Kommentar Warum ich keine Feministin sein will

Statt auf souveräne Überzeugung setzt der moderne Feminismus auf aggressive Töne. So wird er selbst Gleichgesinnte vergraulen.

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Besucherin einer Kunstausstellung: Vergrault der Feminismus seine Anhänger?
Corbis

Besucherin einer Kunstausstellung: Vergrault der Feminismus seine Anhänger?


Ich finde Betreuungsgeld und Ehegattensplitting überflüssig, die Frauenquote halte ich für notwendig. Ich bewundere beruflich erfolgreiche Frauen, ob mit oder ohne Kind. Wenn als Gastgeschenke "Blumen für die Damen" und "Schnaps für die Herren" verteilt werden, bin ich irritiert.

Magazincover, auf denen barbusige Frauen Krebs, Arthrose oder Rückenleiden illustrieren, nerven. Ich halte Sexismus für ein großes Problem und bin der Meinung, dass Deutschland von echter Gleichberechtigung weit entfernt ist.

Trotzdem will ich nicht das Etikett "Feministin" tragen. Warum, fragen Freundinnen und Bekannte.

Leider wirkt der moderne Feminismus zunehmend wie eine Bewegung, die nicht überzeugen, sondern mit dem Vorschlaghammer bekehren will. Kluge und wichtige Argumente werden überlagert von aggressiven Tönen, ob im Netz oder im Café. Kluge und wichtige Wortführerinnen, die betont behutsam auftreten, werden gleich mit übertönt.

Das Ergebnis vieler Diskussionen über Männer und Frauen scheint von vornherein festzustehen: im Zweifel für die Frau. Wer eine Gegenrede wagt, ist automatisch ein Gegner des Feminismus, ein Gegner aller Frauen.

Wieder mehr zuhören

Durch dieses Prinzip macht sich der moderne Feminismus angreifbar. Er macht dicht, er grenzt sich ab, er grollt und schlägt um sich. Dabei sollte er wieder mehr zuhören, auch wenn es schwerfällt, nach Gründen fragen, nach Motiven.

Es ist interessant, was ein Firmenchef zu sagen hat, der nach eigenen Angaben keine weiblichen Führungskräfte findet. Oder eine Akademikerin, die nie einen Beruf ergriffen, sondern einen Alleinverdiener geheiratet hat. Oder eine Mutter, die ihre Tochter ins Barbie Dreamhouse schleppt.

Es wird für all das Argumente geben. Indem man sie ignoriert oder mit Verachtung überzieht, verschwinden sie nicht. Ganz im Gegenteil.

Im Alltag führt das zu einer Tabuisierung bestimmter Meinungen, so harmlos sie auch sein mögen. Auf Twitter oder in Gesprächen sollte man besser kein Plädoyer für die Kinderbetreuung außerhalb einer Kita halten. Man sollte lieber nicht laut sagen, dass von Unternehmen bezahltes Eizellen-Einfrieren womöglich keine schlechte Idee ist. Man darf auch nicht gerne "Topmodel" gucken.

Wer es tut, wird sofort zum geistigen Feind deklariert. Es gibt dann richtig und falsch, und viel zu wenig Raum für alles, was dazwischen liegt. Im Eifer der Auseinandersetzung ziehen dann nicht nur Pöbler (zu Recht!) Zorn auf sich, sondern mitunter auch Menschen, die einfach ihre Sicht der Dinge beschreiben wollen. Feministinnen, die ständig und überall den "Kampf gegen die Maskus" ausrufen - dazu möchte ich nicht gehören.

Ich glaube nicht, dass der Feminismus eine neue Führungsfigur braucht, wie die "Zeit" kürzlich forderte. Was er braucht, ist eine neue Willkommenskultur. Eine klare Haltung mit klaren Botschaften kann auch mal laut und wütend artikuliert werden. Aber dann bitte klug dosiert, nicht reflexhaft.

Denn ein bornierter, dauererregter Feminismus, der nicht mehr einlädt, sondern hauptsächlich abwehrt, hält am Ende nur den harten Kern zusammen. Diejenigen, die ein paar Fakten und Argumente dringend nötig hätten, bringt er nicht einmal in die Nähe des Umdenkens.

Und schlimmer noch: Er vergrault sogar jene Menschen, die die Ziele eines modernen Feminismus eigentlich teilen.

Zur Autorin
Jeannette Corbeau
Annett Meiritz ist Politik-Redakteurin im Parlamentsbüro von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Annett_Meiritz@spiegel.de

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