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S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal: Der gutmütige Deutsche

Eine Kolumne von

Die Nachbarn in Europa sehen in uns den fremdenfeindlichen Blockwart. Dabei hängt vieles zu Hause und in Brüssel an der tadellosen deutschen Zahlungsmoral. Ein bisschen mehr Dankbarkeit könnte nicht schaden.

Es ist immer wieder erschreckend, was man über sich als Deutscher aus den Medien erfährt. Neulich habe ich gelesen, dass in kaum einem Land Europas die Frauen solche Angst vor psychischer Gewalt haben müssen wie in Deutschland. Nur in Skandinavien sieht es noch schlechter aus, was möglicherweise am Wikinger-Erbe liegt.

Regelmäßig zeigen Studien, wie fremdenfeindlich, homophob und antisemitisch eingestellt die Deutschen sind. Seit einer Woche haben wir es schriftlich, dass wir auch gegen Roma und Sinti furchtbare Vorurteile hegen. Wie die Antidiskriminierungsstelle des Bundes berichtet, hätte jeder dritte Deutsche etwas dagegen, wenn neben ihm Roma oder Sinti einziehen würden. Zu den Stereotypen, die in der Bevölkerung fest verankert sind, gehört, dass Roma und Sinti "arm", "gerissen" und "kinderlieb" sind. Es ist nicht ganz klar, warum "kinderlieb" ein Stereotyp ist, das man besser nicht haben sollte - in jedem Fall ist die Situation so besorgniserregend, dass die Regierung ein ganzes Maßnahmenbündel beschlossen hat, um der Diskriminierung entgegenzuwirken.

Dass in jedem Deutschen immer noch ein kleiner Nazi steckt, der nur darauf lauert, seine Fratze zu zeigen, ist ein Befund, auf den man sich an den Stammtischen in dem Teil der Welt, der den Deutschen grundsätzlich misstraut, wohl schnell wird einigen können. Wenn wir nicht gerade unsere Frauen bedrohen, Asylbewerber schikanieren und Sinti und Roma verachten, quälen wir unsere europäischen Nachbarn mit dem Spardiktat, das ihnen die Luft zum Atmen nimmt. Der Deutsche ist in dieser Weltsicht so etwas wie der Blockwart unter den Europäern, was ganz Europa allerdings nicht daran hindert, darauf zu vertrauen, dass wir die Dinge schon richten.

Es ist erstaunlich, mit welcher Engelsgeduld der so Gescholtene die Dauerverächtlichmachung erträgt und unbeirrt seinen Beitrag zum Gemeinwohl leistet. Brav entrichtet der Deutsche seine Sozialabgaben und Steuern, ohne Rechenschaft zu verlangen, was mit dem Geld geschieht. Kein böser Satz darüber, dass die Hälfte der Haushalte in Deutschland nicht einmal Einkommensteuer zahlt, weil sie ohne Arbeit oder schon auf Rente sind. Kein Wort des Protestes, wenn er mit allem, was er angespart hat, von dem freundlichen Herrn Draghi in Haftung genommen wird, um Not leidende Banken, kriselnde Staaten und die gemeinsame Währung zu stützen.

Gutmütigkeit verdient Anerkennung

Gutwillig sieht der deutsche Klein- und Durchschnittsbürger jedes Jahr rund zwölf Milliarden Euro netto im Verwaltungsapparat in Brüssel verschwinden, wofür er dann im Gegenzug Gesetze erhält, die ihm die Glühbirne verbieten und den Staubsaugern die Energie austreiben. Er nimmt klaglos hin, dass zehn Milliarden Euro in die Entwicklungshilfe gehen, obwohl er Anlass zur Vermutung hat, dass ein Gutteil des Geldes in den Koffern afrikanischer Potentaten landet, deren Namen er hin und wieder in den Nachrichten in Verbindung mit unaussprechlichen Verbrechen hört.

Er nimmt keinen Anstoß am Solidarzuschlag, der seit 23 Jahren auf seinem Lohnzettel steht und der dem Aufbau des Ostens dient, auch wenn inzwischen im Westen allerorten der Putz blättert und in den Schulen das Wasser durch die Decke läuft. Wenn er in der Zeitung liest, dass sich die Zahl der Hartz-IV-Bezieher, die statt eines deutschen Passes einen bulgarischen oder rumänischen besitzen, binnen eines Jahres verdoppelt hat, zuckt er nur resigniert mit den Achseln. Unser fleißiger Steuerbürger beschwert sich noch nicht einmal über die üppigen Staatssubventionen für die schönen Künste, die ihren Daseinszweck vor allem darin sehen, sich über ihn lustig zu machen. Er hat vor Langem gelernt, Kunstfreiheit als ein heiliges Gut zu betrachten - also bezahlt er jetzt auch für den Kakao, durch den er gezogen wird.

