S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal Spießer-Alarm!

Vier Wochen nach der Bundestagswahl sind die Grünen noch immer mit der Trauerarbeit beschäftigt. Nach dem berühmten Fünfstufen-Modell der Psychiater folgt auf die Phasen des Leugnens und des Zorns Verhandeln und Depression.

Eine Kolumne von

Ex-Grünen-Chefin Roth: Nur bei den Grünen gilt man mit 59 als "Polit-Rentner"
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Ex-Grünen-Chefin Roth: Nur bei den Grünen gilt man mit 59 als "Polit-Rentner"


Die Grünen wollen keine Verbotspartei mehr sein. So haben sie es gleich nach dem Wahlabend vor vier Wochen beschlossen, so haben sie es auf ihrem Trauerparteitag am vergangenen Wochenende wiederholt. Ich verstehe das gut: Wer lässt sich schon gerne nachsagen, er sei ein Haufen von in die Jahre gekommenen Spießern, die am liebsten darüber nachdenken, wie sie anderen das Leben vermiesen können.

Spießer sind das letzte. Spießer haben keinen Humor, dafür aber viel Wut im Bauch. Alles Fremde macht ihnen Angst, sie sind sehr auf Ordnung bedacht. Wenn jemand aus der Reihe tanzt, pfeifen sie ihn gleich zusammen. Für eine Partei ist es nahezu tödlich als Spießerpartei zu gelten. Parteien wollen frisch und sympathisch wirken, nicht verbiestert und verknöchert.

Also keine Vorschriften mehr bei den Grünen, was die Leute essen sollen. Keine Richtlinien zur allgemeinen Lebensführung oder ökologisch unbedenklicher Praxis. Sogar das Verbot der Ersten Klasse im Regionalzug, wie es die Grüne Jugend gefordert hat, ist jetzt wohl vom Tisch: Jeder soll wieder Bahn fahren, wie er will - wenn es ihm den Aufpreis wert ist.

Der alte Trott

Das Problem mit dem Entspießerungsprogramm bei den Grünen ist dasselbe, das alle auf Selbstdisziplinierung angelegten Vorhaben plagt: Was so vernünftig klingt, ist wahnsinnig schwer in die Tat umzusetzen. Man kann sich tausend Mal vornehmen, künftig anders zu sein, aber dann verfällt man doch wieder in den alten Trott. Wäre es anders, wären die Zeitungen nicht voll von Diätplänen, und der Tabakkonsum hätte nicht einen weiteren Wirtschaftszweig für Entwöhnungspräparate hervorgebracht.

Keine Partei hat die Bundestagswahl so verunsichert wie die Grünen. Während sich die anderen nach einer Phase der Ernüchterung und Enttäuschung nun aufs Regieren oder auf die Opposition vorbereiten, sind die Vertreter der Ökobewegung noch immer mit sich selber beschäftigt. Acht Prozent sind ein achtbares Ergebnis für eine Partei, deren Hauptanliegen darin besteht, anderen Leuten ins Gewissen zu reden. Hochgerechnet von der Zahl der Wähler, heißt es, dass 3,7 Millionen Deutsche einen leicht masochistischen Zug haben. Das ist mehr, als man erwarten sollte, aber eben nicht genug, wenn man aus seinem Wahlergebnis den Anspruch ableitet, die Gesellschaft zu reformieren.

Angekommen, wo man schon war

Die Grünen sind wieder dort angekommen, wo sie immer schon waren. Das reicht als Kränkung. Der Meinungsforscher Manfred Güllner hat schon vor Monaten darauf hingewiesen, dass der grüne Weltverbesserungsglaube immer ein Elitenprojekt war, dessen Anhänger nur deshalb so tun konnten, als hätten sie die Mehrzahl der Deutschen hinter sich, weil ihnen kaum jemand öffentlich widersprach. Wenn die Grünen bei Wahlen deutlich mehr holen wollen als ihre acht Prozent, braucht es schon außergewöhnliche Umstände wie eine Große Koalition oder einen brennenden Atommeiler. Nur gerät nicht jede Woche ein Kernkraftwerk außer Kontrolle. Im Augenblick sieht es sogar so aus, als ob eine beträchtliche Zahl der Bürger schon wieder bereut, wie schnell sich das Land ganz aus der Atomenergie verabschieden will.

