"Fleischgewordener Teleprompter" SPD nimmt Ypsilanti gegen Einflüster-Vorwurf in Schutz

Die Fernsehzuschauer staunten am Wahlsonntag: Wer war der Mann, der hinter der hessischen Spitzenkandidatin Ypsilanti stand und lippengenau ihre Worte mitsprach? Flüsterte er ihr den Redetext ein? Von wegen, kontert die hessische SPD - und erklärt den rätselhaften Auftritt ganz anders.

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Berlin - Als die hessische SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti am Sonntag abend vor ihre jubelnden Genossen trat und sich zur Wahlsiegerin ausrief, stutzten viele Fernsehzuschauer: Wer war der gelockte Mann rechts hinter ihr, der alle ihre Worte synchron mitsprach? Braucht die neue SPD-Hoffnungsträgerin etwa einen Einflüsterer?, fragten sofort einige Kommentatoren. Einen "fleischgewordenen Teleprompter", wie manche Zeitungen schrieben, der ihr die richtigen Worte in den Mund legt?

Es handelt sich um Ypsilantis Lebensgefährten Klaus Dieter Stork, einen Kulturmanager und Ex-Juso, der inzwischen so große Neugier erweckt wie einst Joachim Sauer, der geheimnisumwitterte Gatte von Angela Merkel.

Ein Mitschnitt des Auftritts machte prompt auf dem Internet-Videoportal Youtube die Runde, und die "Süddeutsche Zeitung" nahm die Episode zum Anlass, "die Männer hinter Ypsilanti" vorzustellen. Neben Stork zählen dazu der hessische SPD-Generalsekretär Norbert Schmitt und Gernot Grumbach, der Chef des SPD-Bezirks Hessen Süd, allesamt Vertreter des linken Parteiflügels.

In Ypsilantis Umgebung wird die ganze Diskussion mit einigem Ärger aufgenommen. "Den Eindruck zu erwecken, dass Andrea Ypsilanti starke Männer braucht, die sie einnorden, ist völlig abartig", sagt Generalsekretär Norbert Schmitt SPIEGEL ONLINE. "Die Frau wird immer noch unterschätzt."

Wer genau hinschaut, erkennt in den Videos, dass Stork nicht einflüstert, sondern eher mitbetet - teilweise mit geschlossenen Augen. Er kannte offensichtlich den Text, den Ypsilanti sich für den Abend zurechtgelegt hatte.

Es sei "schon was Besonderes", wenn der Partner "so inbrünstig" mitfiebere, sagt Schmitt. Verwerflich sei es jedoch nicht. Natürlich habe Ypsilanti ebenso wie jeder Politiker enge Berater, darunter auch ihren Lebensgefährten, der ein "hochpolitischer Mensch" sei. Dass ein Paar sich über Politik unterhalte, sei vollkommen normal. Den Ton gebe aber Ypsilanti an, sagt Schmitt: "Da werden sich manche noch wundern."

Wenn man schon über Einflüsterer in der Politik rede, sagte Schmitt, dann falle ihm ein ganz anderer Name ein: "Der einzige Souffleur, den ich kenne, heißt Dirk Metz." Metz ist hessischer Regierungssprecher, das Alter Ego von Ministerpräsident Roland Koch.

Ypsilanti selbst hat sich zur Rolle ihres Lebensgefährten bisher nicht geäußert. Heute Abend hat sie Gelegenheit dazu: Sie tritt in der Talkshow von Johannes B. Kerner auf und wird der Frage wohl kaum entgehen.



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