Flüchtlinge am Brenner Passkontrolle

Sie kommen aus dem Süden und wollen nach Deutschland: Über den Brennerpass in den Alpen führt einer der Hauptwege für Flüchtlinge. Unterwegs mit Verzweifelten und Hoffnungsvollen.

Flüchtlinge am Brenner-Bahnhof (Archiv): Warten auf den Zug nach München
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Flüchtlinge am Brenner-Bahnhof (Archiv): Warten auf den Zug nach München

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10.45 Uhr: Bahnhof Brenner

Die vier Männer, die am Brenner-Bahnhof plötzlich vor Astrid stehen, haben es eilig. "Germany, Germany", sagt einer von ihnen. Astrid deutet mit dem Arm zur Seite und geht voraus - die Treppen hinunter in die schummrige Unterführung mit gelbweißen Wänden, in der es nach Urin riecht, dann wieder die Stufen hinauf und weiter zu einem Gleis, wo ein Zug nach Kufstein in Tirol wartet.

Astrid erklärt den Männern, dass sie in Kufstein umsteigen müssten. "How much?", fragt einer der vier Männer vergangenen Mittwochmorgen. Astrid gibt am Automaten das Reiseziel München ein. "47,80 Euro", sagt die 32-Jährige, die für die Hilfsorganisation Volontarius arbeitet und ihren Nachnamen nicht veröffentlicht sehen will.

Einer der Männer zieht einen 50-Euro-Schein aus der Tasche, schiebt ihn in den Automaten, nimmt das Wechselgeld und steigt ein. Der nächste schaut gequält und zögert, offenbar hat er kein Geld. "Go, go, go", sagt Astrid und deutet Richtung Zug. Er steigt ohne Ticket ein, die anderen folgen ihm, der Zug fährt los.

Flüchtlinge am Brenner-Bahnhof (Archivbild): Warten auf den nächsten Zug
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Flüchtlinge am Brenner-Bahnhof (Archivbild): Warten auf den nächsten Zug

Eine Szene, wie sie sich an dem norditalienischen Bahnhof an der Grenze zu Österreich immer wieder abspielt. Eine der Hauptrouten für Flüchtlinge, die sich auf den Weg nach Mittel- und Nordeuropa gemacht haben, führt über den Brenner. Viele versuchen ihr Glück über die Autobahn, die meisten mit der Bahn. Schätzungen zufolge kommen täglich zwischen 50 und 300 Migranten am Brenner-Bahnhof an, um von dort weiterzureisen.

Die Helfer von Volontarius arbeiten am Brenner-Bahnhof in zwei Schichten. Sie versorgen Migranten mit Essen, Getränken und Medikamenten, wenn sie dort erschöpft ankommen. Oft geht es aber auch einfach nur darum, den Weg zu einem der Gleise zu weisen, an denen die Züge Richtung Norden starten.

Es wäre Sache der Polizei, die Flüchtlinge zu kontrollieren und gegebenenfalls an der Weiterreise zu hindern: Dem Dublin-Abkommen zufolge müssen Migranten zunächst in dem Land bleiben, in dem sie zuerst europäischen Boden betreten haben und auch registriert wurden.

Deutsche Politiker haben in der Vergangenheit immer wieder italienische Behörden kritisiert, weil sie Flüchtlinge nach Norden weiterreisen lassen würden, ohne sie zu registrieren oder zu identifizieren. Auf Druck der Bundesregierung hatten Italien und Österreich im vergangenen November sogenannten trilateralen Polizeistreifen in Zügen zwischen Trient und Brenner zugestimmt.

"One moment", ruft ein Beamter des Bahnpolizeiposten Brenner, als die nächsten Flüchtlinge kommen, eine Gruppe von zehn Migranten steigt um 11.48 Uhr aus dem Eurocity, der aus Verona gekommen ist. Sie müssen ihm in das Polizeibüro folgen. Was dort geregelt wird, ist bei dem Beamten nicht zu erfahren: Er sei nicht auskunftsberechtigt, man möge doch in der Zentrale in Bozen nachfragen. Wenig später wartet die Flüchtlingsgruppe am Gleis, wo mittags ein weiterer Zug nach Kufstein abfährt - sie steigen ein, Polizeibeamte sind jetzt nicht zu sehen.

13.28 Uhr: unterwegs nach Kufstein

Ibrahim ist müde. Er trägt karierte Shorts, dazu ein schwarzes T-Shirt und sitzt neben seiner Frau im Regionalzug 5399, der sie um 13.28 Uhr vom Bahnhof Brenner nach Kufstein bringt. Ihr Gepäck: eine Wasserflasche, belegte Brötchen, ein großer Stoffbär - Winnie the Pooh.

