Fischers Videoauftritt "Die Rede des virtuellen europäischen Außenministers"

Daniel Cohn-Bendit bleibt dabei: Der deutsche Außenminister wird in wenigen Jahren europäischer Außenminister. Kaum hat Fischer selbst Cohn-Bendits Vorstoß dementiert, wiederholt der seine Behauptung. Einen Gefallen tut er seinem alten Sponti-Freund damit nicht.

Von Dominik Baur, Dresden


Premiere: In Dresden war Joschka Fischer nur per Liveschalte präsent
DPA

Premiere: In Dresden war Joschka Fischer nur per Liveschalte präsent

Dresden - Es muss ein amüsanter Anblick gewesen sein für jemanden, der an diesem Vormittag über den Platz vor dem EU-Konklave in Neapel schlenderte: Da stand ein Herr im dunklen Anzug und nickte minutenlang grinsend in eine Fernsehkamera, ohne etwas zu sagen. Zu guter Letzt winkte er sogar noch linkisch in die Kamera, als grüße er sein kleines Kind zu Hause. Was der gemeine Neapolitaner nicht wissen konnte: Am anderen Ende der Leitung jubelten dem deutschen Außenminister, denn um den handelte es sich, in diesem Augenblick rund 600 Delegierte der Grünen zu.

Zum ersten Mal war der Große Heimliche Vorsitzende nicht persönlich anwesend bei einem Grünen-Parteitag. Das Treffen der europäischen Außenminister zur EU-Verfassung in Italien war wichtiger. Die Parteifreunde in Dresden freilich hatten Verständnis - zumal auf ihrem Europaparteitag. Schließlich kämpft der Oberzampano der Grünen in Neapel um die Zukunft der Europäer.

Und nicht nur um die. Glaubt man Vertrauten des Außenministers, arbeitet Fischer weiterhin emsig an seiner eigenen Karriere. Das Ziel, erster europäischer Außenminister zu werden, soll er noch lange nicht aus den Augen verloren haben. Was die Kernbotschaft der Rede des virtuellen Parteivorsitzenden gewesen sei, wurde Europapolitiker Daniel Cohn-Bendit gefragt. "Des virtuellen europäischen Außenministers, meinen Sie", korrigierte der den Frager. "Ja, diese Kernbotschaft hatte es."

Macht ungefragte Werbung für Fischer: Europaparlamentarier Cohn-Bendit
DDP

Macht ungefragte Werbung für Fischer: Europaparlamentarier Cohn-Bendit

Fischer hatte zuvor eine seiner staatsmännischen Reden gehalten. Von der positiven Erfahrung des Verfassungskonvents sprach er, von den großen Anstrengungen, die die Europäer noch vor sich hätten, und von den ersten "wirklich politischen Europawahlen", die im nächsten Jahr anstünden.

Aus der Rolle des Staatsmanns fiel der Grüne (Slogan: "Außen Minister, innen grün") lediglich bei der Frage nach einem möglichen EU-Beitritt der Türkei. Heftig kritisierte er die Union für ihren "Versuch, den europäischen Wahlkampf als gegen jemanden gerichtet zu führen". "Vorurteile sind kein Grundwert der Europäischen Union", schimpfte Fischer unter großem Beifall der Delegierten. "Wir müssen die Tür für die Türkei offenlassen."

Und dann war wieder der Staatsmann gefragt. "Lasst es gut sein", mahnte Fischer am Ende seine Grünen, als der Beifall nicht enden wollte: "Ich muss zurück in die Konferenz."

War es also schon der zukünftige Außenminister Europas, der da sprach? "Eine legitime Frage", findet Fischers alter Weggefährte Cohn-Bendit, der voraussichtlich Spitzenkandidat der Grünen bei der Europawahl 2004 wird. Und er lässt auch keinen Zweifel daran, dass er sie - allen Fischer'schen Dementis zum Trotz - nach wie vor mit "ja" beantwortet.

"Er ist prädestiniert, irgendwann europäischer Außenminister zu werden", sagt Cohn-Bendit. Man könne sich überall in Europa umhören - in Frankreich, in Belgien, in Polen. Überall könnten sie sich einen EU-Außenminister Fischer vorstellen.

Wieso also will Fischer selbst von solchen Plänen nichts wissen? "Das ist das Dementi des deutschen Außenministers", tut Cohn-Bendit die Äußerungen seines Freundes ab. "Das ist nicht das Dementi des zukünftigen europäischen Außenministers."

Er habe auch durchaus Verständnis dafür, dass Fischer seine europäischen Ambitionen bestreitet. Der Wahlkampf des Duos Schröder-Fischer werde unglaubwürdig, wenn Joschka sage: "Ach, weißt Du was, das ist ja alles nicht so klar, ich geh mal lieber nach Brüssel."

Und ein kleines Problem gebe es da ohnehin noch, räumt auch Cohn-Bendit ein: "Die Bundestagswahl ist noch nicht gewonnen." Denn nominiert für das hehre Amt würde Fischer nur von einer rot-grünen Bundesregierung. "Deshalb hat es eine Logik, wenn sie sagen: Wir stehen zu dem, was wir machen, weil wir daran glauben, wir kämpfen das durch bis zur nächsten Bundestagswahl, dann können wir uns der Gestaltung Europas zuwenden."

Wenn auch Cohn-Bendit diese Logik sieht, bleibt eine Frage: Warum bringt er das Thema immer wieder auf den Tisch? Schließlich weiß der Politveteran, dass man Kandidaturen totreden kann - zumal wenn man sie allzu früh ins Spiel bringt. Fischer jedenfalls dürfte der Vorstoß wenig behagt haben. "Ich weiß nicht, wie er dazu kommt", war alles, was ihm dazu einfiel.

So kann über die Beweggründe Cohn-Bendits nur spekuliert werden. Treiben ihn gar eigene Ambitionen? An Selbstbewusstsein jedenfalls mangelt es dem Politiker nicht. Auf die Frage, wie er sich erkläre, dass ausgerechnet ein per Video zugeschalteter Promi den stärksten Beifall der Delegierten bekommen habe, meint er: "Ich habe ja noch nicht geredet."



© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.