First Class in die USA Ver.di-Chef Bsirske entschuldigt sich für Lufthansa-Freiflug

Daheim streikten seine Mitglieder für mehr Lohn - er selber jettete erster Klasse und gratis nach Los Angeles: Ver.di-Chef Frank Bsirske hat nach heftiger Kritik und Rücktrittsforderungen erstmals Fehler eingeräumt. Seinen Lufthansa-Freiflug will er nun nachträglich doch bezahlen.


Berlin - Erstmals äußert sich Deutschlands mächtigster Gewerkschaftsboss selbst zu seinem Gratis-Urlaubsflug und bedauert seine mangelnde Sensibilität: "Im Rahmen der für alle Aufsichtsratsmitglieder der Lufthansa geltenden Regelungen bin ich nach Los Angeles geflogen", sagte Frank Bsirske der "Bild"-Zeitung. "Ich habe allerdings die Brisanz, die dieser Flug in der öffentlichen Wahrnehmung ausgelöst hat, unterschätzt", betonte er und fügte hinzu: "Das war falsch."

Gewerkschaftsboss Bsirske: "Brisanz unterschätzt"
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Gewerkschaftsboss Bsirske: "Brisanz unterschätzt"

Als Konsequenz habe er "das Büro des Aufsichtsrats gebeten, mir die Kosten des Flugs vollständig in Rechnung zu stellen". Zugleich beklagte er, dass in seinem Fall mit zweierlei Maß gemessen werde. "Das Kontingent an Freiflügen steht allen Aufsichtsratsmitgliedern der Lufthansa AG zu - den Vertretern der Arbeitnehmer und Anteilseigner gleichermaßen." Es sei eben nicht dasselbe, "wenn zwei das Gleiche tun", zitierte das Blatt den Ver.di-Chef.

Bsirske nutzte laut Ver.di zusammen mit seiner Frau einen Lufthansa-Freiflug erster Klasse nach Los Angeles und flog dort auf eigene Kosten weiter in den Südsee-Urlaub. Er war danach von Politikern der Union und der FDP zum Rücktritt aufgefordert worden. Ihm wurde unter anderem vorgeworfen, er habe mit seinem Urlaubsantritt in Zeiten des Arbeitskampfs bei der Lufthansa die Streikenden im Stich gelassen.

"Wenn er jetzt nicht zurücktritt, sollten ihm die Gewerkschafter den Stuhl vor die Tür setzen", forderte FDP-Generalsekretär Dirk Niebel in der "Bild"-Zeitung. Der CSU-Wirtschaftsexperte Hans Michelbach sagte der Zeitung: "Bsirske agiert nach dem Motto: links reden, rechts leben. Eigentlich müsste er jetzt zurücktreten. Er hat seine Leute während des Arbeitskampfs im Stich gelassen."

Doch auch innerhalb der Gewerkschaft brodelt es. Sich von der Lufthansa zu diesem Flug einladen zu lassen, "ist eine bodenlose politische Instinktlosigkeit", sagte das langjährige Mitglied der bayerischen Ver.di-Landesbezirksleitung, Michael Wendl, zum SPIEGEL. Auch dass Bsirske erste Klasse flog, sei "mehr als schlechter Stil". Das zeige, so Wendl, "dass man die Nähe zum gehobenen Management suche und dazu gehören will, statt das Ohr an der Basis zu haben".

Außer dem Ärger um Bsirskes Urlaubstrip gibt es auch wegen der am Freitag erzielten Einigung in der Tarifauseinandersetzung mit der Lufthansa viel Unmut.

Geschäftsführung und Gewerkschaft haben sich auf eine Lohnerhöhung um 5,1 Prozent rückwirkend zum 1. Juli geeinigt. Am 1. Juli 2009 folgt eine weitere Erhöhung, und zwar um 2,3 Prozent. Zudem gibt es eine Einmalzahlung von 1,5 und eine ergebnisabhängige Komponente, die je nach Geschäftsfeld bis zu 0,9 Prozent betragen kann. Die Einigung gilt nach Angaben der Lufthansa für 34.000 Mitarbeiter am Boden. Auf der Basis von zwölf Monaten entspreche dies einer Lohnerhöhung von 4,2 Prozent. Das ist vielen Mitgliedern zu wenig.

cjp/AP/dpa



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