S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal Endstation Priol

Schon vor dem Tod von Dieter Hildebrandt war das deutsche Kabarett in beklagenswertem Zustand. Nach ihm wird es Zeit zur endgültigen Abwicklung eines Genres, das mit Veranstaltungen wie dem "Satire-Gipfel" künstlich am Leben gehalten wird.

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Kabarettist Urban Priol (in Suhl): Klischees aus dem linken Satire-Setzkasten
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Kabarettist Urban Priol (in Suhl): Klischees aus dem linken Satire-Setzkasten


Nazi-Witze sind immer schwierig, aber Dieter Hildebrandt beherrschte auch diese. Hildebrandts Nazi-Witz ging so: "Sagt ein Grüner zum anderen: 'Also, der Hitler, der war gar nicht so schlimm. Das mit den Autobahnen, das hätte er nicht machen sollen.'" Ich fand den Witz sehr gelungen, muss ich zugeben. Wenn ich ihn bei eigenen Auftritten benutze, vergesse ich nie zu erwähnen, dass er vom Großmeister des deutschen Kabaretts stammt, er also von oberster Stelle humorgeprüft ist, womit die Leute dann wissen, dass sie befreit auflachen dürfen. Man kann ja beim Thema Humor in Deutschland nicht vorsichtig genug sein.

Ich habe Hildebrandt zweimal in meinem Leben getroffen. Das eine Mal saßen wir zusammen bei "Maischberger", um über das linke Lebensgefühl zu sprechen, was eine eher unglückliche Begegnung war, weil er es überhaupt nicht komisch fand, wenn sich jemand anderes über SPD und Grüne lustig machte. Das zweite Mal trafen wir uns in München in der Lach- und Schießgesellschaft. Es war ein Donnerstag im Mai, Hildebrandt hatte gerade ein neues Programm herausgebracht.

Vor der Aufführung setzten wir uns auf die Bühne an den kleinen Tisch, von dem aus er den Abend bestritt, und sprachen über die Linke und den Humor. Ob er auch einen Witz über die Linken kenne, fragte ich. Er hatte mir gerade erklärt, dass er sich immer schon über Linke lustig gemacht habe, also war es ihm ein wenig unangenehm, dass ihm nichts Passendes einfiel. Aber dann kam ihm zum Glück der Grünen- respektive Nazi-Witz in den Sinn. "Die Grünen waren mir sehr böse, als ich den erzählt habe", sagte er. Er klang in diesem Moment fast ein wenig stolz.

Tabuverletzung verleiht dem Witz seine Sprengkraft

Ich hatte immer eine Schwäche für Hildebrandt. Die Programme der Münchner Lach- und Schießgesellschaft, zu denen sich in meiner Kindheit die ganze Familie vor dem Fernseher versammelte, glichen bei uns Weihestunden der Komik. Als ihm der Bayerische Rundfunk den Gefallen tat, sich bei einer Sendung wegzuschalten, war er heilig. Die Frage ist nur, war Hildebrandt im eigentlichen Sinne komisch?

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Dieter Hildebrandt: Intelligent war seine Kunst
In den Nachrufen wird er als "moralische Instanz" und "satirisches Gewissen der Nation" gewürdigt. Man könnte glauben, Richard von Weizsäcker oder Jürgen Habermas seien gestorben. Aber vielleicht liegt hier, humortechnisch gesehen, schon das Problem.

Hildebrandts Stärke war seine Liebe zur Sozialdemokratie. Von dort bezog er seinen Antrieb, diese Anhänglichkeit machte ihn sympathisch. Die Liebe zur SPD war allerdings auch seine große Schwäche. Solange er unter der Annahme operieren konnte, dass die Macht im Lande der anderen Seite gehörte, stimmten die Voraussetzungen für sein Kabarett.

Aber 13 Jahre nach Gründung der Lach und Schießgesellschaft saß mit Willy Brandt ein Sozialdemokrat im Kanzleramt, was nach Lage der Dinge bedeutet hätte, die satirische Zielrichtung zu ändern. Hildebrandt zog es vor, so zu tun, als ob die wahre Macht im Lande weiter in der Hand der Konservativen liege. Wie es in einer Demokratie nun einmal zugeht, stimmte das auch irgendwann wieder. Als 1982 endlich Helmut Kohl an die Regierung kam, war das für alle Kabarettisten im Lande eine Riesenerleichterung.

Der Witz ist von seiner Anlage anarchisch. Wer ihn in das Gatter der politischen Kleinkunst sperrt, endet auf der Ebene von Veranstaltungen wie dem "Satire-Gipfel" oder der ZDF-Schunkelsendung "Neues aus der Anstalt". Mit der Mehrheit gegen die Minderheit zu lachen, zeugt nicht nur von schlechtem Geschmack, es ist auch ein Zeichen zweifelhafter Gesinnung.