Sie kämen von der Elfenbeinküste, sagt der 32-jährige Ibrahim. Seine Frau sei Christin, aus Liebe sei er vom Islam zum Christentum konvertiert: "Meine Eltern, Verwandten und Freunde haben mich daraufhin verstoßen, mein muslimischer Arbeitgeber hat mich entlassen." Es habe für ihn keine Zukunft mehr in der Heimat gegeben, beteuert Ibrahim. In Bruchstücken erzählt er von der Reise, die ihn und seine Frau irgendwann nach Libyen brachte. "Oh, oh, oh, Libyen ist nicht gut", sagt er über das Bürgerkriegsland. "Wir hatten eine schlimme Zeit." In Libyen seien sie schließlich auf ein Schiff gestiegen, das sie nach Italien gebracht habe.

Wer half ihnen bei der Reise, wem zahlten sie für die Schiffsfahrt? Ibrahim schüttelt mit dem Kopf, er will nicht darüber reden. Wurden sie in Italien von den Behörden registriert, mussten sie ihren Fingerabdruck abgeben, etwa nach der Ankunft mit dem Boot oder bei der Polizei am Brenner-Bahnhof? "Nein, kein Fingerabdruck, es gab nichts", sagt Ibrahim.

Der Schaffner kommt. Ibrahim gibt ihm - wie die anderen Flüchtlinge auch - seine Fahrkarte: von Verona Porta Nuova nach München für 80,90 Euro. Der Mann der Österreichischen Bundesbahnen knipst sie ab. Draußen ziehen Tiroler Berge vorbei, auf manchen Gipfeln sind Schneereste zu sehen. Schnee im Sommer? "Verrückt", sagt Ibrahim. Ankunft in Kufstein um 15.13 Uhr.

Einsatz der Polizei am Rosenheimer Bahnhof: Wartende Flüchtlinge
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Einsatz der Polizei am Rosenheimer Bahnhof: Wartende Flüchtlinge

15.45 Uhr: von Kufstein Richtung München

Als Ibrahim aus dem kühlen Zug auf den Kufsteiner Bahnsteig tritt, wundert er sich erneut über die Hitze. "Heißer als in der Elfenbeinküste", sagt er. Am Gleis 2 warten die Flüchtlinge auf den verspäteten Eurocity 80 nach München. Der Schaffner kontrolliert die Tickets der Gruppe bereits auf dem Bahnsteig, dann geht es los.

Die Fahrt von Kufstein nach München dauert im Eurocity rund 65 Minuten, für Ibrahim und die anderen Flüchtlinge endet sie aber bereits nach fast einer halben Stunde gegen 16.12 Uhr - und zwar in Rosenheim: Wegen eines Polizeieinsatzes verzögere sich die Weiterfahrt um einige Minuten, lautet die Durchsage, als der Zug im Bahnhof einfährt, dem ersten Halt auf deutschem Staatsgebiet. Mehrere Polizeifahrzeuge stehen dort, etliche Beamte der Bundespolizei stehen auf den Gleisen - einige von ihnen steigen umgehend in den Eurocity. "Passkontrolle", rufen sie und gehen gezielt auf die Flüchtlingsgruppe zu.

Die Migranten können sich nicht ausweisen und müssen zügig den Zug verlassen. Vor einer Treppe haben die Sicherheitsbeamten ein Absperrband gezogen - die Flüchtlinge sitzen auf den Stufen, rund 30 Personen. Es folgt eine aufwendige Prozedur: Jeder Migrant wird durchsucht, Gürtel, Uhren, Geldbörsen werden in durchsichtige Plastiksäcke gesteckt und vorübergehend eingezogen. Wer schon dran war, erhält ein blaues Armband.

Im Polizeibus werden die Flüchtlinge schließlich in die Rosenheimer Bundespolizeiinspektion gefahren. Dort werden sie registriert und erhalten eine Anlaufbescheinigung für das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, an das sie sich dann zu wenden haben. Teil dieser Prozedur ist, dass sich die Flüchtlinge nackt ausziehen müssen - in der Vergangenheit wurden der Behörde zufolge auch Papiere in der Unterwäsche gefunden.

Rund 150 unerlaubte Einreisen registrierte die Bundespolizeiinspektion Rosenheim an diesem einen Tag am Bahnhof der kreisfreien Stadt, darunter Menschen aus Eritrea, Nigeria und der Elfenbeinküste - mit unerlaubten Einreisen sind Menschen ohne beziehungsweise mit unzureichenden Papieren gemeint. Der starke Andrang von Flüchtlingen stellt die Beamten zunehmend vor Probleme. Nach Angaben der Bundespolizeidirektion München wurden in Bayern von Januar bis Ende Mai rund 19.800 unerlaubte Einreisen registriert - im Vergleichszeitraum des Vorjahres seien es rund 5200 gewesen.

Auch Ibrahim steigt in den Polizeibus. Es ist völlig unklar, ob er eine Chance auf Asyl in Deutschland hat. Wenn er es sich aussuchen könnte, würde er in Dortmund leben. Er kennt die Stadt zwar nicht, er war auch noch nie in Deutschland: "Aber ich liebe Borussia Dortmund."

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