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Faktencheck: Die große Verwirrung um die Flüchtlingszahlen

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Flüchtlinge in Berlin: Erst die Registrierung, dann der Antrag

800.000 Flüchtlinge sollen in diesem Jahr nach Deutschland kommen. Aber was heißt das für die Zahl der Asylanträge? Offizielle Angaben sind widersprüchlich, hier die Aufklärung.

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Thomas de Maizière macht derzeit beinahe täglich neue Vorschläge zur Flüchtlingspolitik: Mal will der Bundesinnenminister über Geldleistungen für Asylbewerber diskutieren, dann droht er indirekt mit Grenzkontrollen. Zuletzt legte der CDU-Politiker eine Reihe von Regelungen vor, die die Abschiebung beschleunigen sollen.

Begründet wird das alles immer mit einer Zahl. "Wir rechnen damit, dass in diesem Jahr bis zu 800.000 Menschen als Asylbewerber oder Flüchtlinge zu uns kommen", sagte der Minister vor einigen Tagen bei der Vorstellung der neuen Prognose des Bundesamts Migration und Flüchtlinge (BAMF).

Die Zahl 800.000 ist seither ein Symbol für den rasanten Anstieg bei der Zuwanderung. De Maizière selbst betonte, bei der neuen Schätzung handele sich um "mehr als das Doppelte gegenüber der Frühjahrsprognose". Anfang Mai war die Rede davon, dass man in diesem Jahr insgesamt etwa 400.000 Erst- und 50.000 Folgeasylanträge erwarte. Das klingt wirklich nach einem besonders dramatischen Anstieg.

Nur: So einfach ist es nicht. Das BAMF, das dem Innenministerium untersteht, sagt nämlich: Die aktuelle Zahl lasse "sich nicht direkt mit der vorherigen Prognose über 450.000 Antragsteller vergleichen". Warum nicht? SPIEGEL ONLINE ist dem Zahlensalat auf den Grund gegangen.

Was verbirgt sich hinter der Zahl 800.000?

In der Prognose, die de Maizière zitiert, geht das BAMF "von einem Zugang von bis zu 800.000 in EASY registrierten Personen für das Jahr 2015 aus". EASY steht für ein Computersystem, mit dem die Behörde Asylsuchende bei ihrer Ankunft in einer Erstaufnahmeeinrichtung erfasst. Erst nach der Registrierung können Migranten einen Asylantrag stellen.

Wie das Bundesamt auf die Zahl 800.000 kommt, verrät die Behörde nicht. Maßgebliche Faktoren seien die Entwicklungen in den Hauptherkunftsländern, Informationen aus dem Gemeinsamen Analyse- und Strategiezentrum illegale Migration (GASiM), die Situation in den EU-Mitgliedstaaten, politische Maßnahmen in Deutschland oder die Trends und Erfahrungen aus den letzten Jahren.

Warum lassen sich die Prognosen nicht direkt vergleichen?

In seiner Prognose vom Mai sprach das BAMF von erwarteten Asylanträgen, im August nun ging es um die erwarteten EASY-Registrierungen. Deren Zahl liegt aber höher. Wer von einer Verdopplung der Asylbewerber spricht, vergleicht also Zahlen miteinander, die sich nicht direkt vergleichen lassen.

Wie kommt die Zahlenlücke zustande?

Zwischen der EASY-Registrierung und dem Asylantrag klafft eine Lücke. Bis die Neuankömmlinge offiziell Asyl beantragen, vergehen laut BAMF mitunter mehrere Wochen - oder gar Monate. Das Bundesamt begründet das mit den hohen Flüchtlingszahlen. Diese führen teils zu chaotischen Zuständen vor Ort und zu Kommunikationspannen zwischen den Einrichtungen und dem Bundesamt. Immer mehr Menschen leben folglich in Deutschland, deren Asylverfahren noch gar nicht gestartet ist. Vor allem aber mündet nicht jede Registrierung bei EASY in einen Antrag. Einige Flüchtlinge werden mehrfach erfasst oder verlassen das Land wieder. 2014 hatten 19,5 Prozent der Registrierten im selben Jahr keinen Asylantrag mehr gestellt.

