Fernsehdebatte Zuschauer sehen Schröder vorn

Typisches Ritual: Nach dem TV-Duell zwischen Kanzler Schröder und Herausforderin Merkel beanspruchen SPD und Union jeweils den Sieg für ihren Spitzenkandidaten. Laut Umfragen gibt es indes einen eindeutigen Gewinner. Mancher Experte wurde jedoch durch eine schlagfertige Merkel überrascht.


Duell im Fernsehen: Schlagabstausch zwischen Merkel und Schröder
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Duell im Fernsehen: Schlagabstausch zwischen Merkel und Schröder

Passau/Berlin - Die Blitzumfragen für ARD, ZDF, RTL und Sat.1 sprechen eine klare Sprache: Die Zuschauer des rund 90 Minuten langen Schlagabtauschs sehen mit großer Mehrheit Schröder als den überzeugenderen Politiker. Schröder lag in allen Umfragen mindestens 15 Prozentpunkte vor Merkel. In einer Blitzumfrage des Forsa-Instituts für RTL sahen 54 Prozent der Befragten den Kanzler, nur 31 Prozent CDU-Chefin Merkel als Sieger des Streitgesprächs an.

In den ARD-und ZDF-Umfragen sahen knapp 50 Prozent Schröder und rund 30 Prozent Merkel als Gewinner. Merkel überzeugte der ARD-Umfrage zufolge nur in den Bereichen Arbeits- und Familienpolitik. Schröder punktete in der Außen-, Steuer- und Rentenpolitik. Auch im persönlichen Auftreten sahen die Institute Schröder vorn. Bei einem nicht repräsentativen SPIEGEL-ONLINE-Voting kam der Kanzler am frühen Morgen auf fast 70 Prozent. Für Herausforderin Merkel als Gewinnerin stimmten lediglich knapp über 30 Prozent der Teilnehmer.

"A- und B-Note"

"Es war mindestens ein Patt", sagte hingegen Parteienforscher Jürgen Falter der "Passauer Neuen Presse". "In der A-Note, bei den Inhalten, war Angela Merkel mindestens gleichauf mit dem Kanzler. Sie war auch präziser, was ihre Zukunftsvorstellungen angeht. Bei der B-Note dem persönlichen Eindruck der Kandidaten hat sich Gerhard Schröder womöglich sympathischer präsentiert." Merkel habe aber nicht in der Weise "geschwächelt", wie es erwartet worden sei.

Merkel habe klar zu erkennen gegeben, was die Bürger unter einer Unions-Regierung erwarten würde, der SPD-Politiker Schröder sei dagegen "inhaltlich relativ blass geblieben", betonte Falter. Der Kanzler habe "womöglich ein wenig Beißhemmung gegen Frau Merkel" gehabt, vermutete der Parteienforscher. "Er ist ihr viel seltener ins Wort gefallen als Stoiber beim Duell vor der letzten Wahl. Die beiden Kontrahenten haben sich insgesamt weniger aufgeplustert. Vielleicht ist das die logische Konsequenz, wenn sich eine Frau und ein Mann in einem solchen Duell gegenüberstehen."

Auch für den Leiter des Adolf Grimme Instituts, Uwe Kammann, hatte das TV-Duell keinen Sieger. "Wenn man nach Punkten urteilen wollte, denke ich, war es ein Unentschieden", sagte Kammann der "Berliner Zeitung". Merkel sei überraschend souverän aufgetreten. Sie habe sicher und gut formuliert, sagte Kammann. Schröder sei sich selbst treu geblieben. Dass das Streitgespräch großen Einfluss auf die Wahlentscheidung in zwei Wochen haben wird, glaubt der Medienexperte nicht. "Das TV-Duell verstärkt bestenfalls bestehende Eindrücke", sagte Kammann.

Es sei eine interessante Bestandsaufnahme gewesen. Den vier Moderatoren stellte Kammann ein gutes Zeugnis aus. "Sie waren gut vorbereitet und gut aufeinander abgestimmt", sagte er. Angesichts des hohen Erwartungsdrucks hätten sie eine gute Leitung gebracht.

Für den Kommunikationspsychologen Ulrich Sollmann hat hingegen Schröder ganz klar gewonnen. Der Amtsinhaber habe sogar "mit einem Pluspunkt oder einem Sternchen" vorn gelegen, sagte der Politikberater zu SPIEGEL ONLINE. Merkel hingegen sei nach einem forschen Beginn schwach und unter Stress gewesen. "Sie verzog stellenweise ihr Gesicht fast zu Grimassen. So wie spätpubertierende Kinder das manchmal machen, wenn sie ihren Eltern zuhören."

