S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal FDP-Hass

Es gibt nicht nur einen rechten Pöbel, es gibt auch einen Mob links der Mitte. Derzeit tobt er sich gegen die FDP aus beziehungsweise das, was von ihr übriggeblieben ist.

Eine Kolumne von


Kaum etwas liebt der Deutsche so sehr wie die Kuhstallwärme der Volksgemeinschaft. Zu viel Eigensinn ist ihm fremd, das Exzentrische und Abseitige überlässt man lieber anderen Nationen. Exzentrisch zu sein, heißt ja immer auch, sich irgendwie unsozial zu verhalten. Als unsozial zu gelten, ist aber das Kainsmal der deutschen Gesellschaft.

Es ist erstaunlich, welchen Hass die FDP auch nach ihrem Abschied aus dem Bundestag auf sich zieht. Den Feinden des organisierten Liberalismus reicht es nicht, dass die von ihnen ins Grab gewünschte Partei endlich dort gelandet ist, wo sie nach Meinung ihrer Verächter schon immer hingehörte. Sie müssen ihr noch im Untergang ihre Wut und Verachtung hinterher schreien.

Es gibt nicht nur rechten Pöbel, es gibt auch einen Mob links der Mitte. Dieser Pöbel beschmiert keine Wände oder brüllt dumpfe Parolen, er hinterlässt seinen Unflat auf den Facebook-Seiten von Rainer Brüderle und Philipp Rösler, bis diese geschlossen werden müssen. Er schreibt der Sekretärin, die verzweifelt nach einem neuen Job sucht, dass man sich über ihr Elend freue. Wenn das Arbeitsamt seine Hilfe anbietet, weil mit der FDP-Bundestagsfraktion ein Arbeitgeber in der Größe eines mittelständischen Betriebes abgewickelt wird, hinterlässt er hämische Kommentare. Die meisten, die jetzt um ihre Existenz bangen, sind nicht einmal Parteimitglieder, aber das interessiert die Pöbler nicht.

Es geht natürlich auch feiner. In den höheren Etagen wird die Genugtuung kalt genossen. Die Wahllokale waren noch nicht geschlossen, als der Chefredakteur des ZDF die FDP aus der Elefantenrunde auslud. Die ersten Infratest-Ergebnisse reichten ihm, um einer Partei, die 64 Jahre im Bundestag vertreten war und bis zur Bestellung eines neuen Kabinetts fünf Bundesminister stellt, den Stuhl vor die Tür zu setzen.

Was hat die FDP verbrochen?

Die FDP hat in den vier Jahren an der Regierung nicht den deutschen Sozialstaat geschleift. Sie hat weder den Hartz-IV-Empfängern die Butterbemme aus der Hand genommen, noch der Alleinerziehenden die Mutter-Kind-Kuren gekürzt oder dem 76-Jährigen die Beihilfe für das dritte künstliche Hüftgelenk. Sie hat nicht einmal den Soli abgeschafft, diese als Solidaritätsabgabe getarnte Extrasteuer, die vor 22 Jahren ins Leben gerufen wurde, um dem armen Ostler auf die Beine zu helfen.

Tatsächlich ist die einzige Sünde, die sich die FDP in ihren vier Jahren an der Seite von Angela Merkel zu Schulden kommen ließ, die Senkung des Mehrwertsteuersatzes für das Hotelgewerbe. Diese Untat hat den Steuerzahler zwar nur einen Bruchteil dessen gekostet, was andere Parteien an Wahlgeschenken über ihre Klientel ausstreuen, trotzdem darf sie auch jetzt in keinem Abgesang fehlen.

Das wahre Verbrechen der FDP ist ihre zur Schau gestellte Staatsskepsis. Schon die Ankündigung, Steuern nicht als eine Bringschuld des Bürgers zu sehen, sondern als begründungsbedürftige Zwangsmaßnahme, reicht für Totschlagsverwünschungen aus. Die Staatsvergötzung hat in Deutschland eine lange Tradition. Wenn es eine Konstante gibt, dann ist es der Schafsglaube, dass der sicherste Platz des Bürgers am Ofen der Mehrheit sei.

"Das Wir entscheidet", hat die SPD im Wahlkampf plakatiert. Dass eine nach der Regierungsmacht greifende Partei ganz naiv als Verheißung versteht, was jeder historisch denkende Kopf auch als Drohung empfinden muss, zeigt wie verludert der Freiheitsbegriff in Deutschland ist. Das Problem dieses Landes war nie ein Mangel an Wir-Bewusstsein. Es war übrigens auch nicht ein Übermaß an Individualismus oder Freiheitswillen, der es auf Abwege geführt hat.

Abschiedsgrüße per SMS von der Kanzlerin

Es gibt auch in der Politik so etwas wie eine Beileidskultur. Jürgen Trittin hat am Wahlabend nach einem Blick auf die ersten Umfragen seinen Wagen anhalten lassen, um den Verlierern am Telefon ein paar freundliche Worte zu sagen. Hermann Gröhe und Volker Kauder standen auf der Bühne des Konrad-Adenauer-Hauses und grölten einen Tote-Hosen-Song, als nebenan bei der FDP die Lichter ausgingen. Dass ein Bürgerschreck der Grünen mehr Anstand im Leib hat als der Fraktionschef und der Generalsekretär einer Partei, die das C im Namen führt, sagt viel über die Verfassung des parlamentarischen Konservatismus in Deutschland.

Die FDP wird die Nacht, in der sie untergepflügt wurde, nicht vergessen. Sie wird die Karaoke-Gesänge ihres früheren Koalitionspartners nicht vergessen oder die halbscharigen Mitleidsbekundungen, die sie als so unverschämt empfand, dass sie diese lieber gleich löschte. Sie wird auch nicht vergessen, dass die Bundeskanzlerin dem FDP-Parteivorsitzenden nur eine knappe SMS schickte, als das Ende der sogenannten bürgerlichen Koalition feststand. Kein Anruf ihrerseits, kein persönliches Wort der Anteilnahme.

Die CDU hat ihr Schicksal jetzt an eine Koalition mit SPD oder Grünen gekettet. Bonne Chance, kann man ihr nur zurufen. Die FDP wird mit viel Glück in vier Jahren zurückkehren. Die bürgerliche Koalition ist möglicherweise für sehr viel länger tot.

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insgesamt 546 Beiträge
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Seite 1
volw 03.10.2013
1. O ja!
Gut und richtig.
thelma&louise 03.10.2013
2.
Die FDP hat die Praxisgebühr abgeschafft.
Tom Joad 03.10.2013
3. Was soll man dazu sagen?
"Ihr --- kauft mir --- die Schadenfreude --- nicht ab!!!" ;-)
spmc-126530666661109 03.10.2013
4. Es geht nicht
um die FDP, sondern um den Liberalismus. Der ist bei der Klientelpartei nicht mehr angesiedelt. Deswegen ist die FDP so nötig wie ein Kropf!
davornestehtneampel 03.10.2013
5. optional
Respekt. Den Topf mit dem verranzten quittegelben Mus hinzustellen und als Honeypot umzuettiketieren, verdient definitiv Sonderapplaus.... :D
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