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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 1/2014

Interview mit Femen-Aktivistin: Frau Witt, warum halten Sie sich für Gott?

Ihr Nackt-Protest im Kölner Dom sorgt für Kopfschütteln. Jetzt verteidigt Femen-Aktivistin Josephine Witt im SPIEGEL die Aktion. Ihren Kritikern wirft sie vor, Femen nicht verstanden zu haben. Und erklärt, warum es genau richtig war, Weihnachten oben ohne auf den Altar zu springen.

Femen: Der Kampf der Josephine Witt Fotos
DPA/ Elke Lehrenkrauss

SPIEGEL: Frau Witt, Sie haben sich beim Protest im Kölner Dom "I am God" auf den Oberkörper gepinselt. Warum halten Sie sich für Gott?

Titelbild
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Witt: Ich halte mich nicht für Gott, das war natürlich eine Provokation. Sie soll zeigen, dass wir alle selbst verantwortlich für unser Handeln auf Erden sind. Dass man keiner Frau verbieten kann, über ihren eigenen Körper Entscheidungen zu treffen. Genau das tut Kardinal Joachim Meisner jedoch, indem er Abtreibungen ablehnt. Das ist ein weltfremder Ansatz, gegen den Femen kämpft.

SPIEGEL: Dafür muss man bei der Weihnachtsmesse auf den Altar springen?

Witt: Femen lebt von Provokation, wir müssen schockieren. Für uns war diese traditionelle Weihnachtsmesse, bei der sich seit Jahrhunderten niemand außer dem Prediger äußern darf, der beste Moment, dagegen etwas zu tun.

SPIEGEL: Und was bewirkt eine solche Aktion ganz konkret?

Witt: Das Bild einer nackten Frau auf dem Altar ist ein Bild, das bleibt. Wir sind weltweit in den Medien. Selbst Patti Smith hat die Aktion auf ihrer Facebook-Seite geteilt.

SPIEGEL: Schön, nur was bringt das?

Witt: Wir richten uns nicht gegen Gläubige, sondern gegen die Institution und Menschen wie Meisner, die sie nutzen, um Frauen zu unterdrücken. In vielen Berichten steht jetzt was zur Haltung Meisners zur Abtreibung, zur Pädophilie. Wir haben mit unserer Aktion die Aufmerksamkeit darauf gelenkt.

SPIEGEL: Das Echo in den Medien ist verheerend. Die "Bild"-Zeitung schreibt: "Du Nackt-Mädchen nervst", der Leitartikler in der "Süddeutschen Zeitung" wirft Ihnen Spätpubertät und Narzissmus vor.

Witt: Der Mann hat wie viele andere leider nicht verstanden, worum es bei Femen geht. Es geht uns nicht um Narzissmus, im Gegenteil: Wir gehen rücksichtslos und fahrlässig mit unserer Zukunft um. Solch ein Protest bringt Risiken mit sich, ich selbst saß bereits in Tunesien im Gefängnis.

SPIEGEL: Warum verstehen so viele Menschen Femen nicht?

Witt: Wenn wir Weihnachten attackieren oder wie kürzlich die Fußball-WM, dann macht man sich natürlich keine Freunde damit. Wir sind nicht da, um gefeiert zu werden, wir sind da, um Aktionen zu machen, um die Leute zum Nachdenken zu bringen.

SPIEGEL: Meisner hat Sie während des Gottesdiensts in seinen Segen eingeschlossen, da Sie als "arme, kranke Frau" diesen "wohl auch am nötigsten" hätten.

Witt: Das klingt für mich wie Hohn. Aber dass man einen 80-Jährigen, der sein ganzes Leben auf der katholischen Kirche aufgebaut hat, nicht überzeugen kann, ist mir klar. Dafür ist er zu alt. Es war ja aber auch seine letzte Weihnachtsmesse als Kardinal.

SPIEGEL: Auch junge Leute schütteln den Kopf über Femen.

Witt: In meiner Generation sind viele mit sexualisierten Rollenbildern von devoten Frauen aufgewachsen. Wir verdrehen diese Bilder.

SPIEGEL: Sie werden also weitere Gottesdienste stürmen?

Witt: Nein, wir haben noch nie einen Protest wiederholt. Keine Sorge: Wir haben genug kreative Ideen für neue Proteste.

Das Interview führte Fabian Reinbold

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 265 Beiträge
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1. Pseudo-Revoluzzer
stefan.k 29.12.2013
Zitat: "In meiner Generation sind viele mit sexualisierten Rollenbildern von devoten Frauen aufgewachsen. Wir verdrehen diese Bilder." Indem sie ihre Brüste zeigen und sich vor versammelter Mannschaft nackig machen? Man könnte ja mal anfangen Inhalte aufzubauen...und das geht beileibe auch ohne nackte Haut. Und das sage ich als erklärter Gegner des Katholizismus.
2. Boing
KJB 29.12.2013
Die Frau ist in meinen Augen sehr wirr in ihrer Weltanschauung. Sie will Respekt und Anerkennung für alles mögliche was genau weiß Sie aber auch nicht nur Respekt gegenüber Andersdenkenden hat Sie keine. Die freie Religionsausübung anderer Menschen zu stören, ganz gleich wie man dazu steht, gehört für mich zu den abscheulichsten Taten die man überhaupt machen kann wenn man sich selbst als toleranten Menschen versteht. Am besten hat mir in dem Interview dieser Abschnitt gefallen: SPIEGEL: Und was bewirkt eine solche Aktion ganz konkret? Witt: Das Bild einer nackten Frau auf dem Altar ist ein Bild, das bleibt. Wir sind weltweit in den Medien. Gratulation, mediale Aufmerksamkeit will man aber nein, man ist kein Narzisst. Ich wünsche Ihr das sie bald aus ihrer spätpubertären Phase erwachen wird und SPON dieser verqueren Bewegung nicht weiterhin eine Präsentationsfläche bietet für ihren inhaltslosen Nackedei "Protest".
3.
M.W. aus A. 29.12.2013
Das Verhalten von Femen und und dieser Frau Witt erinnert mich eine alte Handwerkerweisheit, die das Anzeihen von Schrauben beftrifft: nach lose kommt fest, nach fest kommt kaputt. Keiner kann mir vorwerfen, daß ich auf Seiten der katholischen Kirche oder gar des erzkonservativen, aber wahrscheinlich schon etwas "altersweisen" Kardinal stehe. Aber die Aktion war nur peinlich und nicht kreativ. Ich würde jetzt aber die ganze Sache schnell zu den Akten legen.
4. Nur kein Speck ansetzen lassen
Kontra 29.12.2013
Finde ich einfach nur amüsant die AKTionen der zumeist jungen und attraktiven Frauen. Neben all den schockierenden oder provozierenden Nachrichten ein Hingucker schlechthin. Bis speziell Frau Witt dahinter kommt, das man mit dererlei Zeitvertreib sein Leben nicht auf Dauer meistern kann wird es eh nicht mehr lang dauern, aber solange es ihr Spaß macht, soll sie doch weiter machen.
5. Völliger Unsinn
veritas31 29.12.2013
"das Bild der devoten Frau" Ich habe selten so einen weltfremden Schwachsinn gelesen. Wo bitte, ist die Frau in Deutschland im Jahr 2013/14 devot? Es scheint mir, als dass die Femen-Mädels, genau wie A. Schwarzer, sehr dem Selbstmitleid verfallen sind und an der Realität vorbeigehen.
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