Finanznot Katholische Bistümer reißen Gotteshäuser ab

Alle Fürbitten waren vergebens. Die Wirtschaftskrise hat auch die katholische Kirche erfasst - mit fatalen Folgen. In den Bistümern Essen und Osnabrück wurden aus Geldnot bereits die ersten Kirche abgerissen. Im Erzbistum Berlin droht zwei Kirchen möglicherweise dasselbe Schicksal. Inzwischen durchforsten Unternehmensberater die Firma Kirche.

Von Sabine Hoffmann


Kirchenfinanzen: Im Klingelbeutel herrscht Ebbe
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Kirchenfinanzen: Im Klingelbeutel herrscht Ebbe

Berlin - Als Lohn fordern die Rentner nur eines: Freibier. Fein säuberlich haben sie den Kirchplatz der Gemeinde St. Mauritius im nordrhein-westfälischen Ibbenbüren gekehrt und gefegt. Und werden zum Dank von Priester Erich Elpers zum Biertrinken eingeladen. Auch wenn der die Kästen aus eigener Tasche zahlen muss. Denn das Bistum Münster hat den Kirchenmann zum strikten Sparen aufgefordert. Finanziert werden nur noch dringend notwendige Ausgaben. Und Bier für Rentner zählt bestimmt nicht dazu - auch wenn die älteren Herrschaften freiwillig den Boden schrubben.

Sparen, sparen, sparen

Nicht nur bei den Münsteranern lautet derzeit die Devise: Sparen, sparen, sparen. Deutschlandweit haben Bistümer ihre liebe Not mit dem Geld. Zwar besitzen beide Glaubensgemeinschaften hier zu Lande zusammen 6,8 Milliarden Quadratmeter Grund und Boden. Der Landbesitz ist damit dreimal so groß wie Bremen, Hamburg, Berlin und München zusammen und hat einen Wert von schätzungsweise 143 Milliarden Euro.

Dennoch spüren einige der 27 deutschen Bistümer von dem sagenhaften Reichtum wenig. Denn in manchen Gegenden der Republik ist die katholische Kirche ärmer als die Kirchenmaus. Schuld daran ist die Wirtschaftskrise, die mittlerweile auch die geistliche Welt erfasst hat.

Da die Kirchensteuer an die Einkommensteuer gekoppelt ist, ist ihr Aufkommen rückläufig, je weniger Menschen erwerbstätig sind. Nach Schätzungen des Verbands der Diözesen Deutschlands (VDD) wird die Kirchensteuer 2002 im Vergleich zum Vorjahr um gut 50 Millionen Euro auf etwa 4,2 Milliarden Euro sinken.

Retter in der Not: McKinsey

Grafik: Austritte aus der katholischen Kirche
DER SPIEGEL

Grafik: Austritte aus der katholischen Kirche

Zudem schrumpft die Mitgliederzahl kontinuierlich: Zählte die katholische Kirche 1990 in Deutschland noch rund 28,2 Millionen Mitglieder, sind es heute nur noch etwa 26,8 Millionen. Um dem finanziellen Desaster zu entkommen, haben die Bistümer Osnabrück und Münster bereits das Wirtschaftsunternehmen McKinsey beauftragt, die Finanzen auf Vordermann zu bringen. Nun sollen die Berater in die Hauptstadt eilen, um dem Erzbistum Berlin aus der Misere zu helfen. Zwar beteuert Pressesprecher Andreas Herzig vehement: "Wie sind nicht pleite." Doch die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Jahrelang haben die Ordensleute der Hauptstadt Geld in Schulen, Kindergärten und den Bau der katholischen Akademie gepumpt - und auf diesem Wege 75 Millionen Euro Schulden angehäuft.

Ursache des finanziellen Desasters sei die Berlin-Euphorie Anfang der neunziger Jahre gewesen, sagt Herzig - die Kirche habe mit bis zu fünf Millionen Einwohnern gerechnet. Doch schon 1995 kam die Ernüchterung: Der Berlin-Boom blieb aus. Die Einwohnerzahl stagnierte bei rund 3,4 Millionen und ist heute leicht rückläufig.

Um das Haushaltsloch zu stopfen, nahm das Erzbistum einen Kredit von zehn Millionen Euro auf - ein in der katholischen Kirche einmaliger Vorgang. Im darauffolgenden Jahr erreichte der Haushalt mit rund 167,5 Millionen Euro Rekordhöhe - und konnte nur durch Kredite in Höhe von 35 Millionen Euro ausgeglichen werden.

Finanzspritze aus Köln?

Viele Zugezogene hatten sich zudem nur mit dem Zweitwohnsitz in Berlin angemeldet. Jahrelang führten sie in Berlin ihre Kirchensteuer ab. Das Erzbistum habe aber später einen "zweistelligen Millionenbetrag" an die Kirche im Ort des ersten Wohnsitzes abführen müssen, so der Sprecher. Auch die Personalkosten schlagen erheblich zu Buche, denn noch heute beschäftigt das Erzbistum Berlin Mitarbeiter im Westen und Osten der Stadt. Viele Stellen seien doppelt besetzt, erzählt Herzig.