Das Bundesamt hat seine Prognose nach eigenen Angaben umgestellt, weil die Länder wissen wollen, wie viele Menschen voraussichtlich ins Land kommen - und untergebracht werden müssen. Die jüngste Vorhersage von 800.000 Flüchtlingen ist daher schon ganz automatisch höher als die vergangenen. Sicher: Es kommen immer mehr Flüchtlinge nach Deutschland. Doch hätte man bereits im Mai die EASY-Registrierungen angegeben, wäre die Zahl wohl schon damals höher gewesen. Der Sprung zur jetzigen Prognose hätte weniger spektakulär gewirkt.

Wer ist schuld an der Verwirrung?

Nicht nur de Maizières Angaben waren missverständlich. Das BAMF schreibt noch heute auf seiner Webseite: "Bundesinnenminister Dr. Thomas de Maizière hat heute die überarbeitete Prognose für die Zahl der erwarteten Asylanträge vorgestellt." Auf Nachfrage korrigiert die Behörde die Information: "Die prognostizierte Zahl von 800.000 bezieht sich nicht auf die zu erwartenden Asylanträge in diesem Jahr, sondern auf die Anzahl der ankommenden Flüchtlinge in Deutschland."

Zahlreiche Medien (auch SPIEGEL ONLINE) hatten da jedoch die irreführenden Angaben bereits aufgegriffen. Weiter heißt es auf der BAMF-Website, "800.000 Asylbewerber" wären "etwa viermal so viele wie im Vorjahr". Absicht oder nicht: Die Behörde bleibt damit bei ihrem Verwirrspiel. Denn sie selbst prognostiziert ja nicht 800.000 Asylbewerber für dieses Jahr, sondern 800.000 Registrierungen im EASY-System. Tatsächlich gab es 2014 knapp 203.000 Asylanträge, nicht EASY-Registrierungen.

Was sagen die Experten?

Die Behördenangaben sorgen für Kritik. "Das BAMF vergleicht Äpfel mit Birnen", sagt Olaf Kleist, Migrationsforscher an der Universität Osnabrück. "Das ist alles andere als transparent." Sein Kollege Dietrich Thränhardt wird sogar noch deutlicher. Bislang habe das Innenministerium das Thema eher kleingehalten. Nachdem das völlig unglaubwürdig geworden sei, ändere es seine Kommunikationsstrategie und setze auf hohe Zahlen: "Das Bundesinnenministerium versucht davon abzulenken, dass es seine Kernaufgaben nicht erfüllt." Das Ministerium ging auf Anfrage nicht näher auf die missverständlichen Vergleiche ein.

Pro-Asyl-Geschäftsführer Günter Burkhardt sagt, der Anstieg bei den Asylbewerberzahlen dürfte weniger stark ausfallen als die vom BAMF suggerierte Vervierfachung. Allerdings müsse sich Deutschland durch die anhaltende Flucht aus Syrien oder aus dem Irak auf höhere Zahlen einstellen und "vor allem eine geeignete Integrationspolitik entwickeln". Prognosen halte er ohnehin für problematisch. "Flucht ist nicht steuerbar", sagte Burkhardt.

Zusammengefasst: Das Innenministerium stiftet Verwirrung mit seinen Prognosen zur Zahl der Flüchtlinge bzw. Asylantragsteller, die 2015 in Deutschland erwartet werden. Der rasante Sprung von 450.000 auf 800.000 Menschen erklärt sich damit, dass die erste Zahl zu erwartende Asylanträge meint, die zweite aber die Gesamtzahl der erwarteten Flüchtlinge. Ob die höhere Zahl am Ende tatsächlich stimmen wird, ist aber nicht absehbar.

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