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Gabriel gegen Ausländerhasser: Das "Pack"-Problem

Ein Kommentar von Stefan Berg

Demonstranten in Heidenau: "Das Wort 'Pack' ist ein Unwerturteil" Zur Großansicht
DPA

Demonstranten in Heidenau: "Das Wort 'Pack' ist ein Unwerturteil"

Wer die Menschenwürde verteidigen will, darf sie niemandem absprechen - auch nicht den Fremdenfeinden unter uns.

Der Vorsitzende der SPD, Sigmar Gabriel hat einen Satz gesagt, der das hatte, was man gewöhnlich Wumms nennt. Er hat die ausländerfeindlichen Krakeeler in Sachsen als Pack bezeichnet. "Pack", welches "eingesperrt werden muss." Das klang ein wenig nach Gerhard Schröder, der Sexualstraftäter "wegsperren" wollte, und zwar "für immer". Vizekanzler Gabriel gewann mit seiner "Pack"-Schmäh den Klartext-Wettbewerb mit Kanzlerin Angela Merkel. Zumindest war er schneller. Immerhin.

Aber war es richtig?

Das Wort "Pack" war in Sachsen schon vor dem Eintreffen Gabriels gefallen. Erregte Bürger aus dem Ort Freital sprachen vom "Pack", womit sie die Flüchtlinge meinten. Was wolle das Pack hier? Die erregten Sachsen wollten so wie der erregte Niedersachse eines: wahrgenommen werden. Es ist ihnen gelungen.

Mit seinem Versuch, die größtmögliche Distanz zu Fremdenfeinden zum Ausdruck zu bringen, hat sich Gabriel leider auf deren sprachliches Niveau begeben. Er hat den Begriff "Pack" nun hoffähig gemacht. Und schon rufen einige der Ausländerhasser: "Wir sind das Pack."

Aber kann man für die Achtung der Würde von Menschen werben, indem man anderen diese abspricht? "Ich glaube an die Unantastbarkeit und an die Würde jedes einzelnen Menschen", hämmerte die Freiheitsglocke in Berlin. Dieser Gedanke ist Leitbild unserer Demokratie, er ist Kern unseres Strafrechts, das auf Reue und Resozialisierung setzt. Selbst die Gnadenlosen der RAF hatten Anspruch auf Gnade.

Das Wort "Pack" ist ein Unwerturteil, welches in einer Gesellschaft, die sich in ihrer Verfassung noch immer auf Gott bezieht, nichts zu suchen hat. Deshalb fragen wir, warum sich jemand so würdelos verhält, wie einer bei uns Terrorist, wie einer Salafist oder Rechtsextremist werden konnte. Und deshalb müssen wir uns fragen, wie Mitmenschen in Freital oder anderswo Menschenhasser wurden.

Zum Autor

Stefan Berg, 1964 in Ost-Berlin geboren, ist seit 1996 beim SPIEGEL. Seine Laufbahn als Journalist begann er bei Kirchenzeitungen in der DDR.

E-Mail: Stefan_Berg@spiegel.de

Im Video: Pöbelei gegen Kanzlerin Merkel in Heidenau

Getty Images

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 367 Beiträge
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1. Ehre, wem Ehre gebührt
savoy40 27.08.2015
Wer Grundrechte mit den Füßen tritt und den Tod von Menschen billigend in Kauf nimmt, darf nicht erwarten, dass er pädagogisch korrekt angesprochen wird.
2. mangelnde Selbstachtung
spon-41d-frm9 27.08.2015
Diesen Menscchen fehlt es an Selbstachtung. Die jungen Leute dort sind mit dem Opferbewußtsein ihrer Eltern aufgewachsen. Unzufriedenheit, Neid und Missgunst prägden ihr Leben bis jetzt. Und jetzt kommt da noch "Konkurrenz" aus der Ferne dazu, das macht Angst. Es ist unmöglich für diese Leute das Leid, aber auch das Potential der Flüchtlinge zu erkennen.
3. Wieso nicht?
zehwa 27.08.2015
Pack wird wie im englischen auf eine Gruppe angewendet, wie auch "der Mob" nie ein Einzelner ist. Allgemein nennt man so fanatisierte, eingeschraenkt urteilsfaehige , teils gewaltbereite Menschenmengen. Ich denke, Sigmar Gabriel hat sich treffend ausgedrueckt.
4. Mit Verlaub, was für ein Insinn!
janus3333 27.08.2015
Es scheint, der Autor muss eine gewisse Anzahl Zeichen (früher Anschläge) abliefern... Selbstverständlich darf man "Gesochs" als solcher bezeichnen - oder halt Pack als Pack; wenn man den Ausdruck für passend und "stark " genug hält. Es gibt noch einige andere vorstellbare Bezeichnungen, "Gesindel" etwa. Und nein, man muss sich auch keine Sorgen machen, diesem braunen Bodensatz "die Menschenwürde" abzusprechen - das haben die schon selbst besorgt. Aber geht denn das? Ja! Das geht sehr wohl! Warum ist denn dieses miese Pack noch auf freiem Fuß? Warum werden die nicht wegen Volksverhetzung, Anstachelung zum Fremden-/ Rassenhass, Widerstand gegen die Staatsgewalt, schwerer Körperverletzung, Landfriedensbruch etc eingebuchtet- wie man es mit demonstrierenden Atomkraftkritikern und linksgerichteten Demonstranten ("Randalierern") unter Beifall der Presse getan hat?!
5. Es ist die Ohnmacht
nele12 27.08.2015
Viele Menschen stehen dem, was aktuell passiert äußerst kritisch gegenüber. Doch weder Politik, noch Medien wollen das wahrhaben. Hierüber findet keine sachliche Azuseinandersetzung statt. Es kann und darf nicht sein, dass jeder der sich kritisch äußert in die rechte Ecke gestellt oder als Asylantengegner angeprangert wird. Weder Medien noch Politiker haben dafür das richtige Gespür und nur so kann es zu diesen Eskaltionen kommen.
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Quelle: Amadeu Antonio Stiftung und Pro Asyl / Polizei / eigene Recherchen / dpa
Stand: 7. Januar 2016
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