von Grünberg, klein, rund, Cordhosenträger, kandidiert im Bonner Norden für einen Sitz im Landtag. Und weil sein Herausforderer Norbert Röttgen heißt, ist Grünberg der Mann, der quasi im Alleingang verhindern könnte, dass der derzeitige Bundesumweltminister Regierungschef am Rhein wird.

Denn dazu müsste Röttgen unbedingt den Wahlkreis 29 "Nördliches Bonn/Beuel" gegen Grünberg gewinnen. In Artikel 52, Absatz 1 der nordrhein-westfälischen Verfassung heißt es nämlich: Der Landtag wählt den Ministerpräsidenten "aus seiner Mitte" heraus. Röttgen steht natürlich auf Platz eins der Landesliste - doch bei den Wahlen 2005 und 2010 hat die Union jeweils so viele Direktmandate gewonnen, dass die Kandidaten auf der Liste nicht mehr zum Zuge kamen.

NRW ist das einzige Bundesland, das vom Ministerpräsidenten einen eigenen Sitz im Parlament verlangt. Sogar Kanzler kann man theoretisch ohne Mandat werden.

Am Abend des 13. Mai wird daher die ganze Republik nach Bonn schauen. Und die Bürger haben zuvor nicht nur eine Entscheidung darüber zu treffen, ob sie einen Sozial- oder Christdemokraten nach Düsseldorf schicken wollen, sondern auch, welchen Politikertypen sie denn vorziehen: den des väterlichen Kümmerers von nebenan oder den des alerten Fernsehstars aus der Ferne. Im Grunde ist es die Frage, was den Menschen wichtiger ist: Prominenz oder Präsenz?

Gang durch die Gemeinde

In puncto Präsenz jedenfalls macht Bernhard von Grünberg, den die meisten seit Studientagen "Felix" nennen, niemand etwas vor. Wenn man mit ihm in einem Bonner Arbeiterviertel von Tür zu Tür zieht, ist das, als begleite man den Dorfbürgermeister bei einem Gang durch seine Gemeinde. Es werden Hände geschüttelt, Schultern geklopft und Scherze gemacht. "Was willst du denn schon wieder?", ruft eine 70-Jährige im pinkfarbenen Trainingsanzug lachend.

Grünberg, 66, ist einer der wenigen Politiker, die sich eher als Sozialarbeiter, denn als Taktiker der Macht verstehen. Seit 41 Jahren hält er jeden Donnerstagabend im Bonner Rathaus eine kostenlose Bürgersprechstunde ab: Miet-, Ausländer- und Sozialrecht, die Leute klagen ihm ihr Leid, er hört zu und gießt es anschließend in zornige Schreiben an Vermieter und Beamte. Manchmal ist er erst um Mitternacht wieder zu Hause. Gefragt, warum er sich das antue, antwortet Grünberg: "Ich liebe die Menschen."

Von Norbert Röttgen hingegen sind derlei leidenschaftliche Bekenntnisse bislang nicht öffentlich geworden. Er gilt eher als kühler Stratege, dessen unverhohlener Scharfsinn manche Menschen in seiner Umgebung zuweilen anstrengend finden. Und auch auf den Bonner Straßen lässt sich der CDU-Spitzenkandidat noch nicht allzu häufig sehen - und wenn, dann läuft nicht unbedingt alles nach Plan.

Röttgen hat kein Geld dabei

An einem Montag im April etwa hat Röttgen kein Geld dabei. Doch der Verkäufer der Obdachlosenzeitung wartet einfach ab, bleibt stehen im Schatten des Münsters, wo die CDU ihren Wahlkampfstand aufgebaut hat. Röttgen klopft die Taschen seines Trenchcoats ab. Kein Portemonnaie. Eine unangenehme Situation. Da klingelt sein Handy und erlöst den Minister.

Statt in Berlin als Bundesumweltminister über die Energiewende zu sprechen, muss sich der Landtagskandidat Röttgen auf dem Bonner Marktplatz über die Herkunft von Kräuterseitlingen, Feldsalat und Mini-Gurken unterhalten. Und statt seines Hauptstadtstabs wuseln nun die Mitarbeiter des örtlichen Kreisverbands um ihn herum. Sie bemühen sich sehr, die Bürger zu einem Gespräch mit dem möglichen nächsten Landesvater einzuladen.

Hier könnte sich schon sehr bald das Schicksal der NRW-CDU entscheiden, möglicherweise sogar das der Christdemokraten im Bund. Ganz sicher aber das Schicksal Norbert Röttgens. Es droht eine Blamage, vielleicht sogar der Absturz eines Hoffnungsträgers. Und bisher deutet nichts darauf hin, dass Röttgen ihn ernsthaft abzuwenden gedenkt.

Furios gewonnen

Bei der Wahl 2010 hat der Sozialdemokrat Grünberg den Wahlkreis 29, der lange Zeit eine sichere Bank der CDU war, furios gewonnen. Mit 39,8 Prozent und sechseinhalb Prozenten Vorsprung vor der christdemokratischen Konkurrentin. Die Struktur des Bezirks kommt ihm entgegen. Hier stehen Sozialbauten, hier leben die Menschen, um die Grünberg sich kümmert. Gerade hat er von einer jungen Familie gehört, deren Wohnung am Wochenende abgebrannt ist. Die Frau ist schwanger und die Versicherung stellt sich quer. "Die wissen nicht wohin", sagt Grünberg. Das lässt ihm keine Ruhe.