Umgekehrt kann es sehr befreiend sein zu hören, was man so eigentlich nicht sagen dürfte oder sollte. Erst die Tabuverletzung verleiht dem Witz seine Sprengkraft. Das aber setzt voraus, dass es auch ein Tabu gibt, das man verletzen könnte. Wenn am Ende nur übrig bleibt, dass man die Kanzlerin für eine Handlangerin der Wirtschaft hält, die Amis für Halunken und alle Politiker für korrupt, ist man mit seiner Kunst ziemlich bankrott.

Abräumen von Sprachmüll

Die neue Frankfurter Schule zog aus der Verödung und Verblödung des Kabarettistischen die Konsequenz, ihr Humorgebiet zu erweitern. Statt die immer gleichen Pappkameraden zu vermöbeln, nahm sie sich die Pazifisten, die Feministinnen und die Ökojünger vor. Die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit beziehungsweise die Bigotterie, die aus dem Versuch erwächst, diese Kluft irgendwie zu kaschieren, ist ein natürliches Quellgebiet für jeden Komiker. Leider versteht ein Großteil der in Deutschland tätigen Humorschaffenden ihre Aufgabe nach wie vor als Erziehungsarbeit im Sinne der kritischen Sache, sofern sie nicht auf "Comedy" machen und sich einfach durchs Leben blödeln.

Irgendwo habe ich gelesen, dass alle Hoffnung jetzt auf Leuten wie Urban Priol ruht. Das kann nur als Boshaftigkeit gemeint sein. Wer einen Abend im politischen Kabarett der Hildebrandt-Nachfolger durchgestanden hat, sehnt sich spontan nach dem guten alten Münchner Belehrungskabarett zurück. Priol und seine Mitstreiter liefern reines Ressentiment-Theater, bei dem noch die dümmsten Klischees aus dem linken Satire-Setzkasten unters Sendevolk gebracht werden.

Wie alle Könner seines Faches wusste Hildebrandt, dass gute Satire mit dem Abräumen von Sprachmüll, von verbaler Idiotie und Pathos beginnt. Eine Grundbedingung für diese Arbeit ist, dass man selber unter schlechter Sprache leidet. Wie man bei nahezu jeder fernsehkabarettistischen Darbietung demonstriert bekommt, unterscheiden Hildebrandts Nachfolger sich von ihrem Vorbild schon in diesem Punkt: Sie leiden nicht nur nicht unter den Verschmutzungen durch die Blähsprache, sie verdoppeln den Müll.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 548 Beiträge
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Seite 1
friedberta 21.11.2013
1. da gibts Unterschiede
Beim Satiregipfel kommt Herr Priol nicht so gut weg. Aber seine Jahresrückblicke sind erstklassig. Die sollte man nicht verpassen.
Hank_Chinaski 21.11.2013
2. optional
Wer politisches Kabarett mit Witze erzählen gleichsetzt, der hat's echt verstanden!
w1w2w3 21.11.2013
3. priol und freunde
ich danke Herrn Priol und freunde das es sie gibt, sonst bliebe mario Barth und consorten und die würde ich als Vertreter von sprachmüll und trash leider nicht vom feisten bezeichnen
spezialdm 21.11.2013
4. optional
Mensch Fleischhauer, mittlerweile weiß auch der letzte, dass du ein Problem mit links hast. Aber muss diese langweilige Vergangenheitsbewältigung unbedingt immer in der Öffentlichkeit sein? Ein Psychotherapeut ist doch sicher drin in Budget?
gersco 21.11.2013
5. Fleischhauer ist doch der eigentliche Kabarettist!
Das was er sonst so schreibt, kann er ja unmöglich selbst ernst meinen. Aber daß das eigentliche Kabarett sich in einer kreativen Schieflage befindet, ist leider nicht zu bezweifeln. Man hat den Eindruck, daß vormals glühende Vertreter des Genres über die Zeit, und das mit schneller sinkender Zeitdauer, immer braver und angepasster werden und das Bissige/Scharfe, das das Kabarett auszeichnen sollte, zunehmend verlustig geht. Klar, es gibt ein paar wenige Ausnahmen, aber das sind für diese Kunstform definitiv zu wenige. Aber vielleicht ist es im Kabarett genauso wie in der Politik, dem Journalismus oder dem richtigen Leben: Es wird immer unkreativer, banaler und profaner. Mit Details zu wichtigen Prozessen oder Entscheidungen will sich kein Wähler mehr rumschlagen, die Journaille zunehmend gleichgeschaltet, wundert man sich über die fortschreitende Gleichgültigkeit in vielen Bereichen der Gesellschaft. Es zählen Quote und Marktanteil und wie der erreicht werden kann, ist zweitrangig, Polemik ist trumpf, weil sie so schön einfach und plakativ ist.
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