Filbinger-Verteidigung Gegner werfen Oettinger Geschichtsklitterung vor

Auf die Trauerrede folgt der Aufschrei der Empörung. Die Rede von Baden-Württembergs Ministerpräsident Oettinger am Sarg seines Vorgängers Filbinger provoziert heftigen Widerspruch - erst vom Zentralrat der Juden, nun auch von SPD und Grünen: Oettinger sei in der Sache nicht kompetent.


Stuttgart/Freiburg/Berlin - Die Vorsitzende der Südwest-SPD, Ute Vogt, warf Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) vor, die Vergangenheit von Hans Filbinger bewusst zu beschönigen. "Solche Geschichtsklitterung erfordert Richtigstellung", sagte Vogt. "Für mich bleibt Hans Filbinger ein furchtbarer Jurist". Dass die nächste Generation bei der Vernebelung der Tatsachen über den Marinerichter in der NS-Zeit mitmache, sei die "wahre Dramatik".

Umstrittene Rede: Oettinger mit Filbingers Witwe bei der Trauerfeier
DPA

Umstrittene Rede: Oettinger mit Filbingers Witwe bei der Trauerfeier

Kritik kam auch vom ehemaligen baden-württembergischen SPD-Vorsitzende Erhard Eppler. Eppler sagte im SWR, er könne sich nicht vorstellen, dass jemand aus der Generation Oettingers in der Lage sei, "ein endgültiges Urteil" über Filbinger zu sprechen. Oettingers Äußerungen seien "in der Sache nicht kompetent". Eppler sagte hingegen, Filbinger sei "wahrscheinlich weder ein wirklicher Nazi, noch ein entschiedener Gegner" gewesen.

"Das ist Wasser auf die Mühlen von Rechtsextremen, wenn er Teile aus der Biografie von Herrn Filbinger einfach verschweigt oder schönredet", sagte Grünen-Chefin Claudia Roth. "Es wird Herrn Oettinger nicht gelingen, Filbinger im Nachhinein zu einem Widerstandskämpfer zu machen."

"Sadistischer Nazi"

Auch der Schriftsteller Rolf Hochhuth, der Filbingers Tätigkeit als Marinerichter 1978 öffentlich gemacht hatte, sagte, dieser sei zum Ende des Krieges ein "sadistischer Nazi gewesen". Hochhuth nannte Oettingers Äußerungen zur Verstrickung Filbingers "eine unverfrorene Erfindung".

Der amtierende Regierungschef hatte dem früheren CDU-Ministerpräsidenten Filbinger am Mittwoch bei der Trauerfeier bescheinigt, kein Nationalsozialist gewesen zu sein und ihn als Gegner des NS-Regimes bezeichnet. Oettinger sagte: "Es gibt kein Urteil von Hans Filbinger, durch das ein Mensch sein Leben verloren hätte."

Oettinger weiter: "Er hatte nicht die Entscheidungsmacht und nicht die Entscheidungsfreiheit, die seine Kritiker ihm unterstellen." Für die Nachgeborenen sei "es schwer bis unmöglich, die damalige Zeit zu beurteilen", so Oettinger. Filbinger sei "schicksalhaft in eine Situation hineingeraten, die den Menschen heute zum Glück erspart bleibt". Als Ministerpräsident habe Filbinger Baden-Württemberg entscheidend geprägt. "Er war ein Landesvater im besten Sinn dieses großen Wortes."

Der CDU-Politiker, der am vergangenen Sonntag im Alter von 93 Jahren verstarb, war von 1966 bis 1978 Regierungschef von Baden-Württemberg. Wegen seiner vom Schriftsteller Rolf Hochhuth aufgedeckten Tätigkeit als Marinerichter in der NS-Zeit musste er von seinem Amt zurücktreten. Er selbst relativierte bis zuletzt seine Urteile aus dieser Zeit und sah sich als Opfer einer Rufmordkampagne, die von der Stasi gesteuert worden sei.

Unverständnis beim Zentralrat der Juden

Der Zentralrat der Juden erneuerte seine Kritik an Oettinger: Die Präsidentin des Zentralrats, Charlotte Knobloch, sagte im NDR: "Es ist unverständlich und zu bedauern, dass gewisse und bekannte Zeiten im Leben des Herrn Filbinger in der Rede des Ministerpräsidenten Oettinger unterdrückt wurden."

Knobloch kritisierte, Oettinger habe eine "typische Beerdigungsrede" gehalten, "die nur die angeblich guten Seiten darstellen" sollte. Die Ansprache haben ihren Zweck verfehlt. Ihr Bedauern gelte den Hinterbliebenen der Soldaten, die unter Beteiligung von Filbinger ihr Leben hätten lassen müssen, sagte Knobloch.

Generalsekretär Stephan Kramer sagte, die Rede sei "völlig überflüssig und kontraproduktiv", gerade "angesichts des erstarkenden Rechtsextremismus auch in der Mitte der Gesellschaft".

Kramer betonte, die Geisteshaltung Filbingers, der meinte, was in der Nazizeit Recht gewesen sei, müsse weiterhin Recht bleiben, sei unvereinbar mit einem demokratischen Rechtsstaat wie der Bundesrepublik Deutschland. "Die Sache wäre längst erledigt, wenn Ministerpräsident Oettinger nicht versucht hätte, das Ganze zu bemänteln und schön zu reden", so Kramer.

jaf/dpa/ddp/AFP



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.