Studie zu Flüchtlingen und Migranten Die Willkommenskultur verabschiedet sich

Gefährden viele Flüchtlinge die Zukunft Deutschlands? Mehr als ein Drittel der Befragten einer Studie sieht das so. Jeder Zweite fürchtet eine erhöhte Terrorgefahr. Mit der Willkommenskultur ist es nicht weit her.

Flüchtlinge in Deutschland (2015)
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Flüchtlinge in Deutschland (2015)

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Deutschland im September 2015: Menschen stehen mit Stofftieren und Transparenten an Bahnsteigen, um Flüchtlinge in der Bundesrepublik willkommen zu heißen. Sie klatschen, als die Hilfesuchenden aus den Zügen stiegen. Die internationale Presse berichtet über das freundliche Klima in der Bundesrepublik, ein wenig kommt das WM-Gefühl von 2006 auf: "Die Welt zu Gast bei Freunden". Nur dass die Menschen, die nun anreisen, bleiben wollten.

Flüchtlinge und Ehrenamtliche am Münchner Hauptbahnhof (2015)
DPA

Flüchtlinge und Ehrenamtliche am Münchner Hauptbahnhof (2015)

Sommer 2016: Wo stehen die Deutschen heute?

Die schönen Bilder sind verblasst - und auch mit der Willkommenskultur ist es nicht mehr weit her. Vor zwei Jahren sah es noch eine Mehrheit positiv, dass sich Flüchtlinge in Deutschland heimisch fühlen. Inzwischen überwiegt die Ablehnung dessen.

Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die vom Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld unter dem Projektnamen ZuGleich mit der Mercator-Stiftung durchgeführt wurde. Darin wurde untersucht, wie sich die Haltung der Deutschen mit und ohne Migrationsbiografie zum Thema Integration und Zusammenleben mit Migranten zwischen 2013/2014 und 2015/2016 verändert hat.

Demnach sieht ein Drittel der Befragten Deutschlands Zukunft durch die Migration in Gefahr. Knapp die Hälfte von ihnen hat Angst, dass mit der steigenden Anzahl der Flüchtlinge in Deutschland auch die Bedrohung durch Terrorismus wächst. Fast ebenso viele Befragte wünschen sich, dass die Asylbewerber wieder ausgewiesen werden, wenn sich die Lage in ihren Heimatländern verbessert.

Ergebnisse der Studie im Überblick:

  • Die durchschnittliche Zustimmung zur Willkommenskultur ist unter den Befragten ohne Migrationshintergrund von 39,5 Prozent auf 32,3 Prozent gesunken. 2015/2016 begrüßen es nur noch 43,3 Prozent der Befragten ohne Migrationshintergrund, wenn sich Migranten in Deutschland heimisch fühlen (2013/2014: 54,7 Prozent). Unter den Befragten mit Migrationshintergrund würden sich 41,5 Prozent über eine stärkere Willkommenskultur freuen. 28,3 Prozent sprechen sich allerdings dagegen aus.
  • Die Einstellung gegenüber Flüchtlingen in der deutschen Gesellschaft ist zwiegespalten - zwar stimmen zwei Drittel der Befragten der Aussage zu, dass die Religionszugehörigkeit bei der Aufnahme keine Rolle spielen solle. Fast ebenso viele Menschen gestehen Flüchtlingen zu, auch in Deutschland das Recht auf eine bessere Zukunft zu haben. Jedoch fürchtet sich auch annähernd jeder Zweite davor, dass mit dem Zuzug von Flüchtlingen die Terrorgefahr steigt. Jeder Dritte sieht durch die hohen Flüchtlingszahlen die Zukunft Deutschlands gefährdet. 30,8 Prozent der Befragten nehmen an, dass Flüchtlinge in ihrem Heimatland gar nicht verfolgt werden - sie also unrechtmäßig Asyl bekommen wollen. Ein größerer Teil (40,2 Prozent) weist diese Aussage zurück.
  • Ab wann sind Menschen mit ausländischen Wurzeln deutsch? Die Bedingungen dafür sind heute verschärft, heißt es in der Studie. Ein deutscher Pass allein reicht nicht mehr, um als Deutscher wahrgenommen zu werden. Insgesamt ermittelten die Forscher sieben Kriterien. Die beiden wichtigsten sind den Befragten zufolge die Sprache und das Achten von politischen Institutionen und Gesetzen. Befragte mit Migrationshintergrund fanden eine Erwerbstätigkeit wichtiger, die Befragten ohne Migrationshintergrund hingegen den Umstand, dass sich Migranten in Deutschland heimisch fühlen.
  • Auch die Einstellung zu Vorrechten für bestimmte Bevölkerungsgruppen hat sich verändert. Dabei geht es unter anderem um die Fragen, ob neu Hinzugekommene die gleichen Rechte wie die Alteingesessenen bekommen sollten und ob sie Forderungen oder Ansprüche erheben dürften. Heute finden 44,1 Prozent aller Befragten, dass sich die Neuen erst einmal mit weniger zufriedengeben sollten - vor zwei Jahren hatten das noch 32,4 Prozent angegeben. Dabei macht es wenig Unterschied, ob die Befragten einen Migrationshintergrund haben oder nicht - das Alter aber sehr wohl. Demnach fordern ältere Befragte häufiger Etabliertenrechte ein.
  • Ebenso ist es bei der Frage, ob deutsche Werte geschützt werden sollten und es ein selbstbewussteres Auftreten gegenüber Migranten brauche; auch hier stimmten häufiger ältere Befragte zu. Deutliche Veränderungen gab es bei der Aussage: "Wir sollten vor allem jüngere Migranten häufiger in die Schranken weisen." 2013/2014 stimmte knapp jeder vierte Befragte ohne Migrationshintergrund zu. Zwei Jahre später sind es mehr als 40 Prozent.

