Flüchtlinge auf der Balkanroute "Seehofer sollte sich die Situation hier mal anschauen"

Von einer Grenze zur nächsten: Zehntausende Flüchtlinge passieren weiterhin den Balkan. Die Länder werfen sich gegenseitig Versagen vor. Grünen-Politikerin Göring-Eckardt war vor Ort - und fordert mehr Kooperation von den EU-Anrainern.

Matt Cardy/Getty Images

Aus Gevgelija berichtet


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Ein zugemülltes, zerrissenes Stück Stacheldraht markiert die Grenze. Auf der einen Seite liegt das EU-Land Griechenland. Auf der anderen Seite Mazedonien. Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan oder dem Irak brauchen nur dem Ackerpfad zu folgen, dann erreichen sie die nächste Etappe auf ihrer Flucht, wieder liegt ein Staat hinter ihnen.

Im Spätsommer wurden hier Tausende Flüchtlinge von der Weiterreise nach Norden abgehalten, Panik brach aus. Mazedonien rief den Notstand aus, das Grenzdorf Gevgelija wurde eines von vielen Symbolen für das Durcheinander und die Not auf der Balkan-Flüchtlingsroute.

Inzwischen gibt es am Bahnhof von Gevgelija ein Registrierzentrum mit Polizisten und Hilfsorganisationen. Täglich kommen zwischen 5000 und 9000 Menschen an, junge Männer, Alte, Rollstuhlfahrer, stillende Mütter, Kleinkinder. Die Not ist nicht verschwunden. Aber sie zieht schneller Richtung Norden als früher. Der Transit hat jetzt ein System.

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Flüchtlingsroute: Etappenziel Balkan
Die Flüchtlinge stellen sich in Reihen an, viele halten ein Blatt Papier von den griechischen Behörden in der Hand, mit Angaben wie Name, Nationalität, Beruf. Angekommen in Mazedonien werden sie erneut registriert, das mazedonische Dokument wird am griechischen festgetackert.

Ein Plakat in der Transitstelle zeigt die nächsten Optionen auf: Zug 25 Euro, Bus 20 Euro. Taxis sind teurer, regelmäßig warten auch Schmuggler. Knapp 200 Kilometer weiter steigen die Flüchtlinge am Bahnhof von Tabanovce aus, dem letzten Ort Mazedoniens an der Grenze zu Serbien (sehen Sie Eindrücke vom Transitbahnhof im Video).

Zu Fuß schlagen sich die Flüchtlinge weiter durch, bei Regen waten sie knöcheltief im Schlamm. Im serbischen Presevo angekommen, beginnt alles von vorn, wieder kritzeln sie ihr Leben auf einen DIN-A4-Vordruck.

So geht es weiter, bis sie wieder EU-Gebiet erreichen, Kroatien, Slowenien, Österreich, die meisten mit der Hoffnung auf einen Platz in Deutschland oder Schweden.

Fluchtrouten über den Balkan
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"Extreme Umstände"

Die Grünen-Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt bereist diese Woche die Balkanroute, angesichts der Szenerie gefasst zu bleiben, fällt ihr schwer.

"Wer eine schwangere Frau auf einem Feldweg sieht, die ein Kleinkind durch die Dunkelheit schleppt, dem muss klar werden: Es sind extreme Umstände, die Menschen auf einen so harten, ungewissen Weg bringen", sagt die Grünen-Politikerin.

"Horst Seehofer sollte mal hier runterfahren und sich die Situation anschauen." Der CSU-Chef fordert einen Aufnahmestopp und drohte der Kanzlerin andernfalls mit Konsequenzen.

In Gevgelija spricht Göring-Eckardt mit einer Frau, die ihr Kind auf der Flucht zur Welt gebracht hat. Vier Wochen alt ist das Baby jetzt, Mutter und Kind harren im Schotter vor dem Registrierungszelt aus. Das müsse man sich einmal klarmachen, sagt Göring-Eckardt hinterher. Kleinkinder, die in die Flucht hineingeboren werden.

