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Festnahmen in der Provinz: Dorfpolizist zwang Terror-Fahnder zum Zugriff

Es war einer der größten Einsätze der Nachkriegsgeschichte - ausgelöst auch durch eine Panne: Weil ein Dorfpolizist bei einer Kontrolle zu redselig war, entschlossen sich die Fahnder zum Zugriff auf die Terrorverdächtigen. Die wurden von Hintermännern massiv unter Druck gesetzt, bald zuzuschlagen.

Berlin - Aus den Ermittlungen gegen die am vorigen Dienstag im Sauerland verhafteten Terror-Verdächtigen werden immer mehr Details bekannt. Offenbar wurde das Trio aus Pakistan massiv unter Druck gesetzt, schon bald einen Anschlag in Deutschland zu begehen.

Nach Informationen des SPIEGEL hörte das Bundeskriminalamt (BKA) Ende August einen Telefonanruf eines Unbekannten aus Nordpakistan ab, der den deutschen Islamisten eine Frist von 14 Tagen setzte. Die Bundesanwaltschaft sucht deshalb nach zwei Unbekannten mit den Decknamen "Sule" und "Jaf".

Die möglichen Ziele für einen Anschlag leiten die Ermittler aus einer Autofahrt von Fritz G. und Adem Y. am 20. Juli ab. Auf dem Weg zu einem Chemikalienhändler in Hannover diskutierten die beiden Männer, welche Ziele man ins Auge fassen könne. Genannt wurden neben Flughäfen auch Nachtclubs oder "eine Disco mit amerikanischen Schlampen". Weil das BKA das Auto verwanzt hatte, konnten die Ermittler den Dialog abhören. Auch das Ferienhaus im Sauerland wurde mit einem Großen Lauschangriff abgehört.

Mittlerweile haben die Fahnder auch rekonstruiert, dass die in dem Haus sichergestellten Militärsprengzünder aus Syrien stammen und mit einem Kurier eingeschleust wurden.

Der Zugriff am vergangenen Dienstag resultierte nach Informationen des SPIEGEL auch aus einer Polizeipanne: Als die drei Verdächtigen zufällig in eine Kontrolle gerieten, entfuhren einem Dorfpolizisten bei der Überprüfung die Worte, die Männer stünden ja "auf der Liste des BKA". Das hörten nicht nur Fritz G., Adem Y. und Daniel S. in dem verwanzten Auto, sondern auch die live lauschenden BKA-Beamten.

Wie entschlossen die Verdächtigen offenbar waren, zeigt sich angesichts der Tatsache, dass sie die laufende Observation offenbar bemerkten. So stieg einer der Islamisten einmal an einer roten Ampel aus und schlitzte seelenruhig die Reifen eines Verfolger-Wagens des Verfassungsschutzes auf.

Für ihre Anschlagsplanungen hatte das Trio laut Bundesanwaltschaft in Frankreich bereits drei gebrauchte Kleintransporter besorgt. Die Wagen mit französischen Kennzeichen führten sie nach Deutschland über. BKA-Ermittler gingen laut "Focus" davon aus, dass die Transporter als Autobomben eingesetzt werden sollten.

Die mutmaßlichen Terroristen gingen dem Bericht zufolge äußerst konspirativ vor. So fuhr der mutmaßliche Kopf der Gruppe, der zum Islam konvertierte Fritz G., in 80 Kilometer entfernte Telefon-Callshops, um Anweisungen der "Islamischen Dschihad Union" aus Pakistan einzuholen. Seine Gesprächspartner habe er "Chef" genannt.

Die über Monate laufende, von den Geheimdiensten "Operation Alberich" getaufte Überwachung war nach Informationen des SPIEGEL auch eines der wichtigsten Themen in den deutsch-amerikanischen Beziehungen. Schon während des G-8-Gipfels in Heiligendamm hatte US-Präsident George W. Bush Bundeskanzlerin Angela Merkel auf die laufenden Ermittlungen angesprochen. In Berlin arbeitete gar eine gemeinsame Arbeitsgruppe deutscher Behörden und der amerikanischen CIA an dem Fall. Die Kooperation sei "so eng wie nie" gewesen, sagte US-Heimatschutzminister Michael Chertoff dem SPIEGEL.

Indes geht die Bundesanwaltschaft im Fall der mutmaßlich geplanten Anschläge weiterhin von insgesamt zehn Verdächtigen aus. Dies bekräftige eine Sprecherin der Behörde heute in Karlsruhe. Sie relativierte damit einen Bericht der "Welt", wonach BKA-Chef Jörg Ziercke von insgesamt 49 Verdächtigen gesprochen habe.

"Einschließlich der drei Verhafteten führen wir insgesamt zehn Ermittlungsverfahren, mehr nicht", sagte die Bundesanwältin auf Anfrage. Die von Ziercke am Freitag auf der Innenministerkonferenz (IMK) in Berlin genannte Zahl von 49 "Verdächtigen" erkläre sich womöglich, wenn die zahlreichen Kontakte der drei verhaften Islamisten mitgerechnet würden.

phw/dpa/AFP/ddp

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