S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal: Unsere Obama-Liebe ist infantil

Von Jan Fleischhauer

Warum sind wir so auf Amerika fixiert? Weil wir uns offenbar besser fühlen, wenn es ein mächtiges Land gibt, dem wir uns überlegen fühlen können. Die Obama-Begeisterung ist nicht politisch, sondern nur psychologisch zu verstehen.

Wahlsieger Obama: Deutsche Begeisterung für den guten Amerikaner Zur Großansicht
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Wahlsieger Obama: Deutsche Begeisterung für den guten Amerikaner

Schade, dass Mitt Romney nicht gewonnen hat. Bei einem Wahlsieg des Republikaners hätten wir endgültig sicher sein können, dass Amerika dem Untergang geweiht ist. Jetzt müssen wir wohl noch etwas warten, bis das Weltreich zusammenbricht. "Four more years", heißt ins Deutsche übersetzt: vier Jahre Galgenfrist.

Für den aufmerksamen Zeitgenossen sind die Zeichen des Untergangs unübersehbar. Man muss sich ja nur den Zustand der Straßen angucken (jede vierte Brücke morsch!) oder das völlig veraltete Energiesystem, um zu dem Schluss zu kommen, dass diese Nation ihre Zukunft hinter sich hat. Ein Land, das seine Stromkabel einfach über die Straße hängt, statt sie ordentlich zu verbuddeln, kann man nicht wirklich ernst nehmen.

Mit ein wenig Glück erledigt sich der Spuk schon bald von selbst, nicht mal das kann man mehr ausschließen. Wenn sie sich nicht gegenseitig bei irgendwelchen Massakern über den Haufen ballern, oder von herabhängenden Stromkabeln gegrillt werden, dann werden die Amerikaner irgendwann platzen. Zwei von drei US-Bürgern sind übergewichtig oder sogar fettleibig! Solche Zahlen weiß hierzulande jedes Kind.

Bei kaum einem Thema sind sich die Deutschen so einig wie in ihrem Wunsch, die USA auf den Knien zu sehen - das verbindet ausnahmsweise links wie rechts. Wohin sie blicken, sehen sie Verfall, Kulturlosigkeit und Ignoranz, "eine perverse Mischung aus Verantwortungslosigkeit, Profitgier und religiösem Eiferertum", wie es mein kolumnistischer Gegenspieler Jakob Augstein am Montag wunderbar furios auf den Punkt gebracht hat.

Amerika-Kritik - ein Ritual, das ständig wiederholt werden muss

Was für ein Segen, kann man da nur ausrufen, dass wir in einem Land leben, in dem regelmäßig die Autobahnen repariert werden und die Waschmaschinen so wenig Wasser verbrauchen, dass man mit dem Gesparten die gesamte Sahara bewässern könnte. In dem man Bürgerinitiativen gegen McDonald's gründet und den "Tatort" für die Spitze der Fernsehkultur hält. Wenn auch hier mal die Strommasten brechen wie Streichhölzer, dann ist daran eine Naturkatastrophe schuld, gegen die sich ein Hurrikan wie ein laues Lüftchen ausnimmt.

Ich will ja nicht naseweis klingen, aber erinnert sich noch jemand daran, wie im Dezember 2005 ein überraschender Wintereinbruch im Münsterland bei 250.000 Menschen für Tage das Licht ausgehen ließ? Das Münsterland will nicht die Welt regieren. Aber dennoch war es sehr komisch, im Fernsehen nun die gleichen Experten zu sehen, die nach dem großen Stromausfall an der amerikanischen Ostküste zwei Jahre zuvor noch erklärt hatten, warum so etwas nie in Deutschland passieren könne.

Die Amerika-Kritik hat immer auch etwas Infantiles. Man kennt den Vorgang aus der Psychoanalyse: Da spricht man von Übertragung, wenn unterdrückte Gefühle oder Affekte durch Projektion auf andere bewältigt werden sollen. Für eine Zeitlang mag es sogar funktionieren, das eigene Selbstwertgefühl durch Abwertung eines imaginierten Gegenübers zu steigern, aber es bleibt immer ein unerledigter Rest. Auch deshalb muss das Ritual ständig neu vollzogen werden.

