S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal: Systemjournalismus

Eine Kolumne von Jan Fleischhauer

Aufregung am Lerchenberg: Der CSU-Sprecher hat einen Programmvorschlag gemacht, das gilt nun als Anschlag auf die Unabhängigkeit des ZDF. Der Mann muss seinen Posten aufgeben. Dabei verdankt sich die Existenz des Senders dem Versprechen, der Politik zu Gefallen zu sein.

Das ZDF ist politisch also doch unabhängig; gut, dass dies geklärt wäre. Mannhaft hat sich die "heute"-Redaktion dem Programmvorschlag des CSU-Sprechers Michael Strepp widersetzt. Der Mann wollte angeblich verhindern, dass in der Sendung vom Sonntag ausführlich über den Parteitag der bayerischen SPD berichtet wurde. So wird es aus dem Sender kolportiert, so stand es in der "Süddeutschen Zeitung". Nun musste Strepp wegen der Affäre sogar gehen.

Was in anderen Redaktionen als ausgemachte Dummheit gelten würde, ist beim ZDF eine Staatsaffäre. "Die 'heute'-Redaktion hat ihre Unabhängigkeit bewiesen" , erklärte Chefredakteur Peter Frey - als habe der Sender gerade eine Art zweite "SPIEGEL"-Affäre durchgestanden: "Wir senden, was wir senden, egal, wer anruft." Am Mainzer Lerchenberg sind auch Selbstverständlichkeiten eine Nachricht, vielleicht weil sie dort keine Selbstverständlichkeiten sind.

Das eigentlich Bemerkenswerte an dem Vorgang ist die Tatsache, dass man bei der CSU offenbar glaubt, man könnte auf das Programm Einfluss nehmen, indem man mal eben den zuständigen Redakteur anruft. Man muss sich für einen Moment nur vorstellen, der arme CSU-Pressesprecher hätte sich bei der "Süddeutschen" mit einem vergleichbaren Ansinnen gemeldet: Homerisches Gelächter wäre dort die Folge gewesen.

Andererseits: Wer will es den Politikern verdenken, dass sie glauben, ihnen gehöre das ZDF? Die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten verdanken ihre Existenz einem Geschäft auf Gegenseitigkeit: Die Politik stellt sicher, dass dort alles so weitergeht, wie man es seit der Gründung gewohnt ist, dafür übt sie die Kontrolle darüber aus, wer beim Programm das Sagen hat. Jeder halbwegs einflussreiche Posten ist streng nach Parteizugehörigkeit quotiert, vom Intendanten abwärts. Auch Frey ist sicherlich ein großartiger Journalist, aber seine Berufung an die Spitze des ZDF verdankt er nicht seinen herausragend kritischen Interviews mit den politischen Größen der Republik, sondern vor allem seiner politischen Berechenbarkeit.

In der Medienpolitik hatte die Union noch nie ein glückliches Händchen, muss man sagen. Wer das Theater um die Ablösung von Freys Vorgänger Nikolaus Brender verfolgte, musste den Eindruck gewinnen, es gehe darum, einen widerspenstigen Linksausleger abzulösen, um endlich für konservativen Durchgriff zu sorgen. Tatsächlich wurde aus meiner Sicht ein treuer Sozialdemokrat durch einen noch treueren ersetzt.

Was anderswo Korruption wäre, gehört hier zur Landschaftspflege

Für die Staatssender hat sich die Kooperation durchaus bezahlt gemacht: Tatsächlich sind ARD und ZDF die letzten Großbürokratien, die bis heute faktisch unangetastet die Zeitläufe überstanden haben. In dieser Welt ist es umgekehrt dann auch selbstverständlich, dass man sich aus Gebührengeldern an den Kosten der Geburtstagsfeier eines Ministerpräsidenten beteiligt, weil der gleichzeitig der Chef des Verwaltungsrats ist. Anderswo wäre das ein Beispiel für Korruption beziehungsweise ungehörige Vorteilsnahme, hier gehört so etwas zur Landschaftspflege.

Es ist ziemlich genau 30 Jahre her, dass die Politik auf die Idee verfiel, dem Staatsfernsehen Konkurrenz zu machen. Das Experiment verlief aus Sicht der Politiker enttäuschend. Bei den Zuschauern erfreuten sich die neuen Privatsender bald großer Beliebtheit. Nur stellte man in den Staatskanzleien überrascht fest, dass bei einem Fernsehen, das auf Werbeeinnahmen angewiesen ist, Politiker keine besonders nachgefragte Gruppe von Programmgestaltern ist. Seitdem weiß man in der Politik, was man an den Öffentlich-Rechtlichen hat.