Bislang haben die Grünen recht komfortabel davon gelebt, dass immer nur die anderen im Unrecht waren. Wer so lange wie sie keinen Widerspruch ertragen musste, ist völlig von den Socken, wenn er plötzlich nicht mehr von der sanften Brise der Zustimmung getragen wird. "Wir sind cool. Eigentlich", sagte Claudia Roth auf dem ersten ihrer Aufarbeitungsparteitage. In dieser Aussage steckt die ganze Fassungslosigkeit darüber, einer Kritik ausgesetzt zu sein, die für andere Parteien selbstverständlich ist.

Zum Establishment aufgeschlossen

Es ist immer gefährlich, sich auf den Erfolgen der Vergangenheit auszuruhen. Man kann mit den Jahren nicht nur seine körperliche Robustheit, sondern auch seine mentale Widerstandskraft verlieren. Die Tage, an denen sie als Exoten belacht wurden, sind lange vorbei. Den langhaarigen Bürgerschreck gibt es nur noch im Poesiealbum der Partei, über das man sich zu Jubiläen mit erinnerungsfeuchten Augen beugt. Wer sich heute zu den Grünen bekennt, kann in seinem Umfeld sicher sein, dafür schlimmstenfalls achselzuckendes Einverständnis zu ernten.

Zum Establishment aufgeschlossen zu haben und dennoch als aufmüpfig zu gelten, ist in einer auf Jugendlichkeit fixierten Gesellschaft ein unschlagbares Argument. In diesem Versprechen ewiger Jugend bestand die anhaltende Attraktivität weit über das Lager der Biofreunde hinaus, nicht in den wohlmeinenden Selbstkasteiungs-Empfehlungen des Wahlprogramms. Umgekehrt lag hier auch immer eine gewisse Tragik: Nur bei den Grünen gilt man mit 59 als "Polit-Rentner". Woanders lassen sich die Frauen die Falten wegbügeln, im Ökolager arbeiten sie mit schrillen Haarfarben und betont adoleszentem Auftreten dem Alter entgegen.

Mal sehen, wie es weiter geht. Folgt man dem Modell der Trauerarbeit der amerikanischen Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross, die im Alternativmilieu immer hoch im Kurs stand, sind die Grünen nach der ersten Phase ("Nichtwahrhabenwollen") jetzt auf der zweiten Stufe ("Zorn") angekommen. Bis zur fünften Stufe ("Akzeptanz") folgen noch "Verhandeln" und "Depression". Hoffen wir, dass der Trauerprozess nicht zu lange dauert.

Niemand kann sich wünschen, dass die Aufgabe der Opposition im Fall einer Neuauflage einer Großen Koalition allein in den Händen von Gregor Gysi und der Linkspartei liegt.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 154 Beiträge
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Seite 1
micromiller 24.10.2013
1. die andere welt der gruenen schmalspur kaempfer
offenbart sich nicht nur im unvermoegen sich programmatisch waehlbar aufzustellen sondern auch in der unfaehigkeit zu besetzene posten sinnvoll bestuecken... die gruene finanzministerin in schleswig holsten, war vom beruf kindergaertnerin.. das ist sicher nett.. aber reicht das wirklich??
Klaus100 24.10.2013
2. Die Weltverbesserer haben Schwierigkeiten mit der Realität
besonders mit der eigenen. Jan Fleischhauer bringt es wieder einmal auf den Punkt. In seiner vorzüglichen Kolumne entlarvt er die Scheinheiligen.
BettyB. 24.10.2013
3. Spießer-Alarm
Welch ein Titel. und Ich ahnte schon, dass Fleischhauer nicht vor sich selbst warnt. Schade. Wäre gut gewesen...
GGArtikel5 24.10.2013
4. dünn, ganz dünn, noch dünner
Kann es sein, dass Herrn Fleischhauer so ganz und gar nichts einfallen wollte heute? Um 16:00 kaute er immer noch am Bleistift, da rettet ihn nur noch sein alter Lieblingsfeind, schnell ein Foto von der schlimmsten Schreckschraube der Nation in Aktion dazu - und gerettet ist man für diese Woche. Aber mal im Ernst? Was ist neu daran, und was wollte der Autor eigentlich sagen - ausser nichts?
gollum 24.10.2013
5. Wo er recht hat
hat er recht. Dass man die Grünen mal als Spießer bezeichnen kann, wer hätte das gedacht. Ist aber so.
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