Noch immer ein Sehnsuchtsziel für Millionen

Solange ich zurückdenken kann, geht Amerika unter. Schon in den siebziger Jahren war das Land dem Niedergang geweiht, und das war noch, bevor Leute wie Ronald Reagan oder George W. Bush an die Macht kamen. In der Zwischenzeit haben die Amerikaner den Kommunismus in die Knie gezwungen, das Internet-Zeitalter eingeläutet und mehrfach den Kapitalismus revolutioniert.

Tatsächlich entsteht noch immer ein Viertel des weltweiten Wohlstands in den USA. Noch immer verfügen sie über die mit Abstand größte Militärmacht und werden das auch weiterhin tun, allem Gerede über eine multipolare Welt zum Trotz. Vor allem aber sind die Vereinigten Staaten bis heute das große Sehnsuchtsziel von Millionen Menschen in aller Welt. Wenn sie die Wahl hätten, wo sie leben wollen, würden die meisten seltsamerweise nicht das deutsche DIN-Norm-Glück vorziehen, sondern ein Leben in New York oder Kalifornien, wo die Schlaglöcher so groß sind wie Baggerseen. Da mag man hierzulande noch so viele Kerzlein anstecken, um endlich den Untergang herbeizubeten.

Die kindliche Obama-Begeisterung, die auch bei dieser Wahl wieder Deutschland erfasst hat, ist die Kehrseite des Abwertungswunsches. Dass sich die Deutschen ausgerechnet in einem schwarzen Bürgerrechtsanwalt aus Chicago wiedererkennen, ist nur damit zu erklären, dass sie in ihm das Gegenteil von dem sehen, was sie für den normalen Amerikaner halten.

Obamas eigentlicher Wohnsitz: im Herzen der Bundesbürger

Seit Obama vor der Berliner Siegessäule zur Welt gesprochen hat, liegt sein eigentlicher Wohnsitz im Herzen der Bundesbürger. Für diese Auszeichnung werden sie ihm ewig dankbar sein. Dafür verzeihen sie ihm auch, dass er Guantanamo am Leben hält und Drohnen verschickt wie andere Leute Postkarten.

Andrian Kreye hat in der "Süddeutschen Zeitung" heute völlig zu Recht darauf hingewiesen, dass für Europa das Leben mit Präsidenten aus dem republikanischen Lager meist einfacher war, weil die Vereinigten Staaten ihre Bündnisverpflichtung dann immer sehr ernst nahmen.

Obama hat kein Interesse an Europa, seine ganze Aufmerksamkeit gilt Asien. Wenn dieser Präsident im Kanzleramt in Berlin anruft, dann nur, um die Kanzlerin zu bequatschen, endlich Euro-Bonds einzuführen, damit die Wall Street wieder ruhig schlafen kann. Aber auch das gehört zu den Tatsachen, die besser verdrängt gehören.