Der Rechtsanwalt, der lange als Geschäftsführer des Bonner Mietervereins gearbeitet hat, ist der Lokalmatador. Röttgen der Exil-Berliner. Warum also hat sich der Minister ausgerechnet diese und keine andere Domäne ausgesucht? Im Rhein-Sieg-Kreis, wo Röttgen bei Bundestagswahlen antritt, wäre noch ein sicherer Wahlkreis vakant gewesen. Sucht er bewusst die Herausforderung? Oder ist ihm die eigene Heimat so fremd geworden, dass ihm das Risiko nicht bewusst ist?

Röttgen selbst hält den Wahlkreis für gewinnbar. Über Grünberg sagt er: "Er bemüht sich redlich." Und Grünberg wiederum sagt über Röttgen: "Ich denke, er will gar nicht in den Landtag."

Es bliebe nur ein Trick

Am 13. Mai jedenfalls könnte Norbert Röttgen folgendes Szenario ereilen: Er schafft den Sprung ins Parlament weder über den Wahlkreis noch über seinen Platz auf der Landesliste. Dann bliebe nur ein Trick. Die CDU müsste einen ihrer Abgeordneten dazu bringen, zugunsten Röttgens auf das Mandat zu verzichten. 2005 hat die Partei das schon einmal getan. Damals wurde ein Abgeordneter aus Ostwestfalen für die damalige Landtagspräsidentin Regina van Dinther wegbefördert. Doch ob sich Norbert Röttgen auf dieses Niveau begeben möchte? Dann wäre der Energiewendeminister und Reservekanzler endgültig in den Tiefen der Landespolitik angekommen.

Bernhard von Grünberg jedenfalls, der im Übrigen Platz 101 der SPD-Landesliste belegt, scheint sich mit derlei Fragen wenig zu beschäftigen. "Das interessiert mich alles nicht", raunt er. Binnen einer Stunde hat der Stratege der Straße zwei neue Aufträge gewonnen, die es sehr bald abzuarbeiten gilt: Eine alte Frau kommt nicht mehr in ihre Badewanne und braucht eine Dusche. Und ihre Nachbarin im Rollstuhl wünscht sich ein Geländer an ihrer Terrasse.

Das sind jetzt Grünbergs Sorgen.

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insgesamt 43 Beiträge
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1. Es müßten mehr von Grünbergs gewinnen
stefan.albrecht@virgilio. 11.04.2012
Zitat von sysopBodenständig, volksnah, jovial - der SPD-Mann Felix von Grünberg ist nicht nur der direkte Konkurrent Norbert Röttgens bei der Landtagswahl, sondern auch die personifizierte Gegenthese zu dem Minister aus Berlin. Ein Besuch bei einem der letzten Polit-Kümmerer Nordrhein-Westfalens. SPD-Kandidat Grünberg: Der Anti-Röttgen - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,826705,00.html)
Wenn bei Wahlen statt der Strategen und Machtdenker mehr Leute vom Schlag von Grünbergs gewinnen würden, wären viele Probleme gelöst. Auch die ständig zunehmende Ungerechtigkeit würde gebremst, sogar abnehmen, weil es endlich Gesetze geben würde, welche Reiche dazu zwingen würden, endlich Steuern zu zahlen und Arme mit dem Geld unterstützt würden. Statt dessen sind solche Leute bei uns immer mehr zu einem Schattendasein destiniert und werden oft auch belächelt von den "Strategen" und ihrem Fußvolk und gewinnen selten eine Wahl. Und das liegt an jedem einzelnen von uns, an unserem Egoismus und dem festen Glauben, dass es uns selbst nie schlecht gehen kann, der anhält, bis uns ein Schlag oder sonstwas trifft. Nur wir können es ändern.
2. Spiegel wahlkampf-hilfe pur...
proanima 11.04.2012
Zitat von sysopBodenständig, volksnah, jovial - der SPD-Mann Felix von Grünberg ist nicht nur der direkte Konkurrent Norbert Röttgens bei der Landtagswahl, sondern auch die personifizierte Gegenthese zu dem Minister aus Berlin. Ein Besuch bei einem der letzten Polit-Kümmerer Nordrhein-Westfalens. SPD-Kandidat Grünberg: Der Anti-Röttgen - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,826705,00.html)
Nun, wie gewöhnlich, greift auch der Spiegel in den Wahlkampf ein und wie immer gegen wen wohl...? Kennen wir schon seit jahrzehnten - heiße Luft und wie war das noch mit dem Wolf und den sieben...?
3. Besser
adam68161 11.04.2012
kann man es nicht beschreiben, welcher Unterschied zwischen beiden Personen besteht: Hier die Persönlichkeit, die sich um die Leute kümmert, dort der kalte Opportunist, der hoffentlich bei der Wahl die Quittung erhält.
4. Der Wettlauf zwischen Hase und Igel
h.yurén 11.04.2012
Zitat von sysopBodenständig, volksnah, jovial - der SPD-Mann Felix von Grünberg ist nicht nur der direkte Konkurrent Norbert Röttgens bei der Landtagswahl, sondern auch die personifizierte Gegenthese zu dem Minister aus Berlin. Ein Besuch bei einem der letzten Polit-Kümmerer Nordrhein-Westfalens. SPD-Kandidat Grünberg: Der Anti-Röttgen - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,826705,00.html)
wer das rennen im bekannten märchen gewonnen hat, ist bekannt. es sieht so aus, als brauchte der spd-mann nicht einmal einen trick, um dem hasen röttgen den wahlkreis zu nehmen. er hat ihn ja schon.
5. Ich liebe Euch alle
stuhlsen 11.04.2012
Also Röttgen o.k., da braucht man nichts mehr zu sagen. Der Herr Grünberg kommt hier sympathisch rüber bis auf den Satz "Ich liebe die Menschen." Da wird es mir ein bißchen Angst, das hat schon mal einer gesagt, der aber die Menschen gar nicht liebte.
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