An den Grenzübergängen und Flüchtlingszügen sind Männer in der Überzahl, zunehmend aus Afghanistan. Aber in den vergangenen Wochen seien immer mehr Frauen und Kinder dazugekommen, berichtet Hans Friedrich Schodder vom Flüchtlingshilfswerk UNHCR. "Ein Zeichen dafür, dass die Route sicherer geworden ist."

Wer länger als 72 Stunden bleibt, gilt als illegal

Die internationalen Hilfsorganisationen haben an den Brennpunkten der Balkanregion Personal aufgestockt, betreiben Notunterkünfte, Krankenzelte, Lebensmittelcontainer. Früher stand im serbischen Presevo eine Tabakfabrik. Jetzt werden in den alten Hallen Flüchtlinge auf der Durchreise betreut, die frühere Betriebsmensa dient als Registrierstelle.

Einerseits bringt das neue Transit-Prinzip mehr Sicherheit für die Flüchtlinge. Andererseits wird deutlich: Mazedonien und Serbien wollen zwar rein in die EU, sehen sich aber in der Flüchtlingskrise bislang ausschließlich als Durchgangsstaaten. Jeder Flüchtling, der länger als 72 Stunden ohne Visum bleibt, gilt als illegal.

In der konfliktbeladenen und strukturschwachen Region gibt es weder gegenseitige Beratung noch Unterstützung. Griechenland registriert nur sporadisch, sagen die Mazedonier. Die Mazedonier sind auch nicht viel gründlicher, sagen die Serben. Zusammenarbeit: Fehlanzeige.

Göring-Eckardt sieht die Balkanstaaten mittelfristig dennoch in mehr Verantwortung. "Es wäre wichtig, dass ein Teil der Flüchtlinge auch in den EU-Anrainerstaaten bleiben kann", sagt die Grüne. Ein übereilter EU-Beitritt sei dafür keine Lösung, "aber die EU kann etwa finanzielle Unterstützung anbieten".

Gäbe es wenigstens einen Datenaustausch auf dem Balkan, könnten sich die einzelnen Länder wohl besser auf die Flüchtlinge einstellen. "Aber jeder macht sein eigenes Ding, das ist doch verrückt", sagt Lorenzo Leonelli, UNHCR-Mitarbeiter in Mazedonien.

Auf der serbischen Seite müssen sich die Helfer deshalb auf eine WhatsApp-Gruppe verlassen, wenn sie erfahren wollen, ob gerade ein Zug aus Mazedonien losgefahren ist. Dann rechnen sie: Noch fünf Stunden, bis der nächste Schwung kommt. "Wir wissen nie, was uns am nächsten Tag erwartet", sagt ein Regierungsmitarbeiter in Presevo.

Der Winter naht, Kleidung fehlt

Wie sich die Situation entwickelt, vermag vor Ort niemand zu sagen. Die Furcht vor einem Rückstau ist groß, sollten neben Ungarn weitere EU-Staaten ihre Grenzen abriegeln wollen. Bald wird auch der Winter Flüchtlingen und Helfern zu schaffen machen. Schon jetzt fallen die Temperaturen nachts auf wenige Grad über null, warme Schuhe und Winterjacken fehlen.

"Kein einziger Flüchtling darf erfrieren", mahnt UNHCR-Mann Schodder. Zwar habe man Hoffnung, dass die Zahlen im Winter kleiner werden. "Fest damit rechnen können wir aber nicht."


Zusammengefasst: Die kleinen und strukturschwachen Balkanländer Mazedonien und Serbien liegen mitten auf der Hauptroute der Flüchtlinge, pro Tag ziehen Tausende Menschen durch die Region in Richtung Norden. Anstatt in dieser Ausnahmesituation zusammenzuarbeiten, wirft man sich gegenseitig Versagen vor. Helfer warnen vor dem nahenden Winter.

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