Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

S.P.O.N. - Im Zweifel links: Männer, Monster und Muslime

Eine Kolumne von

Flüchtlinge in Berlin: "Überall junge, ungebildete und aggressive Männer" Zur Großansicht
Getty Images

Flüchtlinge in Berlin: "Überall junge, ungebildete und aggressive Männer"

Deutschland hat ein neues Feindbild: der muslimische Mann. "Emma" und Pegida eint die Sorge um die deutsche Frau - und ein ganz alter Rassismus.

Der dauergeile Muslim. Das ist der Schrecken des Abendlands. Mit der Zahl der Flüchtlinge wächst der fremdenfeindliche Reflex. Ganz vorne: die Angst vor den jungen, aggressiven Männern mit den dunklen Augen.

Zu Hause unterdrücken sie ihre eigenen Frauen. Jetzt bedrohen sie unsere. Betonung auf "unsere". Da lässt sich von linken Emanzen bis zu rechten Pöblern eine erstaunliche Einigkeit herstellen in Einwanderungs-Deutschland.

Der AfD-Politiker Uwe Wappler aus Niedersachsen hat dem Fernsehmagazin "Panorama" neulich die Geschichte eines zwölfjährigen Mädchens erzählt, das im Bereich Unterweser von einem Flüchtling vergewaltigt worden sein soll: "Wenn so etwas passiert und man greift aus Political Correctness nicht ein und macht die Täter nicht dingfest, dann ist das Anarchie."

Der Reporter fragt nach. Wappler sagt, er habe den Vorfall nicht "exakt präsent". Der Reporter bleibt hartnäckig. Da sagt der AfD-Mann: "Ich gestehe Ihnen zu, dass Sie hier sehr gute journalistische Arbeit machen. Da haben Sie mich auf dem falschen Fuß erwischt."

Was wir alles über die Flüchtlinge wissen

Offenbar fängt Herr Wappler erst an mit dem Rechtspopulismus. Als Profi hätte er laut "Lügenpresse" gerufen und den Reporter angeschnauzt, was ihm eigentlich einfalle...

Aber das Netz ist voll von solchen Geschichten. Das sexuelle Gerücht über den Ausländer schwappt gerade über. Das Erschreckende: Es wird von allen Seiten genährt.

Die CDU-Politikerin Julia Klöckner spricht von Männern "mit einem mittelalterlichen Frauenbild". Der Historiker Jörg Baberowski sieht überall "junge, ungebildete und aggressive Männer". Alice Schwarzer fordert: "Wir müssen auch von den Macho-Männern Respekt vor Demokratie und Rechtsstaat, vor Frauen und Kindern einfordern." Und in Hessen haben Organisationen, die sich um die Rechte von Frauen kümmern, vor Männern gewarnt, "die Frauen ohnehin eine untergeordnete Rolle zuweisen und allein reisende Frauen als Freiwild behandeln."

Jung, aggressiv, mittelalterliches Frauenbild, Machos, behandeln Frauen wie Freiwild. Die Flüchtlinge haben noch nicht mal ihre Sachen ausgepackt, aber wir wissen schon alles über sie.

Im Jahr 2014 stammten zwei Drittel der Asylanträge in Deutschland von Männern. Mehr als 70 Prozent waren jünger als 30 Jahre. Das ist auch nicht verwunderlich. Die Flucht nach Norden ist anstrengend und gefährlich. Wer kann, geht allein vor und lässt Frau und Kinder erst einmal zurück. Aber Pegida und "Emma" sind sich einig: diese Flüchtlinge stellen ein Problem dar. Sie sind Männer und Muslime - und sie sind jung. Hier treffen sich Bildungsbürger von der CDU mit Rüpelbürgern von der AfD und auch grüne Willkommensfreunde nicken verständnisvoll.

Der Fremde und seine bedrohliche Sexualität

Kulturchauvinismus und Rassismus überwinden alle Grenzen. Und zusätzlich fürchtet unsere alternde Gesellschaft die Virilität der Kommenden.

Man kann die Mechanismen der Sozialpsychologie derzeit beobachten wie im Lehrbuch. Alte Metaphern kehren zurück. Die österreichische Innenministerin Johanna Mikl-Leitner sprach von neuen Sicherungsmaßnahmen, die notwendig geworden seien, weil der "Zustrom" größer als der "Abfluss" sei. Schwemme, Strom, Brandung. Die Flüchtlinge ergießen sich über uns. So haben seinerzeit die Nazis über die Kommunisten geredet, als sie die "rote Flut" beschworen und die "Welle des Bolschewismus".

Der Fremde und seine bedrohliche Sexualität - das ist in Wahrheit das älteste Vorurteil des Rassismus. Schwarze haben den Längsten und Juden können am längsten. Das erzählt der Herr im Flugzeug der interessierten Blondine. Und stellt sich dann als Shlomo Lumumba vor. Als Witz funktioniert die Übertragung sexueller Ängste und Phantasien ganz gut.

