"Fiat Lux" Die Chefin durfte nicht zur Wahl


Das Medieninteresse in dem abgelegenen 430-Seelen- Örtchen Ibach am Rande des Hotzenwalds war riesig. Dabei durfte die Chefin von "Fiat Lux", die als "Geistheilerin Uriella" bekannt gewordene Schweizerin Erika Bertschinger, selber gar nicht wählen. Doch ihrer Sekte waren - bei 33 "Fiat Luxern" unter 315 Wahlberechtigten - gut zehn Prozent der Stimmen in Ibach im Südschwarzwald von vornherein sicher.

Sicher war auch, dass die Verhältnisse im achtköpfigen Rat des Ortes, der zur Verwaltungsgemeinschaft St. Blasien gehört, sich am Sonntag ändern würden. Denn in Ibach saßen bisher die Unionsräte unter sich. Nervosität herrschte wegen der eventuellen Protestwähler, die sich nicht der alternativen, CDU-nahen Liste "Offene Ibacher" zuwenden würden, sondern sich auf die Seite der Sekte schlagen könnten.

Verfolgt von einem beachtlichen Medientross, machten sich nahezu sämtliche wahlberechtigten Anhänger der Sekte am Nachmittag vom "Heiligtum", der "Stiftung Bethanien" im Ortsteil Lindau, auf zum Rathaus. Brav gaben die cremig weiß gekleideten, stets munteren Sektenmitglieder ihre Stimme ab, allen voran "Icordo", Uriellas vierter Ehemann, der den Medien gegenüber gerne Erklärungen abgibt über den sündigen Zustand der Welt und die unerlässliche Läuterung.

Der so genannte "Orden" der ehemaligen Fremdsprachensekretärin Bertschinger trat mit acht Kandidaten an. Spitzenkandidat war "Icordo", gelernter Kaufmann aus Hamburg, mit bürgerlichem Namen Eberhard Eicke (59). Ein göttlicher Fingerzeig hat die Chefin von "Fiat Lux" angeblich zu der Wahlkampagne veranlasst. Die 70-Jährige glaubt nämlich an die bevorstehende Apokalypse. Während ihr "Programm" die Einkehr göttlichen Friedens verheißt, vermuten Gegner und Skeptiker hinter dem Schachzug aber durchaus weltliche Motive: Die Sekte wolle an die örtlichen Planungen wie Bau- und Straßenvorhaben herankommen und die Gemeinde allmählich unterwandern. Bisher haben die Bewohner der Gemeinde die Präsenz der Sekte seit zehn Jahren gelassen toleriert.

"Uriella" sah sich des öfteren schweren Vorwürfen ausgesetzt, wurde einmal wegen Steuerhinterziehung verurteilt, da Mitglieder unverzollt pflanzliche Arzneien von der Schweiz in die Bundesrepublik brachten und damit Handel trieben. Vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung nach einigen Todesfällen wurde sie indes freigesprochen. Doch kauft die Sekte angeblich seit den achtziger Jahren Haus um Haus in der Gegend auf. Denn Geld - so ein junger Ibacher am Wahlsonntag vor dem Rathaus - "ist für die offenbar überhaupt kein Problem": Viele wohlverdienende Akademiker gehörten der Sekte an und vermachten dieser auch ihr Erbe.

Bereits 1956 will "Uriella", damals noch in New York, von ihrer angeblichen Bestimmung als "Sprachrohr Gottes" erfahren haben. Seit damals wisse sie auch, dass sie heilende Hände habe. 1980 gründete sie den "Orden". Nach Angaben von "Icordo" verfügt dieser über rund 750 Anhänger in der Schweiz, Österreich und Deutschland. Nur knapp 150 von den stets freundlichen und betfreudigen Menschen leben im Schwarzwald. Sie verachten Fleisch, Alkohol, Nikotin und Sex und glauben nach all den lasterhaften Ausschweifungen dieser Welt an die "Zeitenwende" um das Jahr 2000.



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