Experten-Prognose für 2016 "Eine Million Syrer könnten nach Europa kommen"

Die Kämpfe um Aleppo treiben Zehntausende zur Flucht. Auf Europa kommen erneut hohe Flüchtlingszahlen zu, warnt der französische Syrien-Experte Fabrice Balanche.

Serbische Grenze: Syrer, Iraker und Afghanen warten auf die Weiterreise
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Serbische Grenze: Syrer, Iraker und Afghanen warten auf die Weiterreise

Ein Interview von


Zur Person
  • privat
    Fabrice Balanche ist außerordentlicher Professor und Forschungsleiter an der Universität Lyon 2 und derzeit Gastwissenschaftler am renommierten außenpolitischen US-Think-Tank "The Washington Institute". Er hat zehn Jahre im Libanon und in Syrien gelebt.
SPIEGEL ONLINE: Viele Syrer fliehen derzeit wegen der russischen Bomben auf die Region Aleppo zur türkischen Grenze. Was will der Kreml erreichen?

Fabrice Balanche: Russland will die Zivilisten zur Flucht drängen und sie so von den Milizionären trennen. Das ist eine Strategie zur Aufstandsbekämpfung. Die Menschen hasten an die Grenze, weil sie nicht mehr wissen, wohin sie in Syrien fliehen sollen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es Zahlen, wie viele Menschen seit Beginn der russischen Intervention Ende September fliehen mussten?

Balanche: Die Uno-Behörde für die Koordinierung humanitärer Hilfe (OCHA) schätzt, dass mindestens 300.000 Menschen in den letzten vier Monaten fliehen mussten - und das ausschließlich im Nordwesten Syriens.

SPIEGEL ONLINE: Werden nun auch die Rebellen fliehen, die Assad bisher bekämpften?

Balanche: Das kommt auf die Person an. Manche Kämpfer werden gehen - in die Türkei oder nach Europa. Denn sie wissen, dass sie verlieren werden. Andere werden sich radikaleren Milizen anschließen. Das ist oft auch eine Frage des Geldes und weniger der Ideologie.

SPIEGEL ONLINE: Fliehen Zivilisten auch in die vom "Islamischen Staat" kontrollierten Gebiete?

Balanche: Die Menschen fliehen dahin, wo sie unterkommen können - also dahin, wo sie Familie haben. Wenn sie Verwandte in Rakka haben, gehen sie dorthin. Aber das ist sehr schwierig, auf dem Weg dorthin gibt es Gefechte. Sie müssen einen großen Umweg machen.

SPIEGEL ONLINE: Welches Interesse hat Syriens Präsident Baschar al-Assad daran, dass die syrische Bevölkerung das Land verlässt?

Balanche: Aus militärischer Sicht ist es dieselbe Strategie zur Aufstandsbekämpfung wie die Russlands. Aber für Assad sind die Flüchtlinge auch eine Waffe gegen die Türkei, Jordanien und Europa. Diese Waffe kann bewirken, dass Europa aufhört, Assads Rücktritt zu verlangen. Hinzu kommt ein weiterer Aspekt: Viele Flüchtlinge sind Sunniten. Ein paar Millionen Sunniten außer Landes zu drängen, ist für Assad ein Mittel, die demografische Balance des Landes zu verändern und das Gewicht der Minderheiten in den Gegenden zu erhöhen, die er kontrolliert. In manchen zurückeroberten Regionen wie in Al-Qusair ist es den Flüchtlingen ja sogar verboten zurückzukehren.

SPIEGEL ONLINE: Kann man von einer sogenannten ethnischen Säuberung sprechen?

Balanche: Ich würde sagen, es gibt eine konfessionelle Politik: In der sunnitischen Bevölkerung ist die Unterstützung der Opposition höher. Und Menschen, die dort leben, wo die Opposition unterstützt wurde, die werden vertrieben.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben die syrischen Christen als Sonderfall bezeichnet. Warum?

Balanche: Die Christen sind relativ betrachtet am stärksten betroffen: 40 Prozent haben Syrien verlassen. Das liegt an mehreren Faktoren. Die Christen sind in ganz Syrien verstreut. Sie haben keine Hochburgen, in die sie sich zurückziehen können wie die anderen Minderheiten. Sie standen sofort unter Druck in Rebellengebieten durch Beschuldigungen, sie würden das Regime unterstützen. Mit dem Aufstieg der Radikalen wurden sie direkt zum Ziel. Dazu kommt, dass schon immer viele Christen emigriert sind, das heißt, sie haben Netzwerke im Ausland - einen Bruder, einen Sohn - die ihnen helfen können.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Syrer werden dieses Jahr nach Europa kommen?

Balanche: Allein von den Kämpfen um Aleppo sind zwei Millionen Menschen betroffen. Dazu muss man all diejenigen hinzuzählen, in Städten wie Latakia, Tartus und im Zentrum von Damaskus, die nicht von Gefechten betroffen sind, aber von der sich verschlechternden Wirtschaftslage. Dazu kommt der Familiennachzug. Wenn die derzeitige Tendenz anhält, werden dieses Jahr eine Million Syrer in Europa ankommen. Letztes Jahr waren es 500.000. (Anm. der Redaktion: Laut Frontex gab es 2015 im östlichen Mittelmeer rund 500.000 Grenzübertritte von Syrern nach Europa. In Deutschland wurden 428.000 Syrer im Erstregistriersystem Easy erfasst, 162.000 stellten einen Asylantrag).

SPIEGEL ONLINE: Aber derzeit macht die Türkei die Grenze zu Syrien dicht.

Balanche: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan versperrt den Syrern den Zugang aus strategischen Gründen. Er will mehr Geld von der Europäischen Union. Es ist auch ein zynisches Mittel, um zu verhindern, dass Russland direkt die Grenzregion bombardiert. Er möchte weiterhin den Rebellen Waffen liefern können, und die Flüchtlinge sind wie ein menschliches Schutzschild. Klar ist: Erdogan wird die Grenze nicht ewig geschlossen halten können. Außerdem gibt es immer andere Wege, um reinzukommen.

SPIEGEL ONLINE: Reicht es aus, wenn Europa Syriens Nachbarländern mehr Geld gibt, um die Zahl der Flüchtlinge nach Europa zu reduzieren?

Balanche: Das reicht nicht. Das Geld wird den Nachbarländern lediglich erlauben, Aufstände der Flüchtlinge zu verhindern. Aber deren Lebensbedingungen sind so viel schlechter als die derjenigen, die nach Europa geflohen sind, dass es nicht möglich sein wird, die Wanderungsbewegungen zu stoppen. Zudem werden mit der Zusammenführung von Familien - auf offiziellen und inoffiziellen Wegen - ohnehin Tausende kommen. Migration ist eine Familienstrategie.

SPIEGEL ONLINE: Was könnte Europa denn sonst tun?

Balanche: Es wird notwendig sein, den Familiennachzug für