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S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal: Kapuzen-Journalismus

Eine Kolumne von

Überall ist zu lesen, dass dem Online-Journalismus die Zukunft gehöre. Warum sind einige seiner Vertreter dann bloß so wahnsinnig empfindlich?

Die vornehmste Aufgabe von Journalismus ist der Einsatz für Bedrängte und Verfolgte. Der Mann, den gerade eine beeindruckende Welle der Solidarität umspült, heißt Stefan Plöchinger, er ist 37 Jahre alt und Chef beim Online-Ableger der "Süddeutschen Zeitung". Seit dem Wochenende ertrinkt er geradezu in Erklärungen von Kollegen, die ihm ihre Anteilnahme und Sympathie versichern.

Was ist passiert, mögen Sie sich fragen. Hat der bayerische Ministerpräsident bei der "Süddeutschen" angerufen und verlangt, den armen Mann wegen unbotmäßiger Berichterstattung an die Luft zu setzen? Hat ihm jemand Mächtiges, den man fürchten muss, Drohungen auf der Mailbox hinterlassen? Ist er mit seinen Recherchen einem ausländischen Potentaten auf die Füße getreten und schmort nun in einem Kellerverlies?

Keine Sorge, nichts von all dem. Plöchinger soll Mitglied der Chefredaktion der "Süddeutschen Zeitung" werden, das haben die Gesellschafter bereits beschlossen. Ein Teil der Redaktion möchte das eher nicht, wie man lesen konnte. So ist es manchmal in Unternehmen, werden Sie jetzt sagen: Die einen finden einen gut, die anderen eher nicht. Am Ende setzt sich derjenige durch, der am längeren Hebel sitzt. Aber so kann man es in der kleinen Welt des Journalismus nicht sehen, schon gar nicht in der Welt des Online-Journalismus.

Man sollte von Leuten, die die Zukunft auf ihrer Seite wissen, eigentlich mehr Gelassenheit erwarten. Überall kann man lesen, dass der Print-Journalismus dem Untergang geweiht ist und es nur noch eine Frage der Zeit sei, bis die Bannerträger des digitalen Aufbruchs die Macht übernehmen. Eigenartigerweise führt diese Aussicht nicht zu mehr Nachsicht mit den Verlierern der Epochenwende, denen die Angst in den Knochen steckt, wie es heißt. Kaum steht in der Papierwelt etwas geschrieben, was man online als herablassend empfindet, ist die Aufregung groß.

Es ist ein wenig wie mit dem Feminismus, wo ständig das Ende des weißen Mannes besungen wird und alle dann ganz erschrocken sind, wenn der von seinem Sterbebett noch einen Mucks macht. Der Auslöser der Solidaritätsaktion für Plöchinger war ein Artikel in der "FAS", in der Medienredakteur Harald Staun den Online-Chef der SZ als "Internetexperten" bezeichnete und dazu schrieb: "Wäre es aber dann nicht sinnvoll, auch einen Journalisten in die Chefredaktion von süddeutsche.de zu holen." Das reichte, um sich zu entrüsten.

Offenbar ist es mit der Zukunftsgewissheit doch nicht so weit her, wie man annehmen sollte. Dass manche Apologeten der neuen Zeit nahezu ausschließlich über Journalismus schreiben, statt ihn zu betreiben, mag auch mit dem Bedürfnis nach Selbstvergewisserung zu tun haben. Die ständige Produktion von Texten zur Zukunft der Branche hat neben der Selbstinszenierung als Avantgarde auch therapeutische Funktion.

Zur Wahrheit des Online-Journalismus gehört, dass dem Bedeutungszuwachs oft keine eigene ökonomische Basis entspricht. Tatsächlich leben nicht wenige Online-Redaktionen noch immer von dem, was in der als "Holzindustrie" verhöhnten Papierwelt verdient wird. In manchen Print-Objekten trägt die Digitalisierung sogar direkt zum wirtschaftlichen Niedergang bei: Weil einige Zeitungen im Kampf um Klickzahlen immer mehr online stellen, was sie anderntags verkaufen wollen, fragen sich nicht wenige Leser, warum sie für etwas bezahlen sollen, was es am Abend vorher umsonst gibt.

Von einem Chefredakteur erwarten die Leute Führung, gerade in schwierigen Zeiten soll er die Richtung weisen. Dazu muss er kein brillanter Schreiber sein, tatsächlich sind viele Kisch-Preisträger vermutlich eher lausige Vorgesetzte. Aber eine Redaktion will sich in ihrem Chef wiedererkennen. Das ist der Pferdefuß der Identitätspolitik: Wenn der Kapuzenpullover aus der Online-Redaktion zum Gesinnungsymbol wird, hat die Selbststilisierung als Außenseiter zur Folge, dass man auch als solcher behandelt wird.