Manchmal wünscht man sich ein wenig Respekt vor der nimmermüden Leistung des braven Deutschen. Denn was, wenn er eines Tages streikt? Wenn er morgens beschließen sollte, einfach liegen zu bleiben und sich ein Beispiel an den Bummlern und Müßiggängern zu nehmen, die andere die Arbeit erledigen lassen?

Plötzlich würden nicht nur seine Steuermilliarden schmerzlich vermisst, die es der Regierung ermöglichen, überall, wo es brennt, die Feuerwehr zu spielen. Schlagartig wäre auch klar, dass kein Unicef und kein Greenpeace ohne den deutschen Kleinbürger auskommt und sein für Kinder, Wale und Robben zu erwärmendes Herz. Nur Spießer gehen regelmäßig zum Blutspenden, sammeln Altkleider oder engagieren sich im Sportverein. Wer damit beschäftigt ist, dem Deutschen laufend den Spiegel vorzuhalten, hat dafür leider in der Regel keine Zeit.

Gutmütigkeit ist eine Ressource, die nicht Spott, sondern Anerkennung verdient. Hoffen wir, dass dies der Politik nicht erst dämmert, wenn es zu spät ist.

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Kolumne - Der schwarze Kanal
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insgesamt 128 Beiträge
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1.
zynik 09.09.2014
"Manchmal wünscht man sich ein wenig Respekt vor der nimmermüden Leistung des braven Deutschen. Denn was, wenn er eines Tages streikt? Wenn er morgens beschließen sollte, einfach liegen zu bleiben und sich ein Beispiel an den Bummlern und Müßiggängern zu nehmen, die andere die Arbeit erledigen lassen? " Das wird nicht passieren, weil sonst das Hartz4-Stigma greift. Der Deutsche ist viel zu unterwürfig um sich gegen die herrschenden Zustände zu wehren. Am Status Quo wird er niemals rütteln. Dann lieber nach unten treten und artig jene Bäume anbellen, die ihm von unseren Ideologen vorgeben werden: Arbeitslose, Flüchtlinge, Griechen etc.
2. einfach toll und danke für diese einschätzung...
lupo44 09.09.2014
das sind wir wie hier beschrieben.Das war schon immer so glaube ich.Deshalb konnte auch unsere unrühmliche Vrgangenheit entstehen mit all ihren Konsquenzen. Aber eines muß man trotzdem hier bedenken-"der Krug geht solange zu Wasser bis er bricht" das mußte in jüngster Vergangenheit auch ein Herr Honnecker zur Kenntnis nehmen. Das ist nur zu erwähnen das auch alles mal vorbei ist bei den Deutschen.
3.
achim-bonn 09.09.2014
mal wieder ein richtiger Fleischhauer. Ich stimme ihm zu, aber nicht bei allen Nachbarn sind wir unbeliebt und werden nicht mistrauisch beäugt. In Frankreich sind wir laut offizieller Erhebung der Lieblingsnachbar weit vor den anderen europäischen Ländern.
4. Die Stimmung ist mies
licorne 09.09.2014
Seit 2 Jahren ist es hier in Frankreich ganz deutlich zu spüren, dass vergessen geglaubtes Vokabular wieder in manchen Kommentare Einzug hält. Besetzung, Diktat, über alles, Résistance. Gestern gab es mal wieder eine Erklärung von einem Ökonom in den Medien, dass Frankreichs Misere auf Deutschlands Wirtschaftspolitik zurückzuführen sei. Deutsche Politiker werden als arrogant und autoritär dargestellt. Wer die Rede des ex Finanzministers Montebourg gehört hat, der traute als Deutscher seinen Ohren nicht. Man werde sich das Spardiktat von der extremen deutschen Rechten nicht aufzwingen lassen. Die linken Sozialisten in Frankreich zeichnen gerne wieder das Bild vom bösen Deutschen, der andere unterdrückt. Wenn's nicht läuft, sind solche Vorurteile praktisch, um vom eigenen Versagen abzulenken.
5. genau! herr fleischhauer!
doofnuss 09.09.2014
das muss man doch mal sagen und schwarz auf weiß ins internet kloppen dürfen. aber mal im ernst, die (vermeintlichen) kritiker der deutschen kanalisieren mit ihren stereotypen über den angeblichen blockwart europas lediglich ihren selbsthass in erträgliche bahnen, betreiben psychohygiene auf die altbewährte art: immer auf die krauts! - so 'ne art luftablassen. denn, wie sonst ist es zu erklären, dass deutschland in der berühmten bbc-umfrage schon zum wiederholten male zum beliebtesten land (weltweit!) gewählt wurde? und warum will (gefühlt) die ganze welt von und in unserem "schweinesystem" leben - wenn wir nicht doch ganz o.k. wären? obwohl: "wenn ihr nicht mehr zahlt, dann haben wir euch auch nicht mehr lieb!". ;-)
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