Von Jan Fleischhauer
Irgendwann wird er explodieren. Das geht bei Peer Steinbrück gar nicht anders, wie jeder weiß, der ihn näher kennt. Die Frage ist nur, ob es noch vor dem 9. Dezember passiert, wenn ihn seine Partei offiziell zum Kanzlerkandidaten ernennen will, oder erst danach. Das erste wäre für die SPD eine Blamage, das zweite dann schon eine Katastrophe.
Wer sich anschickt, das Kanzleramt zu erobern, muss sich auf manche Demütigung gefasst machen. Die Wähler wollen wissen, wem sie ihre Zukunft und die ihrer Kinder anvertrauen, da wird genauer hingeschaut. Sie fühle sich wie ein Hühnchen in der Kühltheke, hat Angela Merkel einmal einem Reporter anvertraut, als sie noch nicht die eiserne Kanzlerin war, sondern nur die Anwärterin auf das hohe Amt. Was der designierte SPD-Kandidat gerade durchmacht, wäre allerdings selbst für einen weniger ehrpusseligen Menschen eine schwere Prüfung.
Erst die fortgesetzten Fragen der Pressemeute zu den Nebeneinkünften, dann der Schlamassel in Bochum, wo man gerne große Stadt spielt, auch wenn es immer nur beim sozialdemokratischen Ringelpietz bleibt. Und nun auch noch Zweifel an dem richtigen Händchen beziehungsweise "Fingerspitzengefühl" bei der Personalauswahl. Wenn sich Merkel im Wahlkampf wie ein Hühnchen gefühlt hat, wie muss sich Steinbrück vorkommen?
Keine zwei Tage hielt die Nachricht über die Benennung des österreichischen "Serial Entrepreneur" Roman Maria Koidl zum Online-Berater, da kündigte der Markenexperte die Zusammenarbeit schon wieder auf. Er könne nicht verantworten, "dass falsche und ehrverletzende Berichterstattung" über ihn dazu eingesetzt werde, "den Kandidaten Peer Steinbrück zu beschädigen", hieß es in einer Erklärung.
Die Sache mit den Frauen
"Glamour im Willy-Brandt-Haus" war in einem ersten Bericht auf Stern.de zu lesen. Das klingt für mich nicht so, dass man gleich die Brocken hinwerfen muss. Aber die Nerven liegen im "Team Steinbrück" offenbar ziemlich blank.
Ich muss sagen, dass ich die Spontandemission bedauere. Ich kenne Koidl von mehreren Begegnungen, er wohnt ein paar Häuser entfernt von mir in Charlottenburg. Wie ich vermute, war er eh nicht angeheuert, um den Internet-Auftritt zu verbessern, da gibt es talentiertere Leute. Koidls Expertise liegt auf dem Feld des sozialen Marketings, also der Kunst, Menschen das Gefühl zu geben, man würde sich für sie und ihre Probleme interessieren, wenn es tatsächlich nur darum geht, ein Produkt abzusetzen. Wie gut der Österreicher den Bogen dabei raus hat, hat er mit "Scheißkerle" bewiesen, seinem Ratgeber für die Frau um die 30 mit Beziehungsschwierigkeiten. Dass der SPD-Kandidat seinerseits ein Problem hat, bei Frauen anzukommen, ist allgemein bekannt, da muss man nur die Umfragen ansehen. Da hätte sich also durchaus eine Zusammenarbeit angeboten.
Für einen Mann mit dem Selbstbewusstsein von der Größe Steinbrücks müssen die vergangenen Wochen ein durchgängiger Alptraum gewesen sein. Als er antrat, dachte er, er würde die Kanzlerin auf den großen Feldern der Politik herausfordern, dem Kampf um den Euro, der richtigen Steuerpolitik, der Sanierung des Haushalts. Jetzt ist er der Mann, der sich Gedanken über sozialen Wohnungsbau macht und der Frauenquote zum Durchbruch verhelfen will. Seinen bislang wirkungsvollsten Auftritt hatte er mit dem Versprechen, im Falle eines Wahlsiegs das Betreuungsgeld abzuschaffen, das die Regierung gerade eingeführt hat. "Gedöns" hat Gerhard Schröder solche Themen genannt. Man darf vermuten, dass Steinbrück das nicht viel anders sieht, aber das kann er nicht laut sagen.
Domestizierung eines Urviechs
Es wird spannend, wie weit die Domestizierung dieses stolzen Urviechs gehen wird. Steinbrück gehört zu den Politikern, die mindestens so viel mit sich selber beschäftigt sind wie mit dem Programm, das sie vertreten sollen. Er selber vergleicht sich gerne mit einem Nashorn, aber das zeigt nur, dass er nie genauer in ein Tier-Lexikon hineingeschaut hat. Nashörner haben eine Haut so dick wie ein Holzbrett. Die von Steinbrück hingegen ist so dünn, dass man durchsehen kann. Es braucht nicht viel, damit er die Beherrschung verliert. Manchmal reicht ein falsches Wort oder ein halbwegs kritischer Kommentar.
Man kann nur ahnen, was es ihn für eine Anstrengung kostet, jetzt überall den Bückling zu machen, vom "Roten Frauensalon" bis zum Bundeskongress der Jusos. Wenn Steinbrück in dem Tempo weitermacht, hat er bald alle Submilieus seiner Partei durch. Jetzt fehlen nur noch die Schwusos, die Arbeitsgemeinschaft der Schwulen und Lesben in der SPD, wie Majid Sattar in der "FAZ" mit feinem Spott angemerkt hat. Dann kann er wieder vorne anfangen, bei Elke Ferner und ihrer Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen.
Eigentlich bräuchte die SPD einen Kandidaten, der sie zur Mitte hin attraktiv macht. Aber je mehr die Kampagne aus dem Tritt gerät, desto mehr ist er den Genossen verpflichtet, die zu ihm halten, auch wenn sie sich in allen Vorbehalten gegen diesen Mann vom wirtschaftsfreundlichen Flügel der Partei bestätigt sehen. Die Solidarität hat ihren Preis, und der linke Parteiflügel wird nicht vergessen, ihn beizeiten einzufordern. Als sich Steinbrück zu Beginn seiner Bewerbung mehr "Beinfreiheit" wünschte, hatte er damit inhaltlichen Bewegungsspielraum gemeint. Jetzt kann er froh sein, wenn man ihn im Glied marschieren lässt.
Die andere Frage ist, ob sich die SPD einen Gefallen damit tut, ihren Kandidaten zu einem Mann umzuerziehen, der es auch ganz wichtig findet, dass der Alleinerziehenden endlich die Anerkennung zukommt, die sie verdient. Die Leute haben einen untrüglichen Sinn dafür, ob sich einer verbiegt, oder, alles in allem, doch das vertritt, was ihm am Herzen liegt.
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