Supermächte verschwinden nicht im Laufe von Jahren. Dafür braucht es Jahrzehnte, wenn nicht gar Jahrhunderte. So gesehen steht das Urteil, wer mit seiner Prognose nun recht behält, noch ein wenig aus. Die Untergangs-Propheten dürfen also weiter hoffen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 373 Beiträge
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    Seite 1    
1. Unbelehrbar
sr11 08.11.2012
Zitat von sysopAPWarum sind wir so auf Amerika fixiert? Weil wir uns offenbar besser fühlen, wenn es ein mächtiges Land gibt, dem wir uns überlegen fühlen können. Die Obama-Begeisterung ist nicht politisch, sondern nur psychologisch zu verstehen. Fleischhauer-Kolumne: Die seltsame Liebe der Deutschen zu Obama - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/fleischauer-kolumne-die-seltsame-liebe-der-deutschen-zu-obama-a-866075.html)
Herr Fleischauer war bis zuletzt überzeugt, dass Romney gewinnt. Es ist auch tatsächlich unfassbar, dass der Rockefeller-Clan dem Untergang geweiht ist. Das muss insbesondere von den Anhängern erstmal verdaut werden. Vielleicht wäre es jetzt Zeit, sich dem wahren Leben zuzuwenden? Die Illusion nähert sich dem Ende. Der Vorhang wird gelüftet.
2. der herr fleischhauer...
fordp 08.11.2012
Zitat von sysopAPWarum sind wir so auf Amerika fixiert? Weil wir uns offenbar besser fühlen, wenn es ein mächtiges Land gibt, dem wir uns überlegen fühlen können. Die Obama-Begeisterung ist nicht politisch, sondern nur psychologisch zu verstehen. Fleischhauer-Kolumne: Die seltsame Liebe der Deutschen zu Obama - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/fleischauer-kolumne-die-seltsame-liebe-der-deutschen-zu-obama-a-866075.html)
... beschreibt die welt, wie er sie versteht. leider versteht er die welt eben nicht und bleibt in seinem infantilen schwarz-weiss denken gefangen.
3. Infantil
el-gato-lopez 08.11.2012
Zitat von sysopAPWarum sind wir so auf Amerika fixiert? Weil wir uns offenbar besser fühlen, wenn es ein mächtiges Land gibt, dem wir uns überlegen fühlen können. Die Obama-Begeisterung ist nicht politisch, sondern nur psychologisch zu verstehen. Fleischhauer-Kolumne: Die seltsame Liebe der Deutschen zu Obama - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/fleischauer-kolumne-die-seltsame-liebe-der-deutschen-zu-obama-a-866075.html)
Genauso infantil lieber Herr Fleischauer ist die Nibelungentreue vieler deutscher Konservativer ggü. der GOP. Ausgerechnet Leute, die selbst stramme CSUler für Kommunisten halten würden, werden mit Liebeschwüren überhäuft... Aber Hauptsache man weiss in welchem Politlager das eigene Plätzchen ist und obendrein hat man es "den Linken" mal wieder ordentlich gezeigt, nicht wahr? Oder geht's vielleicht noch viel weiter? Ist am Ende das von strammen US-Republikanern herbeigeträumte Amerika mit Frau am Herd, "rein weiss" und "fest im Glauben" auch der Sehnsuchtsstaat vieler ewiggestriger Tief-Schwarzer in Deutschland - ah bin ich da dem Herrn F. auf die Schliche gekommen...?
4. Ja, ...
Milmo 08.11.2012
Zitat von sysopAPWarum sind wir so auf Amerika fixiert? Weil wir uns offenbar besser fühlen, wenn es ein mächtiges Land gibt, dem wir uns überlegen fühlen können. Die Obama-Begeisterung ist nicht politisch, sondern nur psychologisch zu verstehen. Fleischhauer-Kolumne: Die seltsame Liebe der Deutschen zu Obama - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/fleischauer-kolumne-die-seltsame-liebe-der-deutschen-zu-obama-a-866075.html)
... so kann man das natürlich auch sehen. Aber Romney wurde nuneinmal nicht gewählt. Der Vergleich läßt sich also nicht anstellen. Auf zu Obama 2.0.
5. Wieso
Mancomb 08.11.2012
habe ich nur anhand der Überschrift gemerkt, dass dieser Artikel nur von Herrn Fleischhauer stammen kann? Wieso soll man sich den Untergang Amerikas herbeisehnen, wenn man für Obama ist? Zur Erinnerung: Die Demokraten sind nicht links, sie sind im deutschen demokratischen Spektrum grob mit der CDU/CSU zu vergleichen. Natürlich ist die Parteienlandschaft dort eine andere, mit nur zwei Parteien kann man auf den ersten Blick zwar nur schwarz-weiß-Politik betreiben, allerdings gibt es auch Strömungen innerhalb der Parteien (Stichwort: Tea Party), wofür Politiker hierzulande entweder freundlich, aber bestimmt an den Fraktionszwang (der natürlich offiziell nicht existiert) erinnert oder gleich abgesägt werden würden. Es gibt auch andere Parteien, die allerdings - nicht zuletzt aufgrund des große Parteien favorisierenden Wahlsystems der USA - nicht so bekannt sind. Ich traue mich wetten, wenn über diese genausoviel berichtet werden würde wie über die beiden Platzhirsche, dann würden die Deutschen nicht nur den Zweikampf zwischen Mitt Romney (mit seinen in Deutschland absolut nicht salonfähigen Ansichten) und Barack Obama mitbekommen (und sich natürlich für den weniger extremen entscheiden), sondern auch Namen wie Jill Stein und Ralph Nader größer schreiben, die im Zweiparteiensystem der USA völlig untergehen.
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