Nicht nur die winkenden Menschen vom Münchner Hauptbahnhof sind mittlerweile verschwunden. Auch in der Politik schwindet die Euphorie: Angela Merkel rückte von ihrer "Wir schaffen das"-Losung ab, und sagte im März: "Es gibt eben nicht ein Recht darauf, dass ein Flüchtling sagen kann: Ich will in einem bestimmten Land der Europäischen Union Asyl bekommen." Horst Seehofer (CSU) rief daraufhin das Ende der Willkommenskultur aus. Das war im Mai dieses Jahres.

Acht Monate nach den Teddybär-Bildern in den Abendnachrichten.


Studiendesign 2013/2014: Telefonische Befragung von 2006 repräsentativ ausgewählten Personen. Durchführung durch das Sozialwissenschaftliches Umfrageinstitut (SUZ) in Duisburg. 391 der Befragten hat einen Migrationshintergrund.

Studiendesign 2015/2016: Telefonische Befragung von 1300 repräsentativ ausgewählten Personen, zusätzliche Onomastik-Stichprobe von 205 Personen mit Migrationshintergrund durch das SUZ. 507 Befragte mit Migrationshintergrund.



insgesamt 125 Beiträge
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ruhepuls 07.07.2016
1. Willkommenskultur?
Wen wundert das? Die "Willkommenskultur" ist gezielt "herbeigeschrieben" worden. Man hat ein Bild der Flüchtlinge und ihrer Bedeutung für Deutschland gezeichnet, das der Realität nicht entsprach. Man quasi einen "Idealflüchtling" entworfen und ihn den Leuten angedient. Nun merken die Menschen hier, dass die Flüchtlinge auch nur Menschen sind - und eben auch ihre menschlichen Probleme und Macken mitbringen (beispielsweise unterschiedliche Vorstellungen über das angemessene Verhalten gegenüber Frauen.). Solche Idealisierungen platzen immer im Angesicht der Realität - und dann macht sich Ernüchterung breit.
nur_mut 07.07.2016
2.
Tja, das ist eben das Ergebnis, wenn die durchaus vorhandene Willkommenskultur überreizt wird. Wären die Grenzen nicht für jeden geöffnet worden, wäre nicht die Mär von Heerscharen von neuankommenden Ingenieuren und Doktoren verbreitet worden, würden Nicht-Asylberechtigte konsequent ausgewiesen werden, würde auch wirklich integriert werden, würde das ganz anders aussehen. So haben die Politiker aber der Willkommenskultur einen großen und dauerhaften Schaden zugefügt.
Michael CGN 07.07.2016
3. Wo kann man die Studie downloaden?
Ich würde mir gerne die Zahlen im Einzelnen Anschauen, nach Regionen, nach Alter und nach Erfahrungen getrennt. Umfragen geben Stimmungen wieder: vergangenes Jahr betrieben die Medien die "Willkommenskultur" und diese Jahr stimmen sie uns auf das Gegenteil ein ... Beides hat die dem realen Leben wenig, aber viel mit medialer Lebensbildvermittlung zu tun
ThinkItOver 07.07.2016
4. Hoffen wir ...
... dass aus dem einstigen Überschwang Sachlichkeit wird und die Stimmung nicht ins Gegenteil kippt. Humanität und vernünftig Entscheidungen, die sich an Fakten orientieren, schließen sich nicht aus.
sucherderwahrheit 07.07.2016
5. Unterscheidung notwendig
Es ist dringend eine Unterscheidung zwischen Flüchtling und Migrant notwendig, wobei auf Grund der uns umgebenden sicheren Ländern eigentlich kein Flüchtling mehr bei uns ankommen kann, den wenn er in Sicherheit ist (dazu gehört auch Griechenland), ist der Fluchtgrund nicht mehr vorhanden. Ferner kann ein Flüchtling nur zeitlich begrenzt ein Aufenthaltsrecht bekommen, bis sein Fluchtgrund vorbei ist. Ein Migrant dagegen will dauerhaft bleiben - dies kann nur erlaubt werden, wenn dieser Migrant kurzfristig in die deutsche Gesellschaft (inkl. Arbeitsleben) integriert werden kann und er dabei auch aktiv mitmacht. Mit den bereits bestehenden Parallelgesellschaften aus Türken, Libanesen, Albanern, ... haben wir schon genug Probleme - da brauchen wir nicht noch mehr Parallelgesellschaften die sich nicht in unser Werte- und Rechtssystem eingliedern wollen.
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