Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Feminismus-Debatte: Aufstand am Frauen-Stammtisch

Naiv? Ahnungslos? Überfordert? Familienministerin Kristina Schröder wird wegen ihrer Aussagen zur Emanzipation hart attackiert. Das ist überzogen, meint Ralf Neukirch in einem Debattenbeitrag. Offenbar würden in bestimmten Kreisen Karrierefrauen nur akzeptiert, wenn sie dem linken Mainstream folgen.

Bundesfamilienministerin Kristina Schröder: Schlachten, die längst gewonnen sind Zur Großansicht
dapd

Bundesfamilienministerin Kristina Schröder: Schlachten, die längst gewonnen sind

Einen Vorwurf kann man Kristina Schröder machen, wenn man will: Sie schlägt Schlachten, die längst gewonnen sind. Dass der radikale Feminismus der 70er Jahre und 80er Jahre über das Ziel hinausgeschossen ist; dass Alice Schwarzers Thesen über die sexuelle Beziehungen zwischen Männern und Frauen ein wenig einseitig sind; dass es biologisch und kulturell bedingte Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt - all das sind Thesen, die so grundvernünftig, ja banal sind, dass sie eigentlich keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervorlocken dürften.

Man kann von der Bundesfamilienministerin auch verlangen, dass sie lieber andere Themen beackern sollte, statt sich über feministische Thesen auszulassen. Am Ende wird sie daran gemessen werden, ob es ihr gelingt, die Vereinbarkeit zwischen Kindern und Beruf zu verbessern und ob sich an der Lage der Familien etwas geändert hat. Über die konkrete Politik von Frau Schröder lohnte es sich bestimmt zu streiten.

Nun schwappt aber wegen ihrer Einlassungen zur Emanzipation im SPIEGEL eine Frauenerregungswelle durch das Land. Grünen-Chefin Claudia Roth sieht den Feminismus verunglimpft. Die stellvertretende SPD-Vorsitzende Manuela Schwesig hat angeblich so viel Unsinn im Zusammenhang mit Frauenpolitik lange nicht mehr gelesen. Und Alice Schwarzer, die sich gern mal in der für Frauenthemen bekanntermaßen besonders sensiblen "Bild"-Zeitung verbreitet, wirft Schröder "Stammtischparolen" vor, um sie dann in Stammtischmanier als "hoffnungslosen Fall" zu diffamieren.

Rückkehr in die 80er-Jahre

Man könnte das alles für einen amüsanten Widerhall längst vergangener Debatten bezeichnen. Wer in den 80er Jahren studierte, kann sich an die damals in aller Ernsthaftigkeit geführten Debatten noch gut erinnern. Soll es beim Asta jetzt ein Frauen-und-Lesben-, ein FrauenLesben- oder doch lieber ein Lesben-und-Nichtlesben-Referat geben? Wobei das letztere dann auch die Männer hätte vertreten müsste, die ja in ihrer überwältigenden Mehrheit den Nichtlesben zuzuordnen sind. Aber so genau nahm man das damals nicht.

Die Diskussion über Schröders Äußerungen ist in zwei Punkten allerdings mehr als eine Zeitreise in die wilde Vergangenheit. Es zeigt sich nämlich ein interessantes Muster: Erfolgreiche Frauen werden im linken Spektrum - also in dem Milieu, in dem der alte Feminismus seine politische Heimat gefunden hat - nur dann akzeptiert, wenn sie sich im Sinne des linken Mainstreams äußern.

Als Angela Merkel im Jahr 2005 als Kanzlerkandidatin der Union - und damit auch als voraussichtliche Kanzlerin feststand - da wollte sich die Ober-Grüne Renate Künast partout nicht freuen, dass Deutschland bald eine Frau als erste Regierungschefin haben würde. Ihre Begründung: Merkel würde nicht als Frau wahrgenommen, die Frauenpolitik macht. Als Erfolg für die Frauenbewegung sollte nur der Erfolg von Frauen zählen, die Frauenpolitik im Künastschen Sinne machen, das war ihre Botschaft. Dahinter stand der immer noch nicht verrauchte Zorn darüber, dass ausgerechnet eine Frau, die um ihr Frausein nie ein Gewese gemacht hat, als erste ganz nach oben gelangt ist - und das auch in einer Partei, die nicht gerade als frauenfreundlich galt.

Nun würde selbst Frau Künast vermutlich heute nicht mehr behaupten, dass Angela Merkels Aufstieg aus Frauensicht so ganz bedeutungslos ist. Also arbeitet man sich lieber an Schröder ab. Die hat zwar mit 33 Jahren bereits eine ziemlich beeindruckende Karriere hingelegt. Aber das zählt genauso wenig, wie es seinerzeit bei Merkel gezählt hat.

Es geht um die Deutungshoheit über die Vergangenheit

Dass sich Schwarzer, Roth und Co. an Schröders Ansichten zum Feminismus abarbeiten, hat aber noch einen zweiten Grund. Es geht dabei nicht nur darum, dass man sich ungern die Deutungshoheit über die eigene Vergangenheit abnehmen lässt.

