S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal Ein Lob der Burka

Der Kolumnist war im Urlaub und ist dort wieder vielen nackten Menschen begegnet. Jetzt fragt er sich, ob wir uns nicht an den Muslimen ein Beispiel nehmen sollten, die auf Verhüllung statt Zurschaustellung des Körpers setzen.

Eine Kolumne von


Es ist eine der beklagenswerten Grundtatsachen des Lebens, dass sich am Strand und im Theater immer die Falschen ausziehen. Schwer zu sagen, was gerade Menschen, die es sich nicht leisten können, dazu treibt, sich vor aller Augen ihrer Kleidung zu entledigen. Am Theater kann man die Schuld auf den Regisseur schieben, der alles für den Schockeffekt zu tun bereit ist. Aber am Strand?

Es soll mir jetzt, bitte, niemand damit kommen, dass Schönheit im Auge des Betrachters liege. In den vergangenen 2500 Jahren mögen sich die Schönheitsideale verändert haben, aber so groß war der Wandel auch wieder nicht, wie einen der Besuch im Louvre oder dem Metropolitan lehrt. Ich weiß, man soll keine Altersgruppe diskriminieren, doch was mit 20 noch ansehnlich wirken mag, ist spätestens ab 45 ein Problem. Dieser Befund gilt übrigens völlig geschlechtsunabhängig, falls das jemanden beruhigt.

Manchmal lohnt es, den Blick über den eigenen Kulturraum hinaus zu richten, um eine andere Perspektive zu gewinnen. Wenn in diesen Tagen vom Islam die Rede ist, dann meist von seiner angeblichen Rückständigkeit. Alles, was man liest, ist, wie er den Menschen mit seinen Vorschriften zusetzt. Ich kenne mich im Koran zu wenig aus, um das beurteilen zu können. Ästhetisch gesehen hat der Islam jedenfalls eindeutig die Nase vorn, wie ich finde. Statt auf Nacktheit setzt er konsequent auf Verhüllung. Meiner Meinung nach wird dieser Vorzug in der Debatte viel zu wenig gewürdigt.

Vor einigen Wochen hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte entschieden, dass der Staat das Recht hat, eine zu weit gehende Verschleierung zu verbieten. Das Urteil wurde einhellig begrüßt, obwohl es die individuellen Freiheitsrechte eindeutig einschränkt. In einer Reihe von europäischen Ländern gibt es Vorstöße, das Tragen von zu viel Stoff unter Strafe zu stellen. In Österreich will die FPÖ einen generellen Bann von Burka und Nikab erreichen, um einer weiteren "Islamisierung" Europas Einhalt zu gebieten.

Die erotische Wirkung der demonstrativen Züchtigkeit

Das Argument für das Burka-Verbot lautet, dass bestimmte Vorschriften für den Umgang in der Öffentlichkeit unerlässlich seien. Jede Gesellschaft habe das Recht, für die Begegnung im öffentlichen Raum Konventionen zu schaffen, welche die gemeinsame Nutzbarkeit dieses Raumes sicherstellen. Eigenartigerweise spricht kein Mensch über den Missbrauch des öffentlichen Raums durch übermäßige Zurschaustellung. Dabei muss man an einem Sommertag nur durch den Englischen Garten in München gehen, um angesichts der sich dort sonnenden Späthippies, die demonstrative Hüllenlosigkeit noch immer für einen antibürgerlichen Akt halten, an der Nutzbarkeit des öffentlichen Raumes zu zweifeln.

Es war immer ein Missverständnis anzunehmen, ausgerechnet der nackte Körper sei besonders aufreizend. Wäre dem so, könnte die gesamte Dessous-Industrie einpacken, die im Gegenteil ja gerade davon lebt, dass Frauen die körperlichen Attribute, die Männer besonders interessant finden, kunstvoll verhüllen. Dass demonstrative Züchtigkeit eine weit größere erotische Wirkung ausüben kann als die Befreiung von jeglicher Kleidung, lässt sich schon bei Roland Barthes in seinen "Mythen des Alltags" nachlesen. Die nackte Frau sei "irreal, glatt und geschlossen wie ein schöner glänzender Gegenstand", heißt in seiner berühmten Kontemplation über das öffentliche Sichausziehen: "Der Striptease ist in einem Widerspruch befangen: die Frau in dem Augenblick zu entsexualisieren, indem man sie entkleidet."

Wer glaubt, dass die islamische Gesellschaft nichts vom Sex verstehe, hat eine sehr begrenzte Vorstellung über die erotische Welt. Dass die Verschleierung auch bei der Vorbereitung nicht ganz so keuscher Taten ungeheure Vorteile bietet, liegt auf der Hand.

Was mich irritiert, ist, dass die arabischen Touristen alle modischen Bedenken fallen lassen, sobald sie in Deutschland sind, jedenfalls was den männlichen Teil betrifft. In ihren Heimatländern kämen die Männer nie auf die Idee, in aller Öffentlichkeit in kurzen Hosen herumzuschlappen. Kaum laufen sie hingegen über die Maximilianstraße, tragen sie nur noch Adidas-Shorts. Offenbar denken die Besucher aus dem Orient, sie müssten sich an den Deutschen ein Vorbild nehmen. Die Globalisierung hat auch Nachteile, wie man sieht.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 190 Beiträge
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Seite 1
ozi 26.08.2014
1. Wie?
Soll der tolle Artikel des Kolumnisten Satire sein?
unaufgeregter 26.08.2014
2. Je verbeulter die Siluette
Macht doch nichts. Es gibt wenige Menschen, die aussehen wie Models. Warum soll man sich daher schämen, wenn man zur Mehrheit gehört? Demokratie ist auch am Strand
produster 26.08.2014
3. Falscher Ansatz
Vereehrter Herr Fleischhauer, wir müssen uns nicht an den Moslems orientieren. Es dürfte nur nicht jeder in den Urlaub fahren, insbesondere an den Strand. Mit freundlichen Grüßen...
haber100 26.08.2014
4. Moment mal
Da werden aber zwei Dinge vermengt. Die Ästethik der Verhüllung in orientalischen (nicht nur muslimischen) Ländern wird doch gar nicht kritisiert, sondern die Unterdrückung der Frau! Fleischhauer wäre recht zu geben: ich plane gerade Urlaub auf den Kanaren und packe für den Strand die Scheuklappen ein. Aber die Überlegenheit der Verhüllung wäre nur dann zu loben, wenn auch die Männer Burkas und Schleier trügen. Meines Wissens ist das Kopftuch im Koran nicht erwähnt, wohl aber in der Bibel. Dies am Rande.
lachina 26.08.2014
5. Verschleierung
Kann jetzt nur sagen, wie es in der Schule ist: Die Person muss eindeutig zu identifizieren sein. Sonst schickt das Mädel unter der Burka seine Schwester zum Mathetest- das geht nicht. Ansonbsten: nackig, teilverschleiert etc. jeder wie er mag oder will. Der Islam verschleiert leider nicht aus ästhetischen , sondern aus sittlichen Gründen. Will sagen, die bedeckte Frau ist "reiner" oder "anständiger" als die unbedeckte. Das ist wieder die falsche Motivation - finde ich. Moral hat da nix zu suchen.
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