Filbinger-Verteidigung Merkel tadelt Oettinger

Rüffel von höchster Stelle: CDU-Chefin Merkel hat den baden-württembergischen Regierungschef Oettinger für dessen umstrittene Trauerrede für den früheren CDU-Politiker und NS-Marinerichter Filbinger kritisiert. Sie hätte sich auch "kritische Fragen" gewünscht, sagte Merkel.


Berlin/Stuttgart - In einem Telefonat mit Günther Oettinger hat die CDU-Chefin und Bundeskanzlerin ihre Bedenken geäußert. Sie habe gestern mit ihm gesprochen und und ihm gesagt, "dass ich mir gewünscht hätte, dass neben der Würdigung der großen Lebensleistung von Ministerpräsident Hans Filbinger auch die kritischen Fragen in Zusammenhang mit der Zeit des Nationalsozialismus zur Sprache gekommen wären". Sie hätte sich eine Differenzierung "insbesondere im Blick auf die Gefühle der Opfer und Betroffenen" gewünscht, ließ sie heute in Berlin mitteilen.

Merkel, Oettinger (Archivbild): Rüffel von der Parteichefin
AFP

Merkel, Oettinger (Archivbild): Rüffel von der Parteichefin

Zuvor hatten zahlreiche CDU-Politiker die Ausführungen von Oettinger verteidigt, so etwa heute Baden-Württembergs Finanzminister Gerhard Stratthaus: "Der hat keinen Fehler gemacht", sagte Stratthaus im Deutschlandfunk mit Blick auf Äußerungen Oettingers, Filbinger sei ein Gegner des Nationalsozialismus gewesen. "Filbinger war in Baden-Württemberg ein anerkannter Mann und es ist äußerst schade, dass jetzt wieder Diskussionen losgehen, von denen ich geglaubt habe, dass sie erledigt seien", sagte Stratthaus. Oettinger habe vielen Menschen in Baden-Württemberg aus dem Herzen gesprochen.

Auch Baden-Württembergs CDU-Fraktionschef Stefan Mappus hatte Oettinger verteidigt: "Eine gute, ausgewogene und dem gesamten Leben von Professor Filbinger angemessene Würdigung", sagte Mappus. Man solle bitte Rücksicht nehmen auf die Familie des Verstorbenen und die "reflexartige" Diskussion beenden, so Mappus.

Unterstützung erhielt Oettinger zudem von einem der engsten früheren Weggefährten Filbingers: Gerhard Mayer-Vorfelder. Der vor allem als DFB-Boss bekannte CDU-Politiker arbeitete von 1963 bis 1978 an der Seite von Hans Filbinger: Anfangs als persönlicher Referent, später als Leiter der Grundsatzabteilung im Staatsministerium und schließlich als Staatssekretär. Mayer-Vorfelder, der bei der Trauerfeier in Freiburg dabei war, zu SPIEGEL ONLINE: "Die Rede von Ministerpräsident Oettinger war ausgewogen und wurde der Persönlichkeit des Verstorbenen gerecht." Die Kritik daran könne er "nicht nachvollziehen", so Mayer-Vorfelder. Die Haltung der Kritiker beruhe "auf pauschalen Verurteilungen des Verstorbenen zum Großteil ohne Kenntnis der genauen Umstände".

Oettinger selbst hatte gestern seine Ausführungen bekräftigt: "Meine Rede war öffentlich, ernst gemeint und die bleibt so stehen", sagte er "Radio Regenbogen". Er habe viel Zustimmung und Lob erhalten. Er habe "jetzt nicht die Absicht, einen Tag nach der Trauerfeier diese Kampagne von Rot und Grün aufzugreifen, sondern die Würde des Toten zu wahren", so Oettinger.

Bei der Trauerfeier für den am 1. April gestorbenen früheren CDU-Ministerpräsidenten Filbinger am Mittwoch in Freiburg hatte Oettinger dem Amtsvorgänger bescheinigt, er sei "kein Nationalsozialist" gewesen, sondern "ein Gegner des NS-Regimes". Es gebe kein Urteil von Filbinger, "durch das ein Mensch sein Leben verloren hätte". Der Jurist habe sich als Marinerichter in der NS-Zeit den Zwängen beugen müssen.

hen/dpa/Reuters



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