Einige Vertreter des alten Feminismus leben ganz gut von der These, dass Frauen immer und überall benachteiligt sind. In Parteien, Gewerkschaften und Verbänden sitzen Gleichstellungsbeauftragte - die in Wirklichkeit Frauenbeauftragte sind - und die darauf ihren Lebensunterhalt gründen. Sie fühlen sich angegriffen, wenn Schröder darauf hinweist, dass die Einkommensunterschiede zwischen Frauen und Männern auch mit den Berufswünschen der Frauen zu tun haben. Und das ruft dann die entsprechende Reaktion bei den parlamentarischen Interessenvertretern der Gleichstellungsbranche hervor. Dass diese Gehaltsunterschiede zwischen Frauen und Männern laut einer Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft geringer sind als angenommen, dass Schröder möglicherweise recht hat, passt nicht ins Weltbild.

Natürlich gibt es nach wie vor Ungerechtigkeiten, darauf weist auch Schröder hin. Als ungerecht gilt vielen allerdings nur, wenn Mädchen und Frauen benachteiligt werden. Wenn Jungen im Erziehungswesen abgehängt werden, dann empört sich kaum jemand von denen, die angeblich Gleichbehandlung wollen. Groß ist die Empörung allerdings darüber, dass Schröder ankündigt, für diese Jungen etwas tun zu wollen.

Vielleicht führt die Debatte um die Aussagen der Familienministerin dazu, dass die Diskussion über diese Themen versachlicht und endgültig aus der Ideologieecke herausgeholt wird. Die Anzeichen dafür sind allerdings nicht ermutigend.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 464 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Jawoll
altebanane 10.11.2010
Der Autor hat völlig Recht.
2. ooo
MarkH, 10.11.2010
Zitat von sysopNaiv? Ahnungslos? Überfordert? Familienministerin Kristina Schröder wird wegen ihrer Aussagen zur Emanzipation hart attackiert. Das ist überzogen: Offenbar werden in bestimmten Kreisen Karriere-Frauen nur akzeptiert, wenn sie dem linken Mainstream folgen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,728363,00.html
Im Gegenteil wird sie erst dann so richtig durchstarten, wenn Sie in der CSU behauptet, dass Sie gegen Emanzipation sei. In Wahrheit ist Sie ja dafür .. guter Trick also
3. Warum so konkret?
Wildesau 10.11.2010
Zitat von sysopNaiv? Ahnungslos? Überfordert? Familienministerin Kristina Schröder wird wegen ihrer Aussagen zur Emanzipation hart attackiert. Das ist überzogen: Offenbar werden in bestimmten Kreisen Karriere-Frauen nur akzeptiert, wenn sie dem linken Mainstream folgen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,728363,00.html
Das hätte man auch etwas allgemeiner halten können: "... Offenbar weden in bestimmen Kreisen MEINUNGEN nur akzeptiert, wenn sie dem linken Mainstream folgen" Drohende Folgen für Abweichlern sind bekannt.
4. ----
taiga, 10.11.2010
Die Frau Schröder gefällt mir immer besser – beileibe nicht nur optisch. Als Vater von zwei Söhnen muss man sich beizeiten Sorgen machen, wie ihre Berufschancen mal sind. Im öffentlichen Dienst sehe ich eher schwarz, sorry lila.
5. Sehr guter Beitrag!
drollo, 10.11.2010
Ich habe es schon gar nicht mehr erwartet, dass SPON sich der Sache mal von dieser Seite nähert. Man mag von Frau Schröder halten, was man will, mit ihrem Interview erweckt sie bei mir den Eindruck, die alten Gräben überwinden zu wollen und das allein zählt! Zum Beispiel für jährlich Tausende von Trennungskindern, deren Schicksal Frau Schwarzer traditionell reichlich egal ist, solange die Mutterin gut wegkommt gegenüber dem Unterdrücker. Frau Schwarzer und ihre stalinistischer Feminimus mag das ein oder andere für manche Frauen erreicht haben, aber rückblickend wird man irgendwann fragen, was hat sie für die MENSCHEN in der Gesellschaft erreicht? Natürlich außer Feindbilder aufgebaut und am Leben erhalten, Kritik unterdrückt und Konfrontation geschürt... Hinzu kommt, sie hat über's Ganze gesehen versagt. Kaum eine moderne Frau kümmert sich heute noch um die Meinung von Alice S., kaum eine moderne Frau verzichtet auf eine eigene Meinung. Da helfen auch verbale Erschiessungskommandos nicht! Und - abschliessend: Lesben sind nicht einfach so bessere Menschen und Heteros die Doofen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Fotostrecke
Frauen-Ranking: Mit Macht
Fotostrecke
Rare Spezies: Karrierefrauen in Deutschland

Fotostrecke
Kristina Schröder: Der Jungstar tritt ins Fettnäpfchen

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: