Flüchtlingskrise Der Winter kommt

Noch immer kommen viele Flüchtlinge - und die Temperaturen fallen. Der nahende Winter stellt die Helfer vor neue, gewaltige Probleme: Dabei geht es nicht mehr nur um warme Kleidung und stabile Unterkünfte. Der Überblick.

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Noch zeigt sich der Herbst eher mild. Doch schon bald werden die Temperaturen nachts weiträumig unter den Gefrierpunkt sinken, Stürme durchs Land peitschen und flächendeckend wird Schnee fallen. Für die Hunderttausenden Flüchtlinge, die jetzt schon in Deutschland sind, wird es dann besonders hart. Das gilt erst recht für die Neuankömmlinge: Sie sind nach der langen Reise aus ihrer Heimat oft besonders geschwächt.

Der Winter wird die Flüchtlingskrise in Deutschland verschärfen, weil der Andrang fürs Erste hoch bleibt - anders als in den Jahren zuvor. In Syrien, im Irak, in Afghanistan herrscht eine Art Torschlusspanik: Nur rasch nach Europa, bevor vielleicht doch die Grenzen dichtgemacht werden. Und deshalb bedarf es zusätzlicher Anstrengungen, die Geflüchteten angemessen zu versorgen und unterzubringen.

Das weiß man im Kanzleramt, im Bundesinnenministerium, in den Staatskanzleien der Länder, den Rathäusern und Landratsämtern. Überall dort, wo die Krisenmanager sitzen. Doch es gibt noch weitere Hürden in den kommenden Monaten.

Die größten Probleme, die der Winter mit sich bringt:

  • Unterkünfte

Derzeit sind deutschlandweit 42.000 Flüchtlinge in Zelten untergebracht. Der Großteil dieser Behausungen ist "nicht winterfest". Was diese Wendung bedeutet, versteht nur, wer die Zustände vor Ort kennt: Schon an Herbsttagen bei fünf bis sieben Grad Celsius und hoher Luftfeuchtigkeit werden die Zelte zum Problem für ihre Bewohner.

Viele verbringen ganze Tage fröstelnd in ihre feuchten Decken gewickelt, werden krank, manche depressiv. Die immer klammen Zeltplanen riechen muffig, durch die Platten auf dem Boden dringt Schlamm.

Die Herausforderung, all diese Flüchtlinge in den nächsten Wochen in menschenwürdigen Behausungen unterzubringen, setzt Kommunen und Länder unter hohen Druck. Die Verantwortlichen sind unterschiedlich motiviert, ihre Lösungsansätze verschieden.

Während Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) ein dauerhaftes Ausweichen auf "aktiv genutzte Turnhallen" weiterhin ablehnt und stattdessen auf "hoffentlich winterfeste Zelte" setzt, geht Niedersachsen einen anderen Weg. Ein Sprecher des Innenministeriums hatte versprochen, dass spätestens Ende Oktober kein Flüchtling mehr in einem Zelt schlafen müsse und setzte dabei auf 1250 Schnellbauhütten.

Video: Aufblasbare Hallen als Flüchtlingsunterkunft

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In München betont der Sprecher des Sozialreferats, Zelte - auch "winterfeste" - seien ein absolutes No-Go. Stattdessen sucht die Behörde nach leer stehenden Immobilien, nutzt etwa die ehemalige Bayernkaserne und errichtet Container und Leichtbauhallen. Und wer weiß: Vielleicht kommen im Winter dann doch mehr Bürger auf die Idee, Flüchtlinge bei sich zu Hause unterzubringen.

  • Kleidung

Viele Flüchtlinge werden in Deutschland ihren ersten richtigen Winter erleben: Dafür brauchen sie vor allem warme Kleidung und festes Schuhwerk. Eigentlich ist die Versorgung Aufgabe des Staates, allerdings wurde schon in der Vergangenheit ein Großteil der Kleidung für Flüchtlinge über Spenden abgedeckt. Und auch jetzt gibt es vielerorts neue Aufrufe, Winterkleidung und Schuhe abzugeben.

Die Spendenbereitschaft ist enorm. Vor allem an Kleidung kam in den vergangenen Monaten so viel zusammen, dass teilweise nichts mehr angenommen werden konnte. Dennoch gilt weiterhin: Insbesondere für kleine Kinder und Säuglinge sowie ältere Menschen, die also besonders kälteempfindlich sind, wird es großen Bedarf geben.

  • Impfungen

In Hamburg hat man sich schon mal eingedeckt: 10.000 Impfdosen gegen Grippe wurden von der Gesundheitsbehörde der Hansestadt kürzlich geordert, die ab Anfang November Flüchtlingen verabreicht werden sollen. Diese können sich dann in den Erstaufnahmelagern oder Wohneinrichtungen gegen Influenza impfen lassen.

Da viele Flüchtlinge stark geschwächt in Deutschland eintreffen und dann auf engem Raum miteinander leben, ist in den Wintermonaten die Anfälligkeit für Grippe besonders hoch.

Bundesländer, die nicht wie Hamburg rechtzeitig bestellt haben, könnten Probleme bekommen: So berichtete die "Welt" kürzlich von zu erwartenden Engpässen bei Impfstoffen.