Schröder habe sich von seinem Glaubwürdigkeitsproblem am Sonntagabend ein Stück weit befreit, sagte auch der Chef des Meinungsforschungsinstitutes Infratest dimap, Richard Hilmer. Wenn er in dieser Richtung weiter arbeite, könne er in den kommenden Wochen vor allem solche Wähler zurückgewinnen, die bisher noch zur Linkspartei tendiert hätten. Merkel hingegen habe eine offene Flanke bei der Steuerpolitik. An diesem Punkt müsse sie nacharbeiten, sagte Hilmer.

Der Augsburger Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider sieht dagegen Schröder als Verlierer. Merkel habe "besser abgeschnitten als erwartet", sagte Brettschneider im Bayerischen Rundfunk. Der Kanzler sei zwar "souveräner im Umgang mit der Kamera" gewesen. Er habe aber "einiges von dem Charme vermissen lassen, den er bislang im Flirt mit der Kamera an den Tag gelegt hat", fügte der Experte hinzu. Aus seiner Sicht wirkte der Kanzler "lustlos". Für Brettschneider ist nach dem TV-Duell klar, dass der Kanzler "den Wahltrend nicht wenden" konnte, "insofern hat er verloren".

Auch CDU-Generalsekretär Volker Kauder lobte seine Kandidatin: "Wir haben heute die Kanzlerin von Deutschland gesehen." Schröder habe sich als Regierungschef "auf Abschiedstour" präsentiert. Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) sagte, Merkel sei auf Augenhöhe mit dem Kanzler gewesen. FDP-Generalsekretär Dirk Niebel bilanzierte: "Das war die letzte Gerd-Show."

SPD-Chef Franz Müntefering wertete Schröders Auftritt hingegen als "Schub für den Wahlkampf". Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) sagte heute im Deutschlandfunk, Schröder sei souverän gewesen und habe handlungs- und zukunftsorientiert gesprochen. Das TV-Duell werde den Aufholprozess der SPD "deutlich stärken". Er kritisierte zugleich, dass das Thema Ostdeutschland in der Gesprächsrunde nicht vorgekommen sei.

Grünen-Chef Reinhard Bütikofer lobte, dass Schröder "einen schönen grünen Faden gesponnen" habe. Grünen-Fraktionschefin Krista Sager, sagte der "Berliner Zeitung", Schröder sei sympathisch gewesen und habe klare Botschaften gesetzt. Dabei habe er auch grüne Ziele etwa in der Umweltpolitik vertreten.

Der Vorsitzende der Linkspartei, Lothar Bisky, sieht Schröder als Sieger des TV-Duells. "In der A-Note waren sie gleich und in der B-Note ist der Kanzler eben besser", sagte Bisky im ARD-«Morgenmagazin. Allerdings sei Merkel "nicht so blass neben dem Kanzler geblieben". "Insgesamt ist Schröder eben der Medienkanzler und das wird er nicht mehr lange sein", fügte Bisky hinzu.

Angriffslustige Atmosphäre

Im ersten und einzigen TV-Zweikampf dieses Wahlkampfs stritten die Kandidaten heftig, zeitweise bis hinein in die kleinsten Details. Zuweilen entstand der Eindruck, zwei Regierungsbeamte würden sich in der Bundestags-Kantine um das richtige Steuersystem zanken, abseits jeder Rücksichtsname auf die Zuschauer. Erst im Laufe des Gesprächs gewann die Diskussion an Konturen, traten die grundsätzlich unterschiedlichen Konzepte der Kontrahenten zum Vorschein.

Wesentlichen Platz nahm die Debatte über die Steuerpolitik ein. Schröder sagte, er warne davor, die Bürger in Deutschland zu "Versuchskaninchen" für die Pläne des Unions-Finanzexperten Paul Kirchhof zu machen. Es sei unsozial, von Millionären und Krankenschwestern den gleichen Steuersatz zu verlangen. Merkel verteidigte Kirchhof: Er habe Visionen und beschäftige sich eher damit, was möglich sei, und nicht damit, was nicht gehe.

Merkel betonte beim Thema Arbeitsmarkt, sieben Jahre rot-grüner Regierung seien schlechte Jahre für Deutschland gewesen. Schröder sei für fünf Millionen Arbeitslose verantwortlich. Der Kanzler entgegnete, die Union verschweige, dass in dieser Zahl 200.000 bis 500.000 frühere Sozialhilfeempfänger enthalten seien.

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