Anti-Shitstorm-Konferenz: Piraten auf der Suche nach Liebe

Von , Bielefeld

Die Piraten haben genug vom rauen Ton in ihrer Partei. In einer Bielefelder Halle treffen sich deshalb Shitstorm-geplagte Freibeuter zu einer Kuschelkonferenz. Zwischen Anti-Aggressionstraining und Bällebad wird den Politik-Newcomern klar, dass sie so nicht weitermachen können.

Piratenpartei: Flauschen gegen den Shitstorm Fotos
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Der politische Geschäftsführer legt noch die Brille ab, dann nimmt er Anlauf und springt kopfüber ins Glück. Johannes Ponader taucht in einem See aus bunten Plastikbällen ab, rauscht bis auf den Grund, dann stößt er wieder an die Luft, wirft ein paar der apfelgroßen, bunten Bälle auf die umherstehenden Parteifreunde. So zeigen sich die Piraten gern, locker und verspielt. Später sagt Ponader über das Glück im Bällebad: "Man ist getragen, aber gleichzeitig frei, man schwebt."

Das Gefühl fehlte ihm in der Partei zuletzt. Hinter Ponader liegen harte Wochen. Nach seiner umstrittenen Spendenaktion zu seinen Gunsten bekam der Geschäftsführer einen heftigen Shitstorm seiner Partei ab. In einer Internet-Sprachkonferenz schleuderte man ihm entgegen: "Arbeite doch bei McDonald's!" Parteifreunde warfen ihm in aller Öffentlichkeit Egoismus und Faulheit vor.

Die Piratenpartei schwankt zwischen niedlichem Bällebad und niederträchtigem Shitstorm. Zuletzt zeigte sich die unschöne Seite jede Woche. Manche Piraten sind Experten in Spott und Beleidigung, schießen öffentlich gegen Parteifreunde, nehmen sich auf Mailinglisten und Twitter Vorständler wie einfache Provinzpiraten vor. Zuletzt ergoss sich die Häme über einem Leipziger Piraten, der eine ungeschickte Pressemappe zu seiner Person verfasste.

Manche machen sich nun größere Sorgen denn je um den Ton in der Partei und haben deshalb nach Bielefeld zur "FlauschCon" geladen. Das "Barcamp für innerparteiliche Kultur" soll den Freibeutern zeigen, wie sie liebevoller miteinander umgehen können. Der Piratenslang "Flausch" steht dabei für den Anti-Shitstorm. "Flausch heißt: auch mal loben, auch mal nett sein", sagt die 28-jährige Organisatorin Leena Simon.

Sie hat den Piraten dafür mit Helfern eine Wohlfühllandschaft gebaut. 600 Quadratmeter orangefarbenen Teppich haben sie in der Halle ausgelegt, Strandstühle vor die Fototapete eines Birkenwalds drapiert. Weiße Sofas laden zum Kuscheln, Lavalampen wabern beruhigend. Und natürlich das große Bällebad. Alles ziemlich flauschig. Simon sagt: "Wir müssen schnell lernen, konstruktiv miteinander umzugehen."

"Unser Ton ist zum Abgewöhnen"

In der Tat: Das laute Spotten über Twitter und Mailinglisten verstört zunehmend Anhänger und verprellt Parteifreunde. Die Ex-Grüne und Neupiratin Anke Domscheit-Berg twitterte etwa: "FlauschCon ist für mich ein Wegweiser und Hoffnungsfaktor." Sie werde täglich auf die Kommunikationsprobleme der Piraten angesprochen. Organisatorin Simon sagt: "Unser Ton ist manchmal zum Abgewöhnen." Und der gebeutelte Geschäftsführer Ponader sagt: "Entscheidend ist nicht, ob wir in den nächsten Landtag einziehen, sondern ob wir unsere Basisdemokratie ohne ständigen Streit hinbekommen." Das ist also die Ausgangslage für das Bielefelder Kuschel-Camp.

Zum Auftakt ruft eine Piratin: "Ja, wir haben viel Drama und viel Streit, aber es gibt Hoffnung!" Sie eröffnet die erste Diskussion zum Zustand der Partei. Es meldet sich "Uwe, Pirat aus Berlin". Er sagt zu einem Positionspapier, was Christopher Lauer, ebenfalls Hauptstadtpirat, Anfang der Woche veröffentlichte: "Das ist weichgespülte Scheiße!". Ein weiterer Pirat will sprechen, das Mikrofon verschluckt ein paar Silben. Jemand ruft: "Nimm halt ein anderes Mikro, Mann!" Der Weg zur Flausch-Partei ist lang.

Wir müssen nun losmarschieren, sagt Simon. "Jetzt wo es um die aussichtsreichen Plätze für den Bundestag geht, könnte alles schlimmer werden. Wir müssen verhindern, dass die Guten weggebissen werden." Ihr selbst ist das mal passiert. Sie hatte eine Mailingliste für Frauen gegründet, das brachte ihr einen zweiwöchigen Shitstorm ein. Danach machte sie anderthalb Jahre lang gar nichts für die Partei. Jetzt startet sie einen neuen Versuch.

Anti-Aggressionstraining und Rollenspiele

Am Sonntagvormittag spricht Simon über das "Kanalisieren von Aggressionen". Am Nachmittag spricht Spiff über "Das Bällebad als Idealbild einer diskriminierungsfreien Gesellschaft". Und Acid, ein gemütlicher Pirat mit langen lila Haaren, führt ein in die "Gewaltfreie Kommunikation". Acid, der sich auf Twitter "Lord of the Flausches" nennt, trägt ein T-Shirt mit dem Aufdruck "Liebe statt Personenkult", und muss um Aufmerksamkeit buhlen. Der Workshop beginnt, doch zwei der zehn Piraten im Stuhlkreis tippen weiter gebeugt auf ihren Smartphones. Dann sagt Acid einen magischen Satz: "Ich bin Shitstorm-frei, hundert Prozent." Da schauen die zwei Piraten von ihren Bildschirm, nicken. Respekt.

Dann geht es für die kleine Runde in Rollenspiele, Theorieblöcke, Feedbacktalks. Am Samstag sind 130 Piraten gekommen, die Organisatoren sind ein bisschen enttäuscht. Aus der heimischen Landtagsfraktion, 20 Piraten sitzen im Düsseldorfer Parlament, kam niemand. "Die, die es am nötigsten haben, tauchen hier leider eh nicht auf", heißt es aus dem Orga-Team.

"Es war demütigend"

Immerhin ist Marina Weisband aus dem nahen Münster in die Flausch-Halle gekommen. Auch nach ihrem Rückzug aus der Bundesspitze redet sie der Partei gern mal ins Gewissen. Nun sitzt sie mit ihrem Nachfolger Ponader inmitten der Flausch-Anhänger und sagt: "Wir müssen unsere Leute, die sich hervorwagen, besser beschützen. Sonst verlieren wir alle, die nicht Shitstorm-resistent sind." Die Piraten könnten sonst nicht effizient arbeiten.

Ponader nickt. Er sagt: "Flausch ist gut, aber Flausch reicht nicht. Wir brauchen eine Shitstop-Kultur." Zu der Spottwelle, die nach der Spendenaktion über ihn selbst hereinbrach, sagt er: "Es war demütigend, ich musste schauen, dass ich nicht seelisch draufgehe."

Lästern war gestern, heute ist Shitstorm. Können die Piraten überhaupt etwas dagegen tun? Ponader und Weisband sagen, wer schimpft, muss in die Schranken gewiesen werden. Mit Argumenten, nüchtern, aber bestimmt. Dann meldet sich wieder Uwe, der Pirat aus Berlin. Er sagt: "Wir haben zu viele Narzissten." Das werde alles schwierig.

Es ist eine zähe Diskussion. Selbst die Flausch-Fans unter den Piraten zweifeln am Erfolg ihrer Mission. Dann greift sich ein Pirat mit weißen Haaren, schon jenseits der 60, das Mikro. Er sagt: "Ich glaube an die piratige Liebe." Aufatmen, Applaus, es gibt doch noch Hoffnung.

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insgesamt 37 Beiträge
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1. this is the end
lebenslang 09.09.2012
wenn es keine schranken gibt drängt sich das laute, freche und unverschämte nach vorne wo das laute, freche und unverschämte das wort führt entfernen sich diejenigen denen ein solches niveau auf die dauer auf den keks geht und damit ist eine solche partei kurz über lang intellektuell erledigt.
2. Piraten-Kosmos
toskana2 09.09.2012
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEDie Piraten haben genug vom rauen Ton in ihrer Partei. In einer Bielefelder Halle treffen sich deshalb Shitstorm-geplagte Freibeuter zu einer Kuschelkonferenz. Zwischen Anti-Aggressionstraining und Bällebad wird den Politik-Newcomern klar, dass sie so nicht weiter machen können. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,854762,00.html
Wenn es kraft Gesetzes jedem Bürger gestattet ist, im eigenen Universum zu leben und es auch zu pflegen, warum sollte es den Piraten nicht gegönnt sein, besagte Einzeluniversen zu einem gemeinsamen Kosmos zu vereinen und zu pflegen?!
3. Narzissten
karlkaefer 09.09.2012
Das trifft den Nagel auf den Kopf. Statt wirklich mal einen frischen Wind in die etablierte Parteienlandschaft zu bringen, kommen mir die Piraten immer mehr wie eine Gruppe Kleinkinder vor, die weinend zu Mami laufen, wenn jemand mal was weniger Nettes oder gar Kritisches sagt. Einfach nur peinlich. Aber wenigstens werden Arbeitsplätze für die sicher in grosser Menge notwendigen Seelentröster und Psychologen geschaffen.
4. Es scheint so ...
Politikum 09.09.2012
... dass sich bei den Piraten viele der Leute sammeln, die bei den traditionellen Parteien rausgeworfen wurden, oder sich selber ins Abseits geschossen haben. Es ist geradezu beängstigend, welche Zustände in dieser Partei zu herrschen scheinen. Dagegen sind die Unterorganisationen der anderen Parteien ja intellektuelles Rudelkuscheln, auch wenn es da genauso Mobbing gibt. Den Piraten gebe ich keine Zukunft. Sie haben gezeigt, dass sie vollkommen unfähig sind, eine Regierung zu bilden. Im Gegenteil ist zu bemerken, dass die Piraten anscheinend zu einem hohen Prozentsatz aus Schläfern bestehen, die nur darauf gewartet haben, ein paar Wählerstimmen zu bekommen, um dann aus der Lethargie zu erwachen, und sich brutal den Weg zum politischen Amt, oder zur Darstellung der eigenen Meinung zu ebnen. Immerhin sind die Piraten eine Möglichkeit, die gesellschaftliche Zukunft der Internet-Generation zu betrachten. Wenn sich diese Art und Weise in der Gesellschaft ausbreitet, dann gute Nacht.
5. oh Gott
salopp 09.09.2012
Zitat von toskana2Wenn es kraft Gesetzes jedem Bürger gestattet ist, im eigenen Universum zu leben und es auch zu pflegen, warum sollte es den Piraten nicht gegönnt sein, besagte Einzeluniversen zu einem gemeinsamen Kosmos zu vereinen und zu pflegen?!
Das sind genau die Art von zukünftigen Politiker, die ich in Verhandlung für unsere Interessen gegen Gegner wie Goldman Sachs und andere Regierungen sehen will. Armes Deutschland.
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