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22. September 2008, 16:15 Uhr

Finanzmarktkrise

Die Marktverächter triumphieren zu früh

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Kapitalismuskritiker wie Oskar Lafontaine sehen die Marktwirtschaft wegen der Finanzkrise bereits am Abgrund. Doch sie irren sich. Das System lernt aus den schlimmsten Depressionen und hat noch jedes Mal bewiesen: Das Nützliche überlebt.

Berlin - Oskar Lafontaine und Gregor Gysi sind in diesen Tagen erfüllt von klammheimlicher Freude. Bei jedem ihrer Auftritte, ob im Bundestag oder auf Wahlkampftribünen in Bayern, ist ihnen ihr innerer Triumph anzumerken. Haben sie es nicht immer geahnt, nein gewusst? Der Kapitalismus schaufelt sich sein eigenes Grab. Die Weltfinanzmärkte erleben gerade die größte Krise seit 80 Jahren. Jeder Tag bringt neue Hiobsbotschaften von den Börsen, jeder Tag scheint sie aufs Neue zu bestätigen.

Ausgerechnet die Regierung der USA, des kapitalistischen Musterlandes, scheint in der Krise auf die linke Linie einzuschwenken. Sie verstaatlicht Vorzeigeunternehmen mit Hugo Chavez um die Wette. Präsident George W. Bush hat gegenüber seinem venezolanischen Amtskollegen derzeit eindeutig die Nase vorn. In den vergangenen drei Wochen übernahm seine Regierung die Kontrolle über zwei Hypothekenbanken und das größte Versicherungsunternehmen der Welt. Demnächst will sie 700 Milliarden Dollar bereitstellen, um den angeschlagenen Finanzsektor von faulen Wertpapieren zu entlasten.

Der Staat springt als Reparaturbetrieb des Kapitalismus ein. Was hemmungslose Gier, verantwortungsloser Leichtsinn und schierer Größenwahn in den glitzernden Türmen der Bankenzentralen in New York, London oder Frankfurt angerichtet haben, muss der Staat bereinigen. "Gewinne werden privatisiert, Verluste sozialisiert", schimpfen Lafontaine und Gysi, aber nicht nur sie.

Wie die Amerikaner den Kapitalismus retten wollen

Die Kritiker haben durchaus ein Recht, empört zu sein. Zum Kapitalismus gehört, dass jeder für seine Fehler bestraft werden sollte; dass sich niemand darauf verlassen darf, dass jemand anderes für ihn geradesteht. Doch genau das passiert gerade, auf Kosten der Steuerzahler.

Und dennoch, die Verantwortlichen in den USA handeln richtig und verantwortungsvoll. Dass Regierung und Notenbank in den USA gleich reihenweise Banken und Versicherungen übernehmen, bedeutet nicht, dass sie sich der Weltsicht eines Hugo Chavez beugen. Das Gegenteil ist der Fall. Der Sozialist aus Venezuela verstaatlicht die Unternehmen seines Landes in der Überzeugung - so viel sei ihm immerhin zugestanden -, um Gutes zu erreichen (was ihm, das lehrt die Geschichte, nicht gelingen wird). Die US-Regierung handelt, um Schlimmeres abzuwenden (und wird damit vielleicht Erfolg haben). Chavez und viele seiner Sympathisanten im Westen wollen den Kapitalismus überwinden, die Amerikaner wollen ihn retten.

Sie lassen sich dabei von einer einfachen Überlegung leiten: Taumelnde Finanzriesen aufzufangen, kann teuer sein, sie nicht aufzufangen, kann noch viel teurer werden. Diese Erkenntnis ist eine der Lehren aus der Weltwirtschaftskrise Anfang der dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Damals sahen die Regierungen in den USA und Deutschland tatenlos zu, wie Banken zusammenbrachen. Beide Länder versanken in Depression und Massenarbeitslosigkeit, in Deutschland kamen die Nazis an die Macht. Wären die Regierungen damals eingeschritten, vielleicht hätte die Weltgeschichte einen anderen Verlauf genommen.