Grundsätzlich werden die Flüchtlinge in Deutschland nach der Ankunft in den Erstaufnahmeeinrichtungen medizinisch untersucht und nach hiesigem Standard durchgeimpft. Die Grippeimpfung ist darin allerdings nicht enthalten.

Impfung im Berliner Lageso: Besonders die Grippe könnte Probleme bereiten
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Impfung im Berliner Lageso: Besonders die Grippe könnte Probleme bereiten

  • Freiwillige Helfer

Seit Monaten sind deutschlandweit Tausende ehrenamtlich im Einsatz, um Flüchtlingen zu helfen. Doch die Anzeichen von Erschöpfung mehren sich. Viele Menschen müssen in den Beruf zurück, können nicht auf Dauer abends, nachts, am Wochenende bereitstehen.

Ein Beispiel: Im Inntal an der Grenze zu Österreich ist Rotkreuz-Mann Michael Gruber täglich für die Flüchtlinge da. Seit am 14. September der erste Treck kam, ist Freizeit für Gruber ein Fremdwort. Selten kommt er in der Woche vor 22 Uhr nach Hause, am Wochenende übernimmt er als Campleiter in den Orten Simbach und Ering mindestens eine Zwölf-Stunden-Schicht. Kaum einmal gönnt er sich zwischendurch einen freien Tag.

Noch immer treffen dort täglich 1500 bis 2000 Flüchtlinge ein. Bevor sie in Bussen weiterfahren, kümmern sich neben Bundespolizei und Bundeswehr Ehrenamtliche um die Menschen. Rund um die Uhr geben sie Brot, Tee und Wasser aus, reichen Decken und weisen Plätze in Zelten zu.

"Am Anfang dachten wir: Nach ein oder zwei Wochen ist das vorbei", sagt Gruber. Jetzt wäre es "nicht schlecht, wenn es morgen zu Ende wäre". Man bekomme mehr und mehr Probleme, für die Einsatzpläne genug Freiwillige zu finden. Bis Weihnachten, schätzt Gruber, könne man im bisherigen Umfang helfen. Danach werde es kritisch.

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  • Konflikte

In den vergangenen Wochen ist es in Flüchtlingsunterkünften immer wieder zu Gewalt gekommen, zuletzt gab es im baden-württembergischen Aichtal Handgreiflichkeiten unter Bewohnern eines Flüchtlingsheims. Mal geht es um ein gestohlenes Handy, mal um Animositäten unter Vertretern verschiedener Glaubensrichtungen. Auch lange Schlangen bei der Essensvergabe sorgten schon für Prügeleien.

Das Phänomen heißt: Lagerkoller. Zu viele Menschen, die längere Zeit auf begrenztem Raum zusammen sind - da entstehen Spannungen. Und diese Spannungen dürften in den kommenden Monaten eher noch zunehmen. Wenn es draußen kalt ist, stürmt und schneit, werden die Flüchtlinge noch mehr Zeit in ihren Unterkünften zubringen. In manchen Bundesländern will man deshalb im Winter mehr sozialpädagogisches Personal zur Verfügung stellen.

Doch es gibt noch ein weiteres Gewaltproblem in den Flüchtlingseinrichtungen: Immer wieder kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen Sicherheitspersonal und Flüchtlingen wie vor Kurzem im Berliner Lageso. Auch das dürfte sich in den Wintermonaten verstärken. Die Sicherheitsleute sind oft unzureichend geschult, mit zunehmenden Spannungen unter den Flüchtlingen werden sie besonders unter Druck stehen.

  • Politischer Ärger

Viele Kommunen fühlen sich seit Monaten überfordert, 215 Bürgermeister aus Nordrhein-Westfalen haben gerade erst einen Protestbrief an die Kanzlerin geschickt: Sie kommen sich wie Dauer-Krisenmanager vor, die gemeinsam mit ihrer Verwaltung jeden Tag überlegen müssen, wie die Unterbringung, Verpflegung und Betreuung immer neuer Flüchtlinge zu bewerkstelligen ist.

Die Belastung führt zu sehr unterschiedlichen Reaktionen: Die einen kapitulieren, die anderen legen sich erst recht ins Zeug. Zu letzterer Gruppe gehört beispielsweise der Nürnberger Oberbürgermeister Ulrich Maly, der gerade erst einen neuen Handlungskatalog für Kommunen zur Bewältigung der Krise vorlegt hat. Und es gibt viele weitere positive Fälle.

Allerdings wurden jüngst auch Beispiele von Kommunen bekannt, die sich der Flüchtlingsaufnahme kategorisch verweigern: So kündigte der Bürgermeister von Börgerende-Rethwisch im Landkreis Rostock an: "Ich will in meiner Gemeinde keine Flüchtlinge haben." Die Begründung von CDU-Mann Horst Hagemeister: "Sie könnten unsere Feriengäste abschrecken."

Ganz so weit will man im Landkreis Herzogtum Lauenburg in Schleswig-Holstein zwar nicht gehen, aber auch dort rebellieren die Ortsvorsteher: Um eine Erstaufnahmestelle für 1500 Menschen zu verhindern, erwarben elf Lauenburger Gemeinden das Gelände, um dort selbst in viel geringerem Maße Unterkünfte für Flüchtlinge zu bauen.

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