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Engagement für Flüchtlinge: Deutschlands stille Helfer

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DPA

Demonstranten in Mannheim: Willkommen heißen statt ablehnen

Ausländerfeinde und Hetzer prägen oft das Bild von Deutschland. Aber es gibt auch Zehntausende Bürger, die ohne großes Aufsehen den ankommenden Flüchtlingen helfen - und es werden immer mehr. Wer sind sie?

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Tröglitz und Pegida, die Schlagworte stehen für Abwehr, das Misstrauen und den Hass in Deutschland. Sie stehen für die dunkle Seite im Umgang mit ankommenden Flüchtlingen.

Aber es gibt noch eine andere Seite, eine offene, hilfsbereite: Viele Menschen in Deutschland engagieren sich freiwillig für die Neuankömmlinge. In manchen Dörfern schließen sich Bürger zusammen und organisieren Hilfe für Asylbewerber. Es gibt Familien, die sich auf eigene Faust um Flüchtlinge kümmern. Manche bieten sich als Babysitter an, während die Eltern aus der Fremde Deutsch lernen. Es gibt Kennenlernrunden. Es gibt Kinder, die ihr Spielzeug spenden.

Wer sind diese helfenden Menschen?

Forscher der Humboldt Universität Berlin und der Universität in Oxford haben das untersucht. Für die Studie des Berliner "Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung" (BIM) wurden mehr als 460 Ehrenamtliche und über 70 Organisationen in der Flüchtlingsarbeit online befragt. Zwar ist die Untersuchung nicht repräsentativ, weil die Stichprobe nicht zufallsgeneriert ist - aber das Material ist so umfangreich, dass es aussagekräftig ist und mindestens Tendenzen aufzeigt.

Was sind die Gründe für die ehrenamtliche Hilfe?

  • Insgesamt ist das Engagement für Flüchtlinge laut der Untersuchung stark gewachsen. Ein Großteil der befragten Organisationen gab an, dass in den letzten Jahren durchschnittlich 70 Prozent mehr Ehrenamtliche aktiv geworden sind. In vielen Fällen war das Leid der Kriegsflüchtlinge aus Syrien der Auslöser.

  • Offenbar haben Menschen, die sich unentgeltlich für Flüchtlinge einsetzen, hohe ideelle Werte. 74 Prozent der Befragten gaben als Motiv für ihr Engagement an, die Gesellschaft gestalten zu wollen. Nur 3,5 Prozent sagten, sie versprächen sich davon berufliche Vorteile. Das ist laut der Studie ein viel niedrigerer Anteil als bei Freiwilligen in anderen Bereichen.

Wer sind die Helfer?

  • Vor allem Frauen engagieren sich für Flüchtlinge - ihr Anteil unter den Befragten machte rund 70 Prozent aus.

  • Die Helfer sind überdurchschnittlich gebildet, mehr als 88 Prozent der Studienteilnehmer haben Abitur oder Fachhochschulreife, rund 60 Prozent einen Studienabschluss.

  • Unter den Helfern ist der Anteil mit Migrationshintergrund höher als im Durchschnitt der Bevölkerung.

  • Oft wird über Flüchtlingshilfe in kleinen Gemeinden berichtet - die Studie hat einen anderen Trend ermittelt: Mehr als 35 Prozent der befragten Helfer lebte in Großstädten mit über 500.000 Einwohnern.

  • Ehrenamtliche Helfer im Flüchtlingsbereich sind meist relativ jung - zwischen 20 und 30 Jahre - oder bereits alt. Die mittlere Generation ist seltener engagiert.

Wie arbeiten die Helfer?

  • Die Menschen helfen oft spontan oder in Eigeninitiative. 40 Prozent der Befragten engagieren sich abseits von bereits bestehenden Organisationen und Vereinen.

  • Ein großer Teil der Arbeit besteht darin, Flüchtlinge bei Ämtern zu unterstützen, zu dolmetschen oder Formulare zu erklären - fast die Hälfte der Studienteilnehmer nannte diese Aufgabe. Nach Ansicht der Forscher weist dieses Ergebnis auf Missstände in den Behörden hin, die nicht ausreichend auf den Umgang mit Flüchtlingen eingestellt seien. "Dadurch, dass Ehrenamtliche Aufgaben übernehmen müssen, die oft durch eine mangelhafte Bereitschaft von Behörden im Umgang mit Flüchtlingen entstehen, wird ein großes zivilgesellschaftliches Potenzial vergeudet," so Olaf Kleist, einer der beiden Autoren der Studie.

  • Viele Ehrenamtliche geben Sprachunterricht, helfen bei der Wohnungssuche, bieten Fahrdienste an oder leisten Nachhilfe für Schüler.

Wie viel Zeit bringen die Helfer auf?

  • Laut der Studie investieren Flüchtlingshelfer deutlich mehr Stunden als der Durchschnitt der Ehrenamtlichen. Mehr als ein Drittel von ihnen sind demnach über fünf Stunden pro Woche tätig, rund 15 Prozent sogar über zehn Stunden.

Insgesamt, so folgern die Forscher, könnten die Flüchtlingshelfer in Deutschland noch viel mehr bewegen - wenn die Behörden effektiver arbeiten würden. Oder wenn bestehende Institutionen wie Kirchen oder Sportvereine, die Freiwilligen unterstützten.

"Ehrenamtliche in der Flüchtlingsarbeit leben vor, wovon Politiker seit einigen Jahren gerne reden, nämlich den Wandel hin zu einer Willkommensgesellschaft in Deutschland", so Studien-Mitautor Serhat Karakayali.


Zusammengefasst: Viele Menschen engagieren sich in Deutschland ehrenamtlich für Flüchtlinge. Laut einer neuen Studie sind unter den Helfern besonders viele Frauen, auch sind die meisten gebildet. Die Forscher kritisieren aber, dass viel Potenzial verschwendet wird, weil die Ehrenamtlichen Aufgaben übernehmen, die eigentlich die Behörden leisten müssten.

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