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Feminismusdebatte: Hauptsache, es macht Krach

Ein Debattenbeitrag von Meredith Haaf

Kristina Schröder macht viel Lärm und wenig Politik - ihre Kommentare zum Feminismus sind Beleg ihrer Ahnungslosigkeit. Erstaunlich ist nur, dass nun schon die zweite Unionsfrau einen Gegenentwurf zu der modernen CDU liefert, für die Ursula von der Leyen und Angela Merkel stehen.

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Eigentlich muss man sich fast schon wundern über die entsetzten Reaktionen auf die kleinen Ideen der Kristina Schröder zum Thema Feminismus. Denn das, was die Familienministerin in der Sache von sich gegeben hat, besitzt weder die inhaltliche noch die intellektuelle Qualität eines Debattenbeitrages.

Das zeigt allein ihr etwas löchriges Politikverständnis: Die Einführung der Quote soll "Kapitulation der Politik sein"? An sich stellt die Quote ein politisches Instrument in Reinform dar. Aber möglicherweise kennt sich Frau Schröder damit nicht so gut aus. Muss sie ja nicht, sie ist schließlich dagegen.

Was stimmt: Kristina Schröder weiß erschreckend wenig über das, wovon sie so abwertend spricht. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Menschen mehr Meinung als Ahnung haben, in diesem Falle wegen des Amtes der Meinungsinhaberin aber doch sehr ärgerlich.

Schröder vermischt also historische Phasen und politische Ebenen der Frauenbewegung, denkt bei Feminismus nur an Alice Schwarzer, und schwadroniert irgendetwas von den armen Schuljungen, die man nicht mit Ponys und Schmetterlingen im Diktat belästigen dürfe, bloß "weil die Männer die vergangenen Jahrtausende unbestritten die Vorherrschaft besaßen".

Es ist alles so platt, dass es schon fast wieder unterhaltsam ist.

Schröders Überlegungen zu den sexuellen Befreiungsversuchen der Frauenbewegung zum Beispiel. Das bewegt sich immer noch auf dem Niveau der Abiturientin, die sie war, als sie notorischerweise in ihrer Abschlusszeitung angab, niemals Feministin werden zu wollen: "Dass Homosexualität jetzt aber die Lösung der Benachteiligung der Frau sein soll, fand ich damals nicht besonders überzeugend."

Man möchte seufzen: "Ja, Schätzchen, Ihr Abitur ist nun auch schon eine Weile her. In dieser Zeit hätten Sie durchaus mitkriegen können, dass auch schon in den krassen Siebzigern niemand lesbisch werden musste, bloß weil sie gleiche Rechte für alle wollte." Doch wäre das natürlich paternalistisch und herablassend, und ehrlich gesagt reicht es bei den meisten Feministinnen angesichts so vieler Plattitüden auch nicht mal für ein müdes Seufzen.

Sie haben nämlich Besseres zu tun.

Eine Feminismusdebatte sieht anders aus

Kristina Schröders Einlassungen sind kein Anlass für eine Diskussion über die angebliche Dominanz linker Positionen in der Gesellschaftspolitik. Frau Schröder wird wegen ihrer Meinung nicht an die Wand gestellt, sie wird kritisiert - und kann damit sicherlich umgehen. Nur weil Politikerinnen im Lande sich zu Recht über das mangelnde Wissen der Ministerin ärgern, nur weil Alice Schwarzer mit Hochblutdruck und Mittelniveau etwas in ihren Weblog schreibt, findet auch noch längst keine Feminismusdebatte statt. Denn dafür sind die Voraussetzungen einfach nicht gegeben: Alles, was die Ministerin zum Thema zu sagen hat, geht ein paar Jahrzehnte am echten Feminismus, der da draußen passiert, vorbei.

Junge Frauen und Männer, die sich heute im Internet, in ihrer Arbeit und auf der Straße mit Gender-Fragen und Gleichberechtigungsthemen auseinandersetzen, wissen um Tradition und Entwicklung der Frauenbewegung, sie reden von Geschlechterdemokratie und meinen das auch so. Das müffelnde Klischee der männerfeindlichen Sexkaputtmacherinnen ist für sie uninteressant. Die Pro-Sex-Fraktion im Feminismus versucht stattdessen Haltungen und Forderungen zu entwickeln, wie wir die Realität von Prostitution oder Pornografie vereinbaren können mit den Rechten und der Würde von Frauen (und Männern).