Die Lehren aus den Krisen der Vergangenheit

Das Beispiel aus der Geschichte zeigt zweierlei. Erstens: Politik und Wirtschaft lernen aus den Krisen. Und zweitens: Die gegenwärtige Krise ist nicht die erste, die der Kapitalismus zu bewältigen hat, sie wird auch nicht die letzte sein. Was wir derzeit erleben, ist keineswegs das Ende des Kapitalismus. Es ist vielleicht das Ende seiner finanzgetriebenen Variante, wie sie die Welt in den beiden vergangenen Jahrzehnten erlebt hat und die als Turbokapitalismus Karriere machte. Die Wirtschaftsform der näheren Zukunft wird anders sein, aber immer noch kapitalistisch. Der Finanzsektor wird eine geringere Rolle spielen und deshalb schrumpfen, genauso wie die Gehälter der Investment-Banker.

Der Staat wird selbst in den angelsächsischen Ländern eine größere Rolle spielen, als Aufseher und Schiedsrichter, vielleicht sogar als Eigentümer. Politik und Aufsichtsbehörden werden stärker im Marktgeschehen mitmischen. Dafür gibt es gute Gründe, nicht zuletzt den, dass der Staat künftig ein bisschen mehr mitgestalten will, wenn er am Ende mit Hunderten von Milliarden als Retter einspringen soll. Kurzum, Politiker und Beamte in allen marktwirtschaftlich organisierten Ländern werden sich Gedanken über eine effizientere Regulierung der Kapitalmärkte machen.

Was die Marktverächter der vereinigten Linken dazu im Angebot haben, taugt leider nicht, auch wenn sie sich derzeit bestätigt fühlen. Gleichgültig ob ihre Forderung nach festen Wechselkursen, einer Börsenumsatzsteuer oder dem Verbot von Aktienoptionen - keines dieser Instrumente leistet einen zeitgemäßen Beitrag, das Risiko von Finanztransaktionen einzudämmen und gleichzeitig einen funktionsfähigen Kapitalmarkt zu erhalten. Im Gegenteil, Lafontaines fixe Idee, die Währungen weltweit wieder mit festen Wechselkursen aneinanderzuzurren, würde Spekulanten ganz neue Verdienstmöglichkeiten eröffnen. Die machten sich schon in der Vergangenheit regelmäßig einen lukrativen Spaß daraus, die Haltbarkeit solcher Konstruktionen zu testen. Häufig gewannen sie. Angesichts der Kompliziertheit moderner Finanzinstrumente sind Lafontaines Vorschläge ähnlich wirkungsvoll wie ein Aderlass bei einer HIV-Infektion.

Ein ganzes Haus im Tausch für eine Tulpenzwiebel

Viele der umstrittenen Finanzierungsvehikel, die im Verdacht stehen, die Krise befördert, wenn nicht ausgelöst zu haben, werden auch in Zukunft existieren. Nicht alle, aber solche, die sich bewährt haben. Darunter waren durchaus sinnvolle Schöpfungen. Die Idee, Risiken handelbar zu machen, gehört zweifellos dazu.

Aus den vergangenen Krisen des Kapitalismus lässt sich eine Konstante ableiten: Das Nützliche überlebt. So war es nach dem Hype um amerikanische Eisenbahngesellschaften, die im 19. Jahrhundert dutzendweise in die Pleite fuhren. Erst wurden viele reich, dann viele wieder arm, aber das Land verfügte am Ende über ein leistungsstarkes Eisenbahnnetz, das der Wirtschaft zum Aufschwung verhalf. So war es nach dem Zusammenbruch der Internet-Blase. Viele Unternehmen wurden erst hoch gehandelt und verschwanden dann wieder. Dennoch ist das Internet bis heute Wachstumstreiber für die Weltwirtschaft geblieben. Und so war es schon nach dem holländischen Tulpenwahn, jener Periode im 17. Jahrhundert, als einzelne Blumenzwiebeln gegen Häuser getauscht wurden.

Niemand kam damals auf die Idee, den Handel mit Tulpen oder die Blumen selbst zu verbieten. Bis heute hält sich in Holland und vielen anderen Weltgegenden eine Vorliebe für die schönen Pflanzen. Sie blühen in öffentlichen Parks und in vielen Vorgärten, zur Freude ihrer Besitzer und zur Freude der Betrachter. Im nächsten Frühjahr ist es wieder so weit.

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