S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal Nehmt euch ein Beispiel an Alice Schwarzer

Dass Alice Schwarzer endlich weg muss, darauf kann sich die feministische Nachhut sofort einigen. Aber was kommt dann? Das Programm der neuen Netzfeministinnen hat etwas Sektenhaftes.

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Frauenrechtlerin Alice Schwarzer: "Golden Girl" des Feminismus?
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Frauenrechtlerin Alice Schwarzer: "Golden Girl" des Feminismus?


Das Schöne an Alice Schwarzer ist, dass man sich immer noch wahnsinnig gut über sie aufregen kann. Das spricht schon mal für sie. Sie ist jetzt in einem Alter, in dem andere froh wären, wenn sich zu Geburts- und Feiertagen wenigstens die Enkel melden würden, aber bei ihr reicht nach wie vor eine wohlgesetzte Provokation, und gleich gibt es wieder ein großes Hallo.

Im Augenblick regen sich ganz viele junge Frauen über sie auf, die sich auch als Feministinnen begreifen, aber leider nicht die Aufmerksamkeit genießen, die Schwarzer genießt. Unter dem Hashtag #EMMAistfürmich schreiben sie auf Twitter, wie rückschrittlich sie die Zeitschrift finden, die Schwarzer 1977 ins Leben gerufen hat, wie restriktiv und bevormundend. "Emmaistfürmich und meine Entwicklung nie relevant gewesen", erklärt die sogenannte Netzfeministin und #aufschrei-Mitinitiatorin Anne Wizorek, bei der man vermuten darf, dass ihr Verlag froh wäre, wenn sie nur halb so viele Bücher verkaufen würde wie die von ihr geschmähte Emma-Gründerin.

Es ist vermutlich kein Zufall, dass der Feminismus in Deutschland von einer Frau angeführt wurde, die sich noch nie groß darum geschert hat, was andere über sie denken, auch nicht in der eigenen Szene. Schwarzer hat immer überlegt, wie sie mit ihren Anliegen möglichst viele Frauen erreichen kann. Der moderne Feminismus geht den umgekehrten Weg. Statt ins Allgemeingültige zielt er ins Sektenhafte und wiederholt damit den Fehler vieler linker Bewegungen, denen die Befassung mit Unterschieden immer wichtiger war als die Betonung von Gemeinsamkeiten und damit der Gewinn an politischer Durchschlagskraft.

Das Dilemma der Identitätspolitik

Dass der Netzfeminismus auf das akademische Milieu beschränkt bleiben wird, dem die meisten seiner Aktivistinnen entstammen, hat ausgerechnet der #aufschrei bewiesen. Der plumpe Alltagssexismus war ein Thema, mit dem viele Frauen etwas anfangen konnten, auch außerhalb des Seminarraums. Aber statt von dort weiterzumachen, verzettelten sich die Initiatorinnen in einer Debatte über die Frage, wer das Recht habe, öffentlich über Feminismus zu reden. Als eine der #aufschrei-Gründerinnen bei Maischberger saß, wurde sie anschließend in eine Diskussion verstrickt, weshalb sie es versäumt habe, auf die "Mehrfachdiskriminierung" lesbischer und nichtweißer Frauen hinzuweisen. Das Ganze gipfelte in dem Vorwurf, wenn sie wirklich eine Feministin sei, hätte sie ihren Platz in der Sendung einer "Person of color" überlassen.

Solche Reaktionen verraten nicht nur eine atemberaubende Unkenntnis der Arbeitsweise von Talkshow-Redaktionen, sondern zeigen auch das Dilemma der Identitätspolitik, weil es in deren Logik immer jemanden gibt, der noch stärker betroffen ist als man selber. Muss man nach diesen Kriterien eine Anwältin der guten Sache auswählen, die über jeden Zweifel erhaben ist, kommt irgendwann nur noch eine Frau schwarzer Hautfarbe mit muslimischem Hintergrund in Frage, die seit ihrer Kindheit im Rollstuhl sitzt und sich nur über Gebärdensprache verständigen kann.

Anfang des Jahres hat die Journalistin Michelle Goldberg in der amerikanischen Wochenzeitung "The Nation" die Folgen der "toxic twitter wars" beschrieben, die gerade den Feminismus lahm zu legen drohen. Wer ein Online-Projekt starte, dem werde vorgehalten, er diskriminiere Frauen, die keinen Internetanschluss haben. Wer ein Treffen in New York abhalte, benachteilige alle, die nicht im Nordosten der USA lebten. Man kann das immer weiter treiben. Am Ende gibt es niemanden klaren Verstands mehr, der nicht den Dienst quittiert.