Früher Bischof von Berlin, heute Erzbischof von Köln: Kardinal Meisner
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Früher Bischof von Berlin, heute Erzbischof von Köln: Kardinal Meisner

Mit finanzieller Hilfe aus Köln, das gemeinhin als reichstes deutsches Bistum gilt, dürfen die Berliner aber nicht rechnen - obwohl die beiden Erzbistümer einiges verbindet. 1980 wurde der heutige Erzbischof von Köln, Joachim Meisner, Bischof in Berlin. Drei Jahre später erhielt er den Kardinalshut. Der in Ost-Berlin residierende Meisner war schon damals für die Gläubigen in beiden Teilen der Stadt zuständig. Trotz heftigen Protests ernannte Papst Johannes Paul II. ihn 1988 zum Erzbischof der Stadt am Rhein.

An dieses symbolische Zeichen scheint sich heute in Köln aber niemand mehr so recht zu erinnern: Der eigene Haushalt sei ausgeglichen, sagt Sprecher Christoph Heckeley. Es sei "nicht genügend Luft drin, um anderen Bistümern Geld zu geben".

Sparmaßnahme: Kirchenabriss

Bis Ende kommenden Jahres soll nun McKinsey die kirchlichen Finanzen in der Hauptstadt unter die Lupe nehmen und einen Sanierungsplan vorlegen. Möglicherweise sollen sogar zwei Kirchen abgerissen werden. Im Gespräch sind die St.-Martin-Kirche in Reinickendorf und die St.-Agnes-Kirche in Kreuzberg. Damit wäre Berlin allerdings nicht das erste Erzbistum, das aus Geldnot Kirchen abreißt.

Geistliche Plagen: Weniger Mitglieder, sinkende Kirchensteuer
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Geistliche Plagen: Weniger Mitglieder, sinkende Kirchensteuer

Im Bistum Essen war die Lage zwar nicht so dramatisch wie jetzt in Berlin. 1996 hatte sich dort ein Haushaltsdefizit angedeutet. Die Kirchensteuer schrumpfte auch wegen wachsender Arbeitslosigkeit jedes Jahr um acht Prozent, berichtet Finanzdirektor Ludger Krössmann. Um das finanzielle Fiasko zu vermeiden, holte das Bistum McKinsey ins Haus - und entschloss sich zum Abriss einer Kirche. Eine Sanierung wäre zu teuer gewesen, so der Finanzdirektor. Auch waren die Prognosen nicht dazu angetan, auf einen Mitgliederzuwachs zu hoffen. Im Gegenteil - in den kommenden Jahren werde die Zahl der Mitglieder weiter schrumpfen und viele Kirchen dann leerstehen.

Wie in Essen so fiel auch im Bistum Osnabrück bereits eine Kirche den Sparmaßnahmen zum Opfer. Als die Menschen von dem geplanten Abriss hörten, hätten sie protestiert, erinnert sich Theo Paul, Generalvikar im Bistum Osnabrück. Doch das schreckte die Geistlichen nicht: "Wir haben aber versucht, die Menschen mit ins Boot zu bekommen", sagt Paul. Auf dem Gelände stehe nun ein Altenheim. Eine andere Kirche sei in ein gemeinnütziges Gebäude umgewandelt worden, so der Generalvikar.

Operation Katholiken-Köderung

Grafik: Reichtum der beiden Glaubensgemeinschaften
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Grafik: Reichtum der beiden Glaubensgemeinschaften

Damit künftig wieder mehr Bürger der katholischen Kirche beitreten, entwickelten die Osnabrücker zusammen mit McKinsey-Beratern die Strategie "Katholiken im Fokus": Um die zunehmende Distanz und Entfremdung zur Kirche aufzulösen, sollten "nicht aktive" Katholiken stärker in die Pfarrgemeinde einbezogen werden, erklärt Generalvikar Paul. Zugezogene sollten begrüßt werden, zusätzlich müsse ein Besuchsdienst eingerichtet werden. Doch bis die Osnabrücker mit ihrem Konzept neue Mitglieder angelockt haben, heißt es auch bei ihnen weiter: Sparen, sparen, sparen.

Das gilt auch für Priester Elpers. Vor kurzem musste das Kirchengebäude renoviert werden. Weil das Bistum Münster sich aber weigerte, die Kosten voll zu übernehmen, sammelte der Seelsorger monatelang Spenden und Kollekten. Das Geld reichte zwar für den Innenanstrich - aber nicht für neue Polstermöbel. Doch das dürfte manchem Gottesdienstbesucher gar nicht weiter auffallen. Elpers ließ die alten Möbelstücke frisch beziehen - jetzt sehen sie fast wie neu aus.



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