Das Ärgerliche an dieser Art von Systemjournalismus ist die Geschäftsgrundlage, auf die sich die Nutznießer auf beiden Seiten der Kamera geeinigt haben. Rund 7,5 Milliarden Euro nehmen die öffentlichen Rundfunkanstalten im Jahr ein, was dieses Modell zum teuersten Fernsehen der Welt macht. Die BBC, nur zum Vergleich, kommt mit der Hälfte aus und liefert dafür sogar ein international wettbewerbsfähiges Programm.

Die GEZ heißt künftig "ARD ZDF Deutschlandradio Beitragsservice"

In Deutschland steht das Ganze unter der Fiktion, dass nur ein überwachtes Rundfunksystem für eine angemessene und ausgewogene Informationsdiät sorgen könne. Der Fachbegriff dazu heißt "Grundversorgung". Weil immer weniger Menschen diesseits der 60 diese Grundversorgung wirklich nutzen, hat man jetzt das Bezahlmodell geändert.

Ab Januar überlässt man es nicht mehr den Bürgern, sich bei Bedarf anzumelden, sondern erhebt nun eine einheitliche Haushaltsgebühr, ganz unabhängig davon, ob sie das gelieferte Angebot überhaupt nutzen. Genauso gut könnte man den Leuten jeden Morgen zwangsweise eine Zeitung zustellen und sie anschließend dafür von Staats wegen zur Kasse bitten. Aber weil in diesem Fall die zuständigen Verfassungsrichter mit im Boot sitzen, besteht wenig Hoffnung, dass auf dem Klageweg noch etwas auszurichten ist.

Wer jetzt glaubt, dass wenigstens die GEZ mit ihren 1235 Mitarbeitern demnächst der Geschichte angehört, versteht nichts vom öffentlich-rechtlichen Anstaltswesen. Die Zahl der Mitarbeiter wurde im Gegenteil deutlich aufgestockt, schließlich bedeute die Umstellung auf die neue Rundfunkpauschale ja einen "erheblichen Mehraufwand", wie der zuständige Verwaltungsratschef, ein Mann des WDR, sofort mitteilte. Die Institution bekommt nur einen anderen Namen: Statt Gebühreneinzugszentrale heißt sie künftig "ARD ZDF Deutschlandradio Beitragsservice".

Wenn ich in der aktuellen "Strepp-Affäre" einen Vorschlag machen dürfte, dann würde ich Seehofers künftigen Sprecher samt dem bayerischen Ministerpräsidenten dazu verdonnern, eine Woche lang ZDF zu schauen. Oder wahlweise 48 Stunden "Fernsehgarten". Das macht, da bin ich sicher, auch einen eingefleischten CSU-Anhänger mürbe. Danach überlegt er es sich zweimal, ob er in Mainz anruft.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 305 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
supernovae2 25.10.2012
Der CSU-Sprecher hat einen "Programmvorschlag" gemacht. LOL
2. Sie bringen es auf den Punkt Herr Fleischhauer
herbert_sax 25.10.2012
Chapeau
3. Das Zweite
Ruler 25.10.2012
wird seinem Ruf als Comedy-Sender gerecht. Der Ex CSU Sprecher ist in die Comedy Falle getappt. Dem Sender laufen, oder besser sterben die Zuschauer weg, da kommt ein Skandälchen grad recht.
4. Systemjournalismus
Prawda 25.10.2012
Die Freiheit der Presse im Westen, wobei die viel besser ist als anderswo, ist letztlich die Freiheit von 200 reichen Leuten ihre Meinung zu veröffentlichen. Zitat: Peter Scholl Latour
5. Ganz meine Meinung
berniejosefkoch 25.10.2012
Danke für Ihren Beitrag. Endlich redet diesbezüglich jemand mal Tacheles.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Deutschland
RSS
alles zum Thema S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 305 Kommentare
Jan Fleischhauer

Facebook


Wie denkt mein Abgeordneter über das Thema? Auf abgeordnetenwatch. spiegel.de können Sie öffentlich mit Parlamentariern in Kontakt treten, Fragen stellen und Antworten bekommen. Geben Sie einfach Ihre Postleitzahl ein:

Buchtipp