Schwarzer ist immer noch da, wo andere gerne wären

Es ist schon anstrengend genug, die Beschimpfungen von irgendwelchen Kerlen auszuhalten, die einen roten Kopf kriegen, sobald sie nur das Wort Feminismus hören - wenn man sich dann auch noch im eigenen Lager zur Minna machen lassen muss, weil man angeblich seine Privilegien nicht hinreichend reflektiert, geht selbst der überzeugtesten Feministin irgendwann die Luft aus. Sie habe auf diese "ganze Awareness-Scheiße" einfach keine Lust mehr, sagte mir neulich eine Bekannte, die es leid ist, ständig darauf achten zu müssen, dass sie ja nicht die Sprachcodes der Szene verletzt.

Das eigentliche Ärgernis an Schwarzer ist, dass sie noch immer da ist, wo andere gerne wären. Es sei an der Zeit, dass sie ihre Position räume und Platz für Jüngere mache, heißt es nahezu flehentlich unter den Nachfolgerinnen. Oder wie es dieser Tage ein Tweet der großen Anti-Schwarzer-Koalition ausdrückt: "#EMMAistfürmich die Bestätigung, dass die Golden Girls des Feminismus endlich Sendeschluss habe sollten."

Sie könne alle Frauen, die gerne eine ähnliche Rolle in der Öffentlichkeit spielen wollten, nur ermuntern, dies zu tun, hat Schwarzer einmal auf den Vorwurf gesagt, sie sei zu dominant. "Ich bin nicht gewählt wie die Kanzlerin und auch nicht die Vorsitzende der Frauenbewegung. Wenn die Schwarzer mal nicht mehr sein sollte, weil sie sich nach Frankreich verdrückt hat oder in den Rhein gefallen ist - ja, dann bleibt ihr Stuhl leer. Das ist nämlich der Stuhl von der Alice."

Das war natürlich wieder so ein Satz, den man ihr wahnsinnig übel genommen hat. Das Schlimmste daran ist: Er ist auch noch wahr.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 161 Beiträge
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Seite 1
karatekid 11.11.2014
1. Stimmt!!!
Zum ersten Mal eine Kolumne von Jan Fleischhauer, über die ich mich nicht nur nicht aufrege, sondern der ich auch noch voll und ganz zustimmen kann!!
Wheredoyouwanttogotoday? 11.11.2014
2. Da ist was dran.
Aber ich wüsste nicht, wo die Gemeinsamkeiten sind, wenn Alice Schwarzer ihre Popularität missbraucht, um eine ganze Berufsgruppe als nicht existent zu diffamieren? SexdienstleisterInnen sind für sie entweder Täter oder Opfer. Jegliche Freiwilligkeit ihrer Handlungen wird ihnen abgesprochen. Und Konservative hören das gerne und feilen schon an Gesetzesverchärfungen. Das ist keine Theorie, sondern Realität. Dieses problemlose Umschwenken von Jahrhunderten kriminalisierten zu nun viktimisierten Menschen ist für alle, die damit zu tun haben, einfach unerträglich. Und es ist Frau Schwarzer, die nicht bereit ist, darüber zu diskutieren.
mesalliance 11.11.2014
3.
interessante betrachtungsweise, allerdings dürften die zum teil sehr demagogisch wirkenden ansichten die frau schwarzer vertritt einen wesentlichen anteil daran haben dass vielen menschen alice schwarzer suspekt ist.
colinchapman 11.11.2014
4. wirklich ?
"Schwarzer hat immer überlegt, wie sie mit ihren Anliegen möglichst viele Frauen erreichen kann." Das ist eine Ausdrucksweise, die ich nur als Euphemismus bezeichnen kann. Richtig wäre in meinen Augen viel mehr, Frau Schwarzer hat immer überlegt, wie sie sich selbst möglichst intensiv in Szene setzen kann. Aber im Prinzip spielt das keine Rolle. Ihre Weltanschauung hat sich genauso überlebt wie vieles andere aus den 70er Jahren.
ratem 11.11.2014
5. Was?
Was um Himmels willen befähigt ausgerechnet Jan Fleischhauer über Feminismus zu schreiben? Das Ergebnis war absehbar ... Diffamierung im Fleischhauer-Stil ... irgentwie erbärmlich.
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