Feministinnen, die täglich Familien helfen, mit den Folgen von häuslicher Gewalt fertig zu werden, ist es egal, ob kleine Jungs in ihren Schuldiktaten mit Ponys belästigt werden, weil sie nebenher alle Hände voll damit zu tun haben, die sexuelle Belästigung von kleinen Kindern zu bekämpfen.

Der Feminismus ist in Theorie und Praxis viel weiter als alles, was der Ministerin in ihrer kleinen Meinungsstunde zu dem Thema eingefallen ist.

Frauen sind immer das Problem

Dass Kristina Schröder dem Feminismus, beziehungsweise dem, was sie darunter versteht, nichts abgewinnen kann, dürfte eigentlich niemanden überraschen. Denn wenn man ihren Einlassungen des letzten Jahres folgt, muss man feststellen: Die Ministerin für Familie, Frauen, Senioren und Jugend kann offenbar nicht mal denen, für die sie zuständig ist, sehr viel abgewinnen.

  • Im Frühjahr twitterte sie gegen arme Familien und strich ihnen, ohne mit der Wimper zu zucken, das Elterngeld.
  • Vor wenigen Wochen forderte sie die Einführung eines Straftatbestands "Deutschenfeindlichkeit", hauptsächlich aufgrund ihrer eigenen Beleidigungserfahrungen (mit denen sie als Bundespolitikerin bestimmt ganz alleine da steht), was mit ihrem Amt und der Politik, die sie damit machen sollte, eigentlich nichts zu tun hat.
  • Offenbar mag sie keine Frauen, oder wie soll man folgendes Zitat sonst verstehen: "Für die Männer sind die unterschiedlichen Rollenerwartungen das Problem, wir Frauen leiden oft unter unserem Perfektionismus. Frauen wollen sowohl die Supermutter sein als auch die Superpartnerin als auch top im Job."

Nach dieser Logik sind also immer die Frauen das Problem: Sie erwarten zu viel von den Männern, und dann erwarten sie auch noch zu viel von sich selbst. Die einzigen, die Kristina Schröder bisher in Ruhe lässt, sind die Senioren, aber auch die sollten sich in Acht nehmen.

Es macht Krach, und es ist einfach

Der Antifeminismus der Kristina Schröder ist nichts weiter, als ein Auswuchs ihrer grundsätzlichen Strategie, ohne Not Angriffe auf die Gesellschaft zu lancieren, frei nach dem Motto: Hauptsache der Name steht in der Zeitung. Mal sind das die Hartz IV-Empfänger, mal die Frauen, die sich ihr niedriges Gehalt angeblich selbst aussuchen, mal die Einwandererjugendlichen, die in Zeiten von Thilo Sarrazin eh keine Lobby haben.

Was sie sich davon genau verspricht, bleibt schleierhaft. Es macht halt Krach, und es ist einfach. Konkrete Politik, die man von einer Bundesministerin erwarten könnte, sieht anders aus.

Deswegen wäre es viel interessanter zu hören, was Angela Merkel und Ursula von der Leyen über die Ansichten ihrer Kollegin denken, als was Alice Schwarzer oder die Feuilletons finden. Denn Schröder ist die zweite junge Konservative, die sich diese Woche zu Lasten der Gleichstellungspolitik einen billigen Profilierungsschub verschaffte. So hat erst am Wochenende die Vize-Vorsitzende der Jungen Union Bayerns, Katrin Poleschner, sich radikal gegen die Einführung der Frauenquote gestellt und dafür viel Aufmerksamkeit und Lob erhalten.

Schröders Interview im SPIEGEL ist wie ein Gegenentwurf zu allem, wofür von der Leyen als Familienministerin stand: Wo jene Veränderung durch Politik erwirken wollte, möchte diese sofort beginnen, die Veränderungen aufzuhalten, in dem sie so wenig Politik wie möglich macht. Feministinnen werden sich davon nicht stärker stressen lassen als Schuljungs von Schmetterlingen.

Frau Merkel und Frau von der Leyen, die für eine moderne CDU stehen wollen, dürfen sich aber fragen, was die Aussagen der jungen Unionsfrauen für das Profil ihrer Partei bedeutet.

