S.P.O.N. - Im Zweifel links Weil Opa für Adolf gekämpft hat

Unsere Willkommenskultur steht unter Verdacht: Hilfe für Flüchtlinge, sagen konservative Kommentatoren, sei nur eine Form der Vergangenheitsbewältigung. Eine Sondermoral solle es aber auch nach Auschwitz nicht geben. Warum eigentlich nicht?

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Angela Merkels Flüchtlingspolitik hat viele Gegner. Vor allem in ihrer eigenen Partei. Zu viele Ausländer in zu kurzer Zeit. Und dann noch alles Muslime. Aber Merkels Gegner haben ein Problem: Wie erklären sie, dass so viele Deutsche seit dem vergangenen Sommer so viel Zeit und Kraft und Liebe in die Sorge um die Flüchtlinge stecken? Ganz einfach: Die haben einen "Judenknacks". Konservative Kommentatoren von Washington über London bis Berlin sind sich einig: Die Hilfe der Deutschen für die Flüchtlinge ist eine schräge Form der Vergangenheitsbewältigung.

Eine deutsche Sondermoral lehnen die Flüchtlings-Gegner aber ab. Wieso eigentlich?

Schon vor der Nacht von Köln hat der Verleger George Weidenfeld über die Flüchtlings-Freude der deutschen Öffentlichkeit gespottet, "als könnte man damit die Schuld der Großeltern wieder tilgen. Hitler ausmerzen, indem die Deutschen endlich die Guten sind. Das ist Ignoranz". Nach "Köln" werden solche Stimmen lauter. Der Washingtoner Konservative Ross Douthat mahnt die Deutschen, "die närrische Illusion aufzugeben, Deutschland könnte sich von den Sünden der Vergangenheit durch einen rücksichtslosen Humanitarismus in der Gegenwart erlösen." Und der Berliner Schriftsteller Peter Schneider schreibt: "Die Flüchtlinge dienen als Projektionsfläche für Lehren, die die Geschichte den Deutschen angeblich aufgegeben hat."

Erstaunlich leichthändig verwirft der Amerikaner Douthat ein urchristliches Grundprinzip: Sühne durch tätige Reue. Und verblüffend locker redet der Deutsche Schneider von Lehren, die die Geschichte uns eben nur "angeblich" aufgegeben hat - in Wahrheit also nicht.

Aber war denn nicht das "Nie wieder!" der Kern der deutschen Identität nach dem Krieg, in Ost und West? Sind das nur leere Worte?

Deutschsein ist kein Spaß

Auschwitz als konkrete Verpflichtung in der Gegenwart? Bloß nicht. Der Historiker Heinrich-August Winkler schrieb schon im vergangenen Herbst: "Zur deutschen Verantwortung gehört, dass wir uns von der moralischen Selbstüberschätzung verabschieden, die vor allem sich besonders fortschrittlich dünkende Deutsche aller Welt vor Augen geführt haben. Der Glaube, wir seien berufen, gegebenenfalls auch im Alleingang, weltweit das Gute zu verwirklichen, ist ein Irrglaube." Jeder Versuch, aus dem schrecklichsten Kapitel der deutschen Geschichte eine deutsche Sondermoral abzuleiten, fand Winkler, "führt in die Irre und ist zum Scheitern verurteilt".

Winkler postuliert das nur. Er begründet es nicht. Ebenso wie die anderen, die etwas gegen die Flüchtlinge haben - weil sie zu viele sind, weil sie arm sind, weil sie Muslime sind. Es ist die Wucht des Gedankens an Auschwitz, die ihnen unheimlich ist.

Die Deutschen haben es nicht leicht. Einerseits wollen und sollen sie sein wie andere Völker. Normal. Andererseits soll und darf und kann es nie einen Schlussstrich unter die deutsche Vergangenheit geben. Und die war alles andere als normal. Deutschsein ist kein Spaß.

Ob es uns passt oder nicht, Bundespräsident Joachim Gauck sprach für uns alle, als er sagte, er werde sein Leben lang "darunter leiden, dass die deutsche Nation mit ihrer so achtenswerten Kultur zu den ungeheuerlichsten Menschheitsverbrechen fähig war".

Besondere Verantwortung Deutschlands

Ebenso groß wie das Verbrechen muss aber die Verantwortung sein, die daraus erwächst. Und es lässt sich ja dieser Verantwortung gar nicht besser gerecht werden als in der tätigen Hilfe für Menschen in Not. Die deutsche Vergangenheit wäre also ein gutes Argument dafür, Flüchtlingen zu helfen.

Es ist unwahrscheinlich, dass die Menschen, die Zeit und Mühe für die Flüchtlinge opfern, ausdrücklich von solchen Gedanken bewegt werden. Wer schenkt heute Suppe aus, weil Opa für Adolf gekämpft hat? Aber es gibt so etwas wie das kollektive Bewusstsein einer Öffentlichkeit. Manchmal sucht sich dieses Bewusstsein einen, der es vertritt. Der Bundespräsident, oberster Dienstherr in Sachen Deutschland, ist eine gute Wahl: 70 Jahre nach der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz durch die Rote Armee sprach er von einem "taghellen Credo", das wir formulieren "wenn wir uns jeder Art von Ausgrenzung und Gewalt entgegenstellen und jenen, die vor Verfolgung, Krieg und Terror zu uns flüchten, eine sichere Heimstatt bieten".

In der Tat: Wenn wir nicht solche Lehren aus Auschwitz ziehen wollen, welche dann? Wenn die besondere Verantwortung Deutschlands sich nicht hier erfüllt, wo sonst?

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