Fischer-Interview "Ich will hinten sitzen, nachdenken und schweigen"

In seinem ersten Interview nach der Rückzugsankündigung spricht Noch-Außenminister Fischer über das Leben danach. Er sei der letzte "Live-Rock'n'Roller" der deutschen Politik, sagte er der "taz". Jetzt komme die Playback-Generation.


Joschka Fischer: "Nachdenken und schweigen"
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Joschka Fischer: "Nachdenken und schweigen"

Berlin - Am Dienstag rief er den versammelten Journalisten noch launig zu: "Und ihr liegt jetzt auch hinter mir". Keine zwei Tage später gibt Fischer schon wieder ein Interview. Ausführlich erläuterte er in der "taz" seine Zukunftspläne und was er von den Koalitionsverhandlungen erwartet.

Eine Regierungsbeteiligung der Grünen hält Fischer für äußerst unwahrscheinlich. "Nach Lage der Dinge wird es auf eine große Koalition hinauslaufen", sagte der Grünen-Politiker. Eine Ampel-Koalition mit der SPD habe die FDP abgelehnt. Wie eine Koalition zwischen Union, FDP und Grünen funktionieren sollte, wisse er nicht. "Aber das wird die grüne Partei entscheiden müssen, ich bin da nicht mehr dabei." Fischer hatte am Dienstag seinen politischen Rückzug bekannt gegeben.

Diese Entscheidung habe nichts mit Kanzler Gerhard Schröder zu tun gehabt, sagte Fischer in dem Interview. Er habe Schröder frühzeitig über seine Zukunftspläne informiert. Das rot-grüne Kapitel, das seine Generation geschrieben habe, sei "unwiderruflich zu Ende". Wenn irgendwann ein neues Rot-Grün entstehe, werde es ein anderes sein, "eingebettet in eine andere Normalität".

"Kultureller Fortschritt"

"Das neue Kapitel müssen die Jüngeren schreiben, vor allem die Unter-40-Jährigen." Die Vorstellung, er hätte etwas dazu beizutragen, sei absurd. "Ich kann aus meiner Geschichte und meiner Haut nicht heraus." Die neuerdings freundlichen Worte von Unionspolitikern über die Grünen seien "ein kultureller Fortschritt, ein Abbau von Feindbildern", sagte Fischer. Das heiße aber noch lange nicht, dass die inhaltlichen Differenzen deswegen wegfielen.

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Der Grundsatz müsse sein: "Die politischen Inhalte ziehen die Machtfrage nach sich - und niemals umgekehrt." Nach seinem Rückzug sagte Fischer der "taz", er brauche weder Privilegien noch Leibwächter oder Dienstwagen. Er habe eine faszinierende Zeit erlebt, die er keinesfalls missen wolle. Er habe aber auch unter der Politik gelitten, sagte Fischer. "Wer an der Macht ist, wer politisch gestalten will, ist immer in bestimmte Zwänge eingebunden. Dafür zahlt man einen hohen Preis." Es gebe sicherlich Leute, die sich in den Zwängen wohler fühlen als er. "Ich habe die Politik auch immer genossen. Aber jetzt ist Schluss."

Künftig werde er "hinten im Bundestag sitzen und nachdenken und schweigen". Fischer bezeichnete sich als einen der letzten "Live-Rock'n'Roller" der deutschen Politik. Jetzt komme in allen Parteien die Playback-Generation.

Fischer ließ erkennen, dass er am liebsten schon jetzt "den ganz großen Schnitt" gemacht hätte und sich vollständig aus der Politik zurückziehen würde. Er habe aber fest zugesagt, sein Bundestagsmandat anzunehmen. Ob er allerdings für die volle Legislaturperiode im Parlament sitzen wolle, ließ er offen: "In meinem Alter kann man nicht mehr alles als selbstverständlich voraussetzen."

"Ich liebe mein Land"

Mit Blick auf das Wahlergebnis sagte Fischer, die Anti-68er hätten die Wahl verloren. Das Wahlergebnis finde er großartig: "Ich sage es hier öffentlich: Ich liebe mein Land." Die politische Hauptstadt sei hinweggefegt worden. Alle selbst ernannten Experten hätten falsch gelegen, freute sich Fischer. Dann rechnete er mit den Medien ab: "Für sie gab es einen Satz rote Ohren. Wumm! Diese konservativen Jungchefs in den Chefredaktionen von Spiegel, Zeit und sonst woher, die Journalismus mit Politik verwechseln, müssten sich nach ihrem eigenen konservativen Ehrenkodex eigentlich in das Schwert stürzen - politisch, natürlich."

Er habe nie ein Problem damit gehabt, sich als Linken zu bezeichnen, sagte Fischer weiter. "Der strategische Fehler der Linken war ja, die PDS in den 90er-Jahren nicht integriert zu haben, was die Auseinandersetzung mit ihrer Vergangenheit einschließt." Auch wenn er wenig von dem teile, was Gysi oder Bisky sagen. "Sie gehören zu dieser Gesellschaft, sie gehören zur Einheit dazu."

In die anstehenden Personalentscheidungen bei den Grünen werde er sich nicht einmischen, sagte Fischer. "Es gibt in der Demokratie keine Entscheidung des alten Leitwolfs, wer ihm wann nachfolgt. Das müssen die Jüngeren untereinander selbst ausbeißen." Er habe sich von seinen Parteifreunden schon in der Vergangenheit mehr Durchsetzungskraft gewünscht. "Die jungen Grünen hätten mich stürzen sollen." Für eine schnellere Erneuerung der grünen Partei wäre sein Sturz "der Preis gewesen, den ich hätte zahlen müssen".

Nun sei er mit sich im Reinen, sagte Fischer. Er bastele an keinem Bild für die Geschichte und sei nicht sein eigener Historiker. "Dazu liebe ich zu sehr das Leben." Auf die Frage, ob er einen neuen Job habe, sagte Fischer: "Ich habe gar nichts - außer gute Laune."



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