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1. Viel Lärm um nichts.
sic tacuisses 15.11.2010
Zitat von sysopKristina Schröder macht viel Lärm und wenig Politik - ihre Kommentare zum Feminismus sind Beleg ihrer Ahnungslosigkeit. Erstaunlich ist nur, dass nun schon die zweite Unionsfrau einen*Gegenentwurf zu der modernen CDU liefert, für*die Ursula von der Leyen und Angela Merkel stehen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,728644,00.html
2. Aha?
zx6 15.11.2010
Zitat von sysopKristina Schröder macht viel Lärm und wenig Politik - ihre Kommentare zum Feminismus sind Beleg ihrer Ahnungslosigkeit. Erstaunlich ist nur, dass nun schon die zweite Unionsfrau einen*Gegenentwurf zu der modernen CDU liefert, für*die Ursula von der Leyen und Angela Merkel stehen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,728644,00.html
Aha, zu behaupten, daß es nicht stimmt, daß heterosexuelle Beziehungen automatisch Unterdrückung und Vergewaltigung bedeuteten, das ist also "ahnungslos"? Na dann bin ich gerne "ahnungslos" und Frau Haaf darf sich auf der Insel der "Ahnung-habenden" gerne alleine austoben. zx6
3. Selber per Quote ins Amt
Palich 15.11.2010
Frau Schröder ist selber nur per Quote in diese Amt gekommen. Nicht per Frauquote, aber per Länderquote. Sie ist Hessin und aus dem Stall von Roland Koch. Nachdem Franz-Josef Jung gegen Frau von der Leyen ausgetauscht wurde, war halt ein Platz im Kabinett frei und es fehlte jemand aus dem mächtigen hessischen Landesverband. Mit Kompetenz hat ihr Ministeramt nichts zu tun. Man dachte wohl, dass in diese Ressort niemand allzu viel Unfug machen kann, aber Kristina Schröder belehrt uns da eines besseren. Da wünscht man sich ja fast schon Frau von der Leyen in dieses Amt zurück...
4. am liebsten ohne titel
sophophil 15.11.2010
ich werde das gefühl nicht los, dass sich da jemand auf den schlips getreten fühlt. die autorin macht teilweise das gleiche wie sie der ministerin vorwirft. "ohne mit der wimper zu zucken streicht sie das elterngeld". was für ein schwachsinn. schade, wenn man sich selbst den wind aus den segeln nimmt. ernst gemeinte und ernst zu nehmende kritik kommt konstruktiv daher und nicht in einer solch eingeschnappten art und weise. naja, aber wenigstens habe ich noch einmal über den inhalt nachgedacht. das ist mein persönliches highlight an dem artikel
5. Viel Lärm um wenig / es liegt an uns
FRWBonn 15.11.2010
1. Dieser "Debattenbeitrag von Meredith Haaf" ist ebenso platt und inhaltsarm, wie er es den Äußerungen der Ministerin zuspricht. 2. Was die Ministerin im SPIEGEL-Gespräch sagte, war nicht sonderlich bemerkenswert; die einzige Stelle, die wirklich Aufmerksamkeit verdient, ist die Passage mit Äußerungen zum Einkommens-Defizit der Frauen im Vergleich zu Männern. Hier findet echte Diskriminierung statt, und hier hätte Frau Ministerin mehr Faktennähe und folglich mehr Urteilskaft zeigen sollen. 3. Feminismus ist lange schon abgelöst durch das Bemühen, Diskriminierungen jeglicher Art zu bekämpfen. Wo Frauen benachteiligt werden, gilt die Aufmerksamkeit Frauen; wo andere benachteiligt werden, gilt die Aufmerksamkeit eben anderen. Eklig wird es, wenn versucht wird, die Einen gegen die Anderen auszuspielen. Diesen kleinen Nachgeschmack aber liefern leider beide Seiten der Debatte: Frau Ministerin neigt zum Untertreiben, manche Feministin (Alice Schwarzer) zum Übertreiben, und beide zum Nachteil von Betroffenen. 4. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Wir alle sollten auf das Geschwätz der LautsprecherInnen nicht hören und tagtäglich im Kleinen das Richtige tun, damit im Großen die Lautsprecher erst gar nicht viel zu tun (und folglich nicht zu viel Macht) bekommen. Es liegt an uns. Wie immer, eigentlich.
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