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S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal: "Nazis, verpisst euch!"

Eine Kolumne von

Linke Schläger gehen auf Wahlkämpfer der Alternative für Deutschland los - und kaum jemand empört sich. Anders herum, bei einer Attacke von rechts gegen links, funktionieren die Reflexe tadellos.

Nehmen wir einmal an, bei der Wahlkampfveranstaltung einer jungen Partei, die für ihren Einzug in den Bundestag kämpft, würde eine Gruppe Rechtsradikaler auftauchen, um die Zuhörer einzuschüchtern. Der Vorsitzende, der gerade spricht, würde von zwei Schlägern attackiert und von der Bühne gestoßen. Eine Reihe von Umstehenden, darunter zwei Kinder, müssten sich anschließend wegen des Einsatzes von Pfefferspray behandeln lassen. Ein Parteimitglied, das dem bedrängten Redner zur Hilfe eilen wollte, würde mit einem Messer bedrängt.

Auf das Echo müsste man nicht lange warten: Eine Reihe von Politikern würde erklären, wie erschüttert sie über den Angriff seien, und versprechen, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, damit sich ein solcher feiger Anschlag nicht wiederhole. Im Landtag würden ein paar aufrechte Abgeordnete eine aktuelle Stunde beantragen, um über die wachsende Gefahr von Rechts zu beraten. In den Medien gäbe es besorgte Kommentare zur Wehrhaftigkeit der Demokratie, und das Bielefelder Institut für Konflikt- und Gewaltforschung wäre mit einer Studie über Motive und Hintergrund rechter Gewalttäter zur Stelle.

Der Vorfall ist real. Der Angriff hat sich am vergangenen Samstag bei einem Wahlkampfauftritt in Bremen zugetragen, die betroffene Partei heißt "Alternative für Deutschland" (AfD). Doch außer ein paar Zeitungsartikeln, in denen der Polizeibericht referiert wurde, hat man sich in diesem Fall jede weitere Diskussion erspart. Nur der wackere Johannes Kahrs von der SPD hielt es für notwendig, eindringlich an das Recht aller Parteien zu erinnern, "ungestört Wahlkampf zu machen".

Attacken aus dem linksradikalen Spektrum

Es ist nicht das erste Mal, dass sich die AfD Attacken aus dem linksradikalen Spektrum erwehren muss. Seit Wochen werden regelmäßig Plakate zerstört oder mit "Nazis verpisst euch"-Aufklebern überklebt. Immer wieder kommt es an Infoständen zu Auseinandersetzungen, bei denen Parteimitglieder beschimpft oder körperlich angegangen werden. In Nürnberg erlitt der dortige Direktkandidat Schläge und Tritte gegen Kopf und Schulter, als er seinen Stand schützen wollte. Am vergangenen Sonntag, nur wenige Stunden nach dem Angriff auf Parteichef Bernd Lucke, musste sich eine AfD-Aktivistin in Schwerin nach einem Schlag auf den Kopf in ärztliche Behandlung begeben.

Ich hege keine besonderen Sympathien für die AfD. Wenn es eine Lehre aus der Finanzkrise zu ziehen gibt, dann doch wohl die, dass man nicht zu viel auf die Prognosefähigkeit von Ökonomen geben sollte. Mir ist es ein Rätsel, warum die Leute ihre Hoffnung nun auf einen Hamburger Wirtschaftsprofessor setzen, der ihnen sagt, dass ein Euro-Austritt schon gutgehen wird. Ich weiß nicht, wie hoch Herr Lucke das Risiko einschätzt, dass es entgegen seinen Berechnungen doch schief läuft: Ich jedenfalls möchte mich ungern auf seine Rechenkünste verlassen.

Aber man muss schon ziemlich vernagelt sein, um in dieser Partei eine Gefahr für die Demokratie zu sehen. Offenbar reicht es, dass man sich Gedanken um den Verbleib deutscher Steuergelder macht, um als Verfassungsfeind oder Schlimmeres zu gelten. "Wir wollen nicht, dass solche und andere rechte Parteien ihr nationalistisches, rassistisches, antisemitisches und islamfeindliches Gedankengut verbreiten können, auch nicht im Wahlkampf", heißt es bei der Grünen Jugend, die auch 68 Jahre nach Kriegsende noch unverdrossen mit deutschen Nazis aufräumt. Man kann nicht nur in der vierten Generation Vertriebener sein, wie sich zeigt, sondern auch Widerstandskämpfer.

Zwei Sorten Gewalt

Es hat in Deutschland Tradition, zwischen linker und rechter Gewalt einen Unterschied zu machen. Sobald man sich eine der umlaufenden "Anti"-Losungen ans Revers heften kann - gegen Sexismus, Rassismus und Krieg -, ist auch der offene Terror fashionable. Schon die Achtundsechziger fanden es lustig, ihnen Missliebige aus dem Fenster zu hängen oder anderweitig zu malträtieren. Heute sprengt man eben die nächste Veranstaltung, die einem nicht passt, oder tritt einen Infostand zusammen.

Es war übrigens kein rechter Scharfmacher, sondern der später heilig gesprochene Jürgen Habermas, der 1967, im ersten Erschrecken über die wieder zutage tretende Radikalität, vom "linken Faschismus" sprach und diesem Verdikt, kaum einschränkend, hinzufügte: "Jedenfalls glaube ich Gründe zu haben, diese Terminologie vorzuschlagen." Habermas blieb mit seiner Einschätzung im akademischen Milieu allerdings alleine, wie die weitere Entwicklung zeigte. Er hat sich dann auch bald für seine Wortwahl entschuldigt, womit ihn die Studenten wieder lieb hatten.

Die Unduldsamkeit mit abweichenden Meinung entspringt nicht besonderem Scharfsinn, sondern im Gegenteil eher Gedankenfaulheit: Wer andere niederbrüllt oder sonstwie zum Schweigen bringt, muss sich nicht die Mühe machen, ihre Argumente zu widerlegen. Tatsächlich bringt es die Erregungswilligen in arge Verlegenheit, wenn sie begründen sollen, was sie so schlimm finden, dass es ihnen die Sprache verschlägt. Auch darin sind sich linke und rechte Krawallbrüder gleich, aller Vorbildung, die Erstere von Letzteren trennen mag, zum Trotz.

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Kolumne - Der schwarze Kanal
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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 467 Beiträge
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1. danke
mattin666 29.08.2013
Toll geschrieben. Bevor das hier jemand unterstellt: nein, ich wähle die nicht!
2. traurig
budrick 29.08.2013
dass solche Worte nicht von usneren amtierenden Politikern kommen aber es bestätigt mein Bild, welches ich von diesen habe. Dennoch möchte ich noch etwas zur Kritik an den Ökonomen beitragen. Es gab genug, die damals gewarnt haben, Griechenland aufzunehmen. Es waren aber die Politiker (unter anderem Herr Eichel), die alle Kritiker haben verstummen lassen, die Kriterien aufgeweicht haben bis zum geht nicht mehr und ihre Zahlen frisiert haben, das wollen wir mal nicht vergessen.
3.
freier_europäer 29.08.2013
"Ich weiß nicht, wie hoch Herr Lucke das Risiko einschätzt, dass es entgegen seinen Berechnungen doch schief läuft: Ich jedenfalls möchte mich ungern auf seine Rechenkünste verlassen." - und das Wahlvolk möchte sich nicht weiter belügen und hinters Licht führen lassen. Erkennen Sie etwa nicht das Dilemma mit den etablierten Parteien? Was spricht gegen Gedankenspiele bezüglich Euro-Austritt? Alternativlosigkeit halte ich für kein besonders demokratisches Element... Ansonsten guter Artikel zur der (unverständlichen) ungleichen Bewertung von Verbrechen der Rechts- wie Linksextremen.
4. Stimmt schlicht nicht!
rolf sternberger 29.08.2013
Zitat von sysopLinke Schläger sind auf Wahlkämpfer der Alternative für Deutschland losgegangen - und kaum jemand empört sich. Anders herum, bei einer Attacke von rechts gegen links, funktionieren die Reflexe tadellos. Fleischhauer-Kolumne: Terror von links im Wahlkampf - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/fleischhauer-kolumne-terror-von-links-im-wahlkampf-a-919255.html)
Herr Fleischhauer, was wollen Sie denn bitte hören, sehen und lesen? Keine Zeitung, keine Sendung keine Stellungnahme, die den Vorfall nicht explizit ablehnt. Sie liegen mit Ihrer Einschätzung schlicht falsch ... Ach nein ... Sie und Ihre neu-rechten Freunde liegen nicht falsch, sondern haben ein klare Strategie. Sie exponieren sich permanent als die Opfer einen bösen linken Medienstruktur und einer ebenso gefährlichen linken Öffentlichkeit. Da gehört dann das Sarrazin "Man wird doch nochmal sagen dürfen" ebenso hinein wie die Hellersdorfer "berechtigten Sorgen". Es ist ja Ihre Sache, wenn sie jetzt endlich den hippen rechten Lifestyle erfinden wollen. Diese aber nur in einer auf sich selbst projizierten Operrolle hinreichend definieren zu können ist einfach nur eins: Verlogen und politisch höchst brisant. Denn diese Strategie ist ganz am Ende schlicht und einfach: Der Versuch einer Immunisierung gegenüber jeglicher Kritik. Denn die guten von rechts sagen ja nur die Wahrheit und gegen dem armen Volk endlich wieder eine Stimme, und jede Kritik dagegen ist von einem gefährlichen bösen linken System gesteuert. Ich sage mal so: Wer (kriminelle) Ausländer raus schreit, muss sich eben den Vorwurf des Rassismus gefallen lassen. Wer schafft den Euro ab und gebt den faulen Griechen kein Geld mehr schreit, muss sich eben anhören, dass er versucht ein historisches Friedensprojekt an den alten Nationalismus zu opfern. Und noch was: Wenn alle Medien und die Öffentlichkeit ja ach so links sind - Wieso dürfen Sie eigentlich bei SpOn für viel Geld schreiben?
5. Herr Fleischhauer weiß es wieder besser
nütztnichts 29.08.2013
Herr Fleischhauer kennt anscheinend schon die Täter. Es sind Linke. Wie immer bei Herrn Fleischhauer. Wenn sie vermummt waren, dann MÜSSEN es ja zwangsläufig Linke Gewalttäter gewesen sein. Solche Ausrüstung wird perse an Linke verkauft. Alle anderen sind vom Kauf ausgeschlossen, bzw. es entspricht nicht den Modevorstellungen anderer ideologischen Strömungen. Es ist schade, dass Herr Fleischhauer so einen beeinträchtigten Blick auf die politische Landschaft hat. Desahlb stört ihn auch nicht sonderlich, dass Gewalt nicht gleich Gewalt ist. Rechte Gewalt bedeutet, dass Menschen zu "nicht-lebenswerten" Menschen erklärt werden können, weil sie einer entsprechenden "Rasse" zugeordnet werden. Diese werden dann teilweise totgeschlagen oder erschossen. Seit 1990 gibt es offiziell über 100 solcher Morde. DAS ist rechte Gewalt. Finden Sie mal bitte seit 1990 etwas vergleichbares unter "linker Gewalt". Geht nicht!
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    Was Sie schon immer von Linken ahnten, aber nicht zu sagen wagten.

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