Filbinger-Trauerfeier Oettinger empört Zentralrat der Juden

Selbst die Trauerfeier provoziert noch Streit: Am Sarg von Hans Filbinger hat Baden-Württembergs Ministerpräsident Oettinger seinen Vorgänger verteidigt. Durch Filbingers Urteile als Marinerichter in der Nazi-Zeit habe niemand sein Leben verloren. Der Zentralrat der Juden ist entsetzt.


Freiburg/Berlin - Rund 700 Menschen hatten heute an der Trauerfeier für Hans Filbinger teilgenommen, der am Sonntag vergangener Woche im Alter von 93 Jahren in Freiburg gestorben war. Kaum war sie vorbei, entbrannte der Streit über den früheren baden-württembergischen Ministerpräsidenten und seine Zeit als Marinerichter in der Nazi-Zeit aufs Neue.

Günther Oettinger an der Seite von Ingeborg Filbinger: "Hans Filbinger war kein Nationalsozialist"
DPA

Günther Oettinger an der Seite von Ingeborg Filbinger: "Hans Filbinger war kein Nationalsozialist"

Auslöser: eine Rede des heutigen Regierungschefs Günther Oettinger (CDU) bei der Feier im Freiburger Münster. Er verteidigte Filbinger gegen seine Kritiker: "Hans Filbinger war kein Nationalsozialist", sagte Oettinger. "Es gibt kein Urteil von Hans Filbinger, durch das ein Mensch sein Leben verloren hätte." Er fügte hinzu: "Er hatte nicht die Entscheidungsmacht und nicht die Entscheidungsfreiheit, die seine Kritiker ihm unterstellen." Der in Mannheim geborene Jurist Filbinger sei Gegner des Nazi-Regimes gewesen, habe sich den damaligen Zwängen aber beugen müssen. Dies müssten auch Filbingers Kritiker einräumen.

"Für uns Nachgeborene ist es schwer bis unmöglich, die damalige Zeit zu beurteilen", sagte Oettinger. Filbinger sei "schicksalhaft in eine Situation hineingeraten, die den Menschen heute zum Glück erspart bleibt". Als Ministerpräsident habe Filbinger Baden-Württemberg entscheidend geprägt. "Er war ein Landesvater im besten Sinn dieses großen Wortes."

Filbinger war 1978 zurückgetreten, als bekannt geworden war, dass er am Ende des Zweiten Weltkriegs als Marinerichter an Todesurteilen gegen deutsche Soldaten beteiligt war.

Oettingers Äußerungen lösten sofort Empörung aus. Der Zentralrat der Juden in Deutschland teilte mit, der Ministerpräsident sei wie Filbinger unbelehrbar. "Ich finde die Äußerung grauenhaft, und sie transportiert auch die falsche Botschaft, sie bemäntelt die doch vorhandene Schuld eines Mannes wie Hans Filbinger", sagte Zentralrats-Vizepräsident Dieter Graumann. Tatsache sei, dass Filbinger an Urteilen mitgewirkt habe, durch die Menschen zu Tode kamen. Nach Graumanns Meinung hat Filbinger das Nazi-Regime "sehr wohl getragen". "Er hat es bis zum Schluss nicht eingesehen und offenbar sieht es sein Nach-Nach-Nachfolger auch nicht ein."

Auch der Schriftsteller Rolf Hochhuth, der Filbingers Tätigkeit als Marinerichter 1978 öffentlich gemacht hatte, sagte, dieser sei zum Ende des Krieges ein "sadistischer Nazi gewesen". Hochhuth nannte Oettingers Äußerungen zur Verstrickung Filbingers "eine unverfrorene Erfindung". Die Tragödie des Matrosen Walter Gröger etwa sei bewiesen und als Buch erschienen, sagte Hochhuth. Diesen habe "Filbinger persönlich noch in britischer Kriegsgefangenschaft ermordet". Hochhuth fügte hinzu: "Wozu nichts Filbinger genötigt hat als die Tatsache, dass er ein sadistischer Nazi war."

Kritik an Oettinger kam auch von den Grünen. Der baden- württembergische Parteichef Daniel Mouratidis: "Mir ist es völlig unverständlich, dass Oettinger die deutsche Geschichte verklärt, wenn er einen Helfer des NS-Regimes als Gegner der Nazis bezeichnet."

Zur Trauerfeier waren heute vor allem Weggefährten und Freunde des CDU-Politikers gekommen: Unter anderen kamen Filbingers Nachfolger im Amt des Ministerpräsidenten, Lothar Späth und Erwin Teufel, Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble sowie Unions- Fraktionschef Volker Kauder (alle CDU). Beigesetzt wurde Filbinger im engsten Familienkreis. Er hinterlässt vier Töchter und einen Sohn, 14 Enkel und zwei Urenkel.

hen/dpa



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