In der Wirklichkeit hört der Spaß hier auf.

Gerade der Orient war immer der Ort für eigene sexuelle Projektionen.

Schleier und Tänze, Harem und Badehaus - und natürlich die Vielehe - versprachen eine andere Sexualität, freier, mit weniger Schuld. Der triebhafte Araber, der schamlos-lüsterne Jude, das sind die Erfindungen des Westens. Im Nazi-Film "Jud Süß" vergewaltigt der Jude Oppenheimer die brave Dorothea, die daraufhin ins Wasser geht.

Und wenn man sich lange genug mit gebildeten Zeitgenossen unterhält, stehen die Chancen nicht schlecht, dass irgendwann einer sagt, der Islam sei in seiner ganzen Frauenverachtung doch in Wahrheit eine Religion für Schwule. Eine sonderbare Drehung, weil der Muslim dann gleichzeitig als Frauenfeind gelten kann und dennoch kein "richtiger Mann" ist. Aber das passt dann zu einem Diktum von Adorno: "Totalität und Homosexualität gehören zusammen."

Das sagt alles freilich mehr über den Zivilisationsgrad der Deutschen aus als über den der Flüchtlinge. Und mit Wahrheit hat es nichts zu tun. Nur mit dem Gerücht.

Leider kein Gerücht ist der Tod eines vierjährigen Jungen aus Bosnien. Er wurde Opfer eines Sexualverbrechens, das ein Deutscher an ihm begangen hat.

Newsletter
Kolumne - Im Zweifel Links
Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 387 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. gibt es längere Statistiken?
Mick.Berlin 02.11.2015
Schweden, Norwegen oder Frankreich, mit ähnlichen Herkunftsländern? Dann können Sie sicherlich beschwichtigend mit Fakten argumentieren, anstatt anekdotisch
2. genau Rassismus
logabjörk 02.11.2015
isses auch, wenn Mænner Frauen geringschætzen. Das widerspricht sich selber in diesem seltsamen Artikel. Hauptsach auf Linie.
3. Und jetzt?
user82 02.11.2015
Wie bei allen Artikeln zu diesem Thema verstehe ich auch hier nicht, was eigentlich die Kernaussage sein soll. Will uns Herr Augstein sagen, dass es genau andersherum ist, und die Vorwürfe damit alle nur eine Erfindung der dumpfen Dunkeldeutschen und Pegida Anhänger sind? Das kann er doch nun wirklich nicht meinen. Die Wahrheit liegt natürlich irgendwo dazwischen. Weder die ultra-toleranten Gutmenschen noch die Rechten haben recht, und das hat auch die Mehrheit der deutschen Bevölkerung nie behauptet. Trotzdem wird in jeder Diskussion immer implizit davon ausgegangen, dass die jeweils andere Seite extreme Ansichten haben muss. Man hört sich gegenseitig schon gar nicht mehr zu, sondern rechtfertigt seine eigene Meinung mit eigenen Extrembeispielen. Ich kann es bald nicht mehr hören.
4. Oh je Herr Augstein.....
lechpirat 02.11.2015
Nehmen Sie ausgerechnet den Holocaust in argumentative Geiselhaft, um eine Religion zu verteidigen, die mehrheitlich und wie keine andere das Judentum und Israel als Erzfeind verinnerlicht hat. "Rote Flut" ist übrigens kein Kampfbegriff aus dem zweiten Weltkrieg, sondert stammt aus dem kalten Krieg.
5. Was soll uns dieser Artikel sagen?
mmlng 02.11.2015
Dass viele Vorurteile vorhanden sind? Ja! Dass nicht alle Muslime gleich sind? Ja, natürlich. Aber mal wieder verschweigt dieser Artikel, dass es einfach zu viele Flüchtlinge aus unterschiedlichen Kulturen sind, die in viel zu kurzer Zeit zu uns kommen. Hierfür haben wir weder genug Personal, Wohnungen noch Integrationsangebote. Unbestritten ist wohl auch, dass sich die muslimische Kultur in Sachen Integration und Toleranz anderer Kulturen nicht gerade positiv hervorhebt. Oder sehen Sie viele Christliche Kirchen im nahen Osten?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Jakob Augstein
In dieser Woche...

...berichtet "Der Freitag" unter anderem über folgende Themen:

  • 25 Jahre später
    Am 9.11.1990 erschien diese Zeitung zum ersten Mal. Eine Ausgabe über uns - gestern, heute, morgen

    Jakob Augstein erklärt, warum er den "Freitag" erfinden würde, wenn es ihn nicht gäbe

    Gregor Gysi und Hans-Christian Ströbele treffen sich nach 25 Jahren erneut zum Couchgespräch

    Wolfgang Michal sehnt sich nach mehr digitaler Gegenöffentlichkeit

  • Diese Ausgabe digital lesen
  • Drei Ausgaben kostenlos testen


Facebook

SPIEGEL.TV
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: