S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal Heul leiser, Chantal!

"Fack ju Göhte" heißt der Erfolgsfilm der Saison. Im Mittelpunkt: ein Lehrer, der sich mit roher Gewalt bei seinen Schülern Respekt verschafft. Wie verträgt sich das eigentlich mit unserer Liebe zum Pazifismus?

Szene aus "Fack Ju Göhte": "Bist Du etwa gerade körperlich geworden?"
Constantin

Szene aus "Fack Ju Göhte": "Bist Du etwa gerade körperlich geworden?"

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Schon mal von den "Zwölf Stämmen" gehört? Das ist eine bibeltreue Sekte in Bayern, die das Urchristentum wiederbeleben will, also die Zeit, als die Menschen für ihren Glauben noch im Kolosseum landeten, wenn es schlecht lief. Vor ein paar Monaten stand die Glaubensgemeinschaft in allen Medien, als die Polizei 40 Kinder von den Eltern trennte und ins Heim verfrachtete.

Ein RTL-Reporter hatte zuvor mit einer versteckten Kamera gefilmt, wie einigen Kindern mit einer Rute der Hintern versohlt worden war. Körperliche Züchtigung gilt bei den "Zwölf Stämmen" als legitimes Erziehungsmittel. Die Gläubigen berufen sich dabei auf "Hebräer 12,6": "Denn wen der Herr liebt, den züchtigt er."

In der "Süddeutschen", dem Heimatblatt der Region, ist jetzt ein Debatte über das Recht auf die Rute entbrannt. Ein Redakteur hatte nach einem Besuch bei den Eltern die Frage gestellt, was für die Kinder schlimmer sei: die Züchtigung oder die Trennung von Mutter und Vater. Der Text war in der Redaktion offenbar als so verstörend empfunden worden, dass am nächsten Tag ein Kommentar folgte, der die Kinderwegnahme vehement verteidigte: "Man darf nicht nur, man muss."

Körperliche Bestrafung ist erst seit 2000 verboten

Interessantes Detail: Körperliche Bestrafungen sind in Deutschland erst seit dem Jahr 2000 generell verboten. Wer das Züchtigungsrecht der Eltern als vorsintflutlich bezeichnet, vergisst, dass diese Sintflut erst 14 Jahre her ist, wie Heribert Prantl von der "SZ" in einem weiteren Debattenbeitrag anmerkte. Das spricht nicht gegen den Mentalitätswandel, auf den wir so stolz sind, erklärt aber vielleicht die Abscheu, mit der auf Abweichungen reagiert wird. Jede Demonstration von Gewalt erinnert daran, dass nicht in allen Schichten und Klassen die bürgerlichen Erziehungsnormen vorbehaltlos geteilt werden.

Der aufgeklärte Erziehungsberechtigte setzt auf Einsicht durch Gespräch. Was umgekehrt vor einer Generation noch als selbstverständliches pädagogisches Mittel galt, ist heute ein Vergehen, dass erst das Jugendamt und dann den Staatsanwalt auf den Plan ruft. Man muss dabei nicht zur Rute greifen wie die Jesus-Anhänger aus Donau-Ries: Es reicht, dass man seinem Kind eine Ohrfeige androht, um als Unmensch zu gelten.

Das Unbehagen über die Anwendung von Gewalt ist inzwischen so weit gediehen, dass auch die körperliche Auseinandersetzung unter Kindern unterbunden wird, wozu schon eine Rauferei unter Gleichaltrigen zählt. Vermutlich gehöre ich der letzten Gruppe von Gymnasiasten an, bei der ein offener Schlagabtausch noch zum Schulalltag gehörte.

Anti-Aggressionstraining in der sechsten Klasse

Als mein jüngster Sohn zum Schulkarneval ein Plastikgewehr dabei hatte, wurde er ermahnt, weil er eine "Waffe" in die Schule mitgebracht habe. "Carl, das kreiert keine gute Atmosphäre", sagte die Lehrerin und nahm das Gewehr mit spitzen Fingern in Verwahrung. In der sechsten Klasse haben dann alle an einem Anti-Aggressionstraining teilgenommen. Ein Polizist belehrte die Kinder, man könne für Schubsen ins Gefängnis kommen.

Es geht nicht um Misshandlung oder Körperverletzung - die verabscheut jedes Elternteil, das seine Kinder liebt, unabhängig von der Gesetzeslage. Es geht um die Korrektur von Fehlverhalten. Erziehung heißt immer auch Disziplinierung, und die funktioniert nicht ohne Strafen. So gesehen stellt sich, wie so oft im Leben, nur die Frage der Alternativen.

Man soll sich nicht einbilden, dass der Versuch einer Mutter, ihrem Kind durch mahnende Worte ein schlechtes Gewissen einzupflanzen, keine Spuren hinterlässt. Man könnte sogar gute Gründe finden, warum die subtile Manipulation, die auf interne Triebsteuerung anstelle der Angst vor Sanktionen setzt, die kleine Seele mehr verschattet als eine Ohrfeige.

Es ist eine Illusion zu glauben, nur körperliche Züchtigung sei gewalttätig. Das gilt übrigens auch für die Schule: Wo ein Lehrer früher einen Schüler an den Ohren packte, um ihn zur Raison zu bringen, bleibt heute nur die Bestrafung über die Noten. Das eine hat eine rote Ohrmuschel zur Folge, das andere eine sehr viel lang anhaltendere Beeinträchtigung.

Es ist das Privileg der Komödie, in Form der Farce an verdrängte Wahrheiten zu erinnern. Rund sechs Millionen Zuschauer haben mit "Fack ju Göhte" einen Film zu der erfolgreichsten deutschen Kinoproduktion der Saison gemacht, in dessen Zentrum ein Lehrer steht, der sich statt auf gutes Zureden lieber auf handfeste Argumente verlässt.

In einer Szene drückt er einen völlig außer Rand und Band geratenen Schüler so lange unter Wasser, bis der schluchzend Besserung gelobt. "Bist Du etwa gerade körperlich geworden", fragt die frisch von der Uni kommende Referendarin entgeistert, was das Publikum im Kino mit großem Gelächter quittiert. Als ein Mädchen in einer anderen Szene in Tränen ausbricht, bekommt es den fabelhaften Satz zur Antwort: "Chantal, heul leise!"

Eigentlich erstaunlich, dass der Film ab zwölf Jahren freigegeben ist.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 208 Beiträge
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Seite 1
wip 23.01.2014
1. Erziehung und/oder Disziplinierung?
Zitat von sysopConstantin Film Verleih GmbH"Fack ju Göthe" heißt die erfolgreichste Film des Jahres - im Mittelpunkt: ein Lehrer, der sich mit roher Gewalt bei seinen Schülern Respekt verschafft. Wie verträgt sich das eigentlich mit unserer Liebe zum Pazifismus? Fleischhauer-Kolumne: Der Erfolg von "Fack ju Göthe" - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/fleischhauer-kolumne-der-erfolg-von-fack-ju-goethe-a-945121.html)
Herr Fleischhauer, Sie irren schon wieder. Ideologie - auch pädagogische Ideologie - ist immer eine schelchte Voraussezung zum Umgang mit der Wirklichkeit. Darüber schreiben Sie doch ständig - und nun sol les auf einmal für sie selbst nicht mehr gelten? Ja, ich weiß wovon ich rede: Zwei erwachsene Kinder, beide Abitur, Studium, etliche Auszeichnungen, erfolgreich im Beruf - ohne Disziplinierung, ohne Strafen, immer noch ein wunderbares Verhältnis zwischen Eltern und Kindern. Sie glauben's nicht? Man kann sich darüber informieren. Ein recht ordentlicher Anfang wären z. B. Thomas Gordon: Die Neue Familienkonferenz. Kinder erziehen ohne zu strafen. Heyne Tb 19/325/2001 Jespel Juul: Das kompetente Kind. Rowohlt 2001 Marshall B. Rosenberg: Gewaltfreie Kommunikation. Eine Sprache des Lebens. Paderborn 2010. Also einfach mal selber beherzigen, was Sie anderen immer so eifrig empfehlen: einformieren statt ideologisieren, zugreifen und lesen!
kugelsicher, 23.01.2014
2. Fleischhauer fällt auch nichts mehr ein
Was will er uns jetzt, subkutan durch die Hintertür mit diesem völlig unmotivierten und belanglosen Text sagen? - Dass die Wiedereinführung der Prügelstrafe zu begrüßen wäre? - Das Schläge ins Gesicht noch niemanden geschadet haben? - Oder dass das angeblich grün-links-gender-verseuchte Bildungs- und Gesellschaftssystem eh total lasch ist und mal richtig mit Zucht und Ordnung reformiert gehört? Irgendwas in diese Richtung muss es sein.
jfk68 23.01.2014
3. hat nicht geholfen...
"Vermutlich gehöre ich der letzten Gruppe von Gymnasiasten an, bei der ein offener Schlagabtausch noch zum Schulalltag gehörte." ...und es hat dennoch nicht geholfen. Mensch, Fleischhhauer, schreib doch mal kluge Texte.
suvadee 23.01.2014
4. Die allerschlimmste Gewalttätigkeit
(für ein Kind) ist, soweit ich weiß, komplettes Ignoriertwerden. Danke für Ihren heutigen Kommentar und das Zursprachebringen dieser Fragen. Durch die Verteufelung und Verbannung von "Aggression" aus unserem "normalen" Alltag hat man m.E. eine eigentlich vor Lebenskraft strotzende Seite des Mensch-Seins entwertet und ins Unbewusste abgedrängt, mit mehr als fragwürdigen Folgen. Buchtipp: Aggression als Chance.
bunterepublik 23.01.2014
5. Hilfe - Grundsatzdiskussionen
Der Fleischhauer hat Recht, indem er sich über diese lächerliche Attitüde der Berufspädagogen beim Erziehen mokiert. Ich weiß, dass es viele Ratschläge von "kompetenten" Pädagogen gibt, wie man mit dem Kinde gewaltfrei und "gleichwürdig" umgeht. Nur: Wenn seitens des Kindes keine Grenzen respektiert werden, sind alle Erziehungsratschläge Schall und Rauch. Manchmal scheint tatsächlich nur die Ohrfeige oder der Klaps zu helfen. Der Hintergrund ist einfach: Jedes Kind ist ein Individuum, und während das eine mit Einsicht reagiert, provoziert das andere und lotet weiter Grenzen aus. Dieses Provozieren ist eigentlich ein natürliches Verhaltensmuster. Der Mensch möchte seine Grenzen überschreiten. Auf der anderen Seite muss dem Kinde aber die Grenze genau aufgezeigt werden. Zudem ist eine Ohrfeige natürlich auch was anderes als misshandelnde "Prügelstrafe". Insbesondere bei der Erziehung von Halbwüchsigen ist die Gesellschaft ohnehin machtlos. Hier wäre es wohl nicht verkehrt, öfter klare Kante zu zeigen. Dass psychische Gewalt meist schlimmer wiegt als physische Gewalt ist ohnehin klar. Aber oft wären kurze harte Konsequenzen sicherlich sinnvoller, als laue nach vielen Wochen. Jugendrichter können hiervon sicherlich ein Lied singen. Hauptproblem ist doch eigentlich, dass der natürliche Bewegungsdrang der Kinder (hauptsächlich maskuline Kinder), in unserer Gesellschaft komplett unterbunden wird (von gewaltfreien Berufspädagogen und faulen Eltern, die ihre Kinder vor die Glotze oder das Tablet setzen, statt raus in die Luft). Zum Bewegungsdrang gehört auch das Streiten und Raufen, und zwar in Maßen. Wird dies schon im Kindergarten unterbunden, stauen sich Aggressionen an, die irgendwann durchbrechen...
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