Wer sich einreiht in die Bewegung des Aufstands, kann nicht erwarten, dass ihn diejenigen, auf die er herabsieht, anschließend zu ihrem Anführer wählen. Der einzige Weg an die Macht führt dann über die Revolution: Dazu aber sind die Bataillone möglicherweise noch etwas zu schwach.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 38 Beiträge
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1. Ein kleines...
pallmall78 27.03.2014
...Branchenproblem. Schade, dass die Kolumne nach dem Highlight in der vergangenen Woche dieses Mal so uninteressant ausfällt.
2. Sekunde...
alberlie 27.03.2014
Fleischhauer, der in regelmäßigen Abständen seine Kolumne damit füllt, dass er Kritik dokumentiert, die in der Nähe oder unter der Gürtellinie war, kritisiert nun andere für deren dünne Haut? Witzig.
3.
garfield 27.03.2014
Zitat von pallmall78...Branchenproblem. Schade, dass die Kolumne nach dem Highlight in der vergangenen Woche dieses Mal so uninteressant ausfällt.
Dann kann man doch endlich wieder über Fleischhauer lästern ;-) Los geht's: Hihi, wer wüsste das besser als uns Jan?! Na, ich habe mehrfach gelesen, dass die Medienkonzerne nur noch in seltenen Fällen mit Zeitungen verkaufen, Geld verdienen. Der Onlinehandel wurde da z.B. genannt, wo sie beteiligt sind und eher da Marge machen. Das ist so ähnlich wie bei den Tankstellen, wo allein mit Benzin und Diesel verkaufen keiner mehr überleben könnte. Natürlich blendet Fleischhauer den viel wichtigeren Punkt aus: Inzwischen sind die Mainstreammedien sowas von austauschbar geworden, fast nur noch Agenturmeldungen nahezu wortgleich abzudrucken und mit ein paar "Fleischhauers" und "Blomes" als Kolumnen zwecks Unterscheidbarkeit zu garnieren, dass sich viele komplett von den papiernen Ergüssen abwenden. Die Zeiten, als ich ab und zu einen "Spiegel" wegen Hintergrundbeiträgen kaufte, sind lange vorbei. Meinungsviefalt ABSEITS der ausgelatschten Pfade und Hintergrundinformationen, die Motivationen und Interessen offenlegen, findet man eher im Netz, von Schreibern mit eher dünnem Finanzpolster und oft genug mit höherem journalistischem Anspruch und ebensolcher Qualität - natürlich misstrauisch beäugt und verspottet von den "Qualitäts-Journalisten". Ich glaube, Fleischhauer hat sich da auch schon entsprechend hervor getan. Ich sehe auch nicht, wie die Medienkonzerne aus diesem Teufelskreis aus Schnell- und Einheits- statt Recherche-Journalismus und deshalb sinkenden Leserzahlen und deshalb billigerem Schnell-"Journalismus" und deshalb sinkenden ....heraus kommen wollen.
4. Also,
Europa! 27.03.2014
Zitat von alberlieFleischhauer, der in regelmäßigen Abständen seine Kolumne damit füllt, dass er Kritik dokumentiert, die in der Nähe oder unter der Gürtellinie war, kritisiert nun andere für deren dünne Haut? Witzig.
Ein wichtiges Thema ist das ja schon. Und der SZ eins reinzuwürgen, ist immer eine gute Idee, so selbstgefällig, bräsig, antisemitisch und islamophil wie das Blättchen daherkommt. Aber worum genau geht es da eigentlich? Dass es online keinen richtigen Journalismus gibt? Oder dass in der Führungsspitze keine Journalisten sind? Ich bitte um Aufklärung.
5. Spieglein, Spieglein an der Wand
verhetzungsschutz 27.03.2014
Zitat von sysopÜberall ist zu lesen, dass dem Online-Journalismus die Zukunft gehöre. Warum sind einige seiner Vertreter dann bloß so wahnsinnig empfindlich? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/fleischhauer-kolumne-ueber-kapuzen-journalismus-a-961088.html
Man kann zwar nicht wissen, welche Anteile Jan Fleischhauer an seiner eigenen Zukunft besitzt, aber vielleicht reicht es in der Gegenwart, einfach etwas Gutes zu schreiben. Wenn ich wüsste, daß die kleine Welt des Journalismus' morgen untergeht, würde ich heute noch einen Blumenkohl pflanzen...
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