Festnahmen in Oberschledorn Ein Dorf im Ausnahmezustand

Anti-Terror-Einsatz in der Provinz: Nach den Festnahmen im Sauerland zeigen sich die Einwohner des 900-Seelen-Orts Oberschledorn geschockt. Die Islamisten seien ihnen überhaupt nicht aufgefallen, berichten Anwohner übereinstimmend, die Zivilfahnder hingegen schon.


Medebach - "Wir sind schockiert und hätten nie gedacht, dass unser Ort einmal so in die Schlagzeilen gerät", sagte Ortsvorsteher Willi Dessel heute. "Nun müssen wir mit dem Schock leben." Über Dessels Grundstück soll am Vortag einer der drei mutmaßlichen Islamisten geflüchtet sein. Die Polizei konnte ihn jedoch später stellen. Das Trio plante offenbar Anschläge auf US-Einrichtungen in Deutschland.

"Ich habe die Männer einmal gesehen", sagte Anwohner Mike Middeke SPIEGEL ONLINE, "sie hatten nichts Besonderes an sich." Allerdings sei ihm schon vor Tagen ein ziviles Polizeiauto aufgefallen. "Ein Bulli, mit verdunkelten Scheiben. Der stand hier an der Straße." Middeke wohnt nur knapp hundert Meter von der Ferienwohnung entfernt, in der das Trio gestern Nachmittag gestellt wurde. "Das muss man sich mal vorstellen, hier bei uns im Dorf wohnten vielleicht Terroristen. Unfassbar!"

Einen Tag nach der Polizeiaktion hat der kleine Ort die medialen Auswirkungen der Festnahmen zu spüren bekommen. Die Auffahrt und das Haus, in dem sich die mutmaßlichen Islamisten eine Ferienwohnung gemietet hatten, wurden weiträumig abgesperrt. Einige Anwohner versammelten sich an der Zufahrt und wurden von Journalisten belagert.

Unter den Befragten war auch Bürgermeister Heinrich Nolte (CDU). "Ich bin erst gestern aus dem einwöchigen Urlaub zurückgekommen und habe am Abend im Radio von der Polizeiaktion gehört", sagt er. Anders als der Hauptort Medebach sei Oberschledorn kein typischer Ferienort, dennoch werde auch hier hin und wieder eine Wohnung als Ferienwohnung angeboten, berichtet er. Die Tatverdächtigen wollten die Abgeschiedenheit des Ortes im Sauerland nahe der hessischen Grenze offenbar zur Planung der Anschläge nutzen.

In einer Kellerwohnung sollen sich die drei Tatverdächtigen eingemietet haben - am Wochenende waren sie offenbar in dem Haus angekommen, das nach übereinstimmenden Aussagen mehrerer Anwohner dem Dortmunder Manfred S. gehören soll, wie SPIEGEL ONLINE erfuhr.

"Uns ist nie etwas aufgefallen", sagte Jürgen Deutsch. Skeptisch sei er jedoch geworden, als vor einigen Tagen angebliche Techniker mit einem Fahrzeug eine vermeintliche Digitalfunkstrecke messen wollten. Tatsächlich handelte es sich dabei aber wohl um eine Überwachungsaktion der Polizei, so Deutsch.

"Wir sind froh, dass nichts passiert ist", räumt Bernd Hellwig ein. Unsicherheit hatte unter den Anwohnern aber geherrscht, weil einer der Tatverdächtigen bei dem Zugriff zunächst geflüchtet und erst später festgenommen worden war. "Ich habe gesehen, wie der bei uns über den Zaun auf unser Grundstück geklettert ist und anschließend zu den Nachbarn rannte", sagte Bernd Padberg. Doch dort habe ihn die Polizei gegriffen.

jdl/ddp



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