Filbinger-Streit "Er hätte auch anders gekonnt"

Ist Hans Filbinger als Marinerichter "schicksalhaft in eine Situation hineingeraten", wie Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger sagt? Der Militärhistoriker Manfred Messerschmidt widerspricht im Interview mit SPIEGEL ONLINE - Filbinger hätte auch anders entscheiden können.


SPIEGEL ONLINE: Herr Messerschmidt, es gibt einen exemplarischen Fall aus dem Wirken des Juristen Hans Filbinger. Das deutsche Flottenkommando hatte ihn 1944 als Anklagevertreter im Fall des Deserteurs Walter Kröger eingesetzt. Dieser wollte zusammen mit seiner norwegischen Geliebten nach Schweden fliehen. Filbinger sollte das erste Urteil gegen den Matrosen - acht Jahre Haft - in eine Todesstrafe umwandeln. Hätte Filbinger den Auftrag ablehnen können?

Manfred Messerschmidt: Filbinger hätte die Todesstrafe nicht fordern müssen, er hat trotzdem in dem Verfahren mitgespielt. Das war gut, um seine Position als Marine-Oberstabsrichter zu sichern. Aus anderen Fällen ist bekannt, dass es keinen Zwang dazu gab. Filbinger hätte nicht einmal ein Disziplinarverfahren fürchten müssen, hätte er sich anders entschieden.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben in Ihrer Zeit am Militärgeschichtlichen Forschungsamt der Bundeswehr auch intensiv zur NS-Justiz geforscht. Gab es auch Juristen, die anders geurteilt haben, als vom Regime gefordert?

Messerschmidt: Wenige, aber es gab sie. Alle Urteile mussten sogenannte Gerichtsherren bestätigen oder verwerfen. Diese Posten hatten Generale und Admirale inne. Juristen konnten trotzdem gegen deren Willen handeln. Das Marinegericht der Wehrmachtskommandantur Wien hat zum Beispiel einen Fahnenflüchtigen zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Gerichtsherr war der Marinebefehlshaber in Westfrankreich, der das Urteil aufhob und die Todesstrafe forderte. Ein neues Gericht wiederholte das Verfahren und verhängte 15 Jahre Zuchthaus. Das Spiel wiederholte sich, wieder 15 Jahre Zuchthaus. Erst als Admiral Dönitz persönlich eingriff, hat das Gericht im vierten Verfahren die Todesstrafe verhängt.

SPIEGEL ONLINE: Was geschah mit den Richtern?

Messerschmidt: Die Richter, die vorher anders entschieden hatten, sind in keiner Weise belangt worden.

SPIEGEL ONLINE: Beim Urteil im Frühjahr 1945 gegen Walter Gröger war Filbinger Ankläger, nicht Richter.

Messerschmidt: Ja. Um aber Filbingers Rolle zu beleuchten, sollte man als Gegenbeispiel den Fall des Reichkriegsgerichtsrates Dr. Rottka nehmen. Er hat häufig im Sinn der Angeklagten genauere Prüfungen gefordert, um voreilige Todesurteile zu vermeiden. Er ist schließlich entlassen worden. Das wären für Filbinger die maximalen Konsequenzen gewesen.

SPIEGEL ONLINE: Sind die Fälle um Filbinger historisch gesichert?

Messerschmidt: Zweifelsfrei. Die Akten zu Filbinger liegen in der Festung Akershus in Oslo, ich hab die Kopien zu Hause.

Das Interview führte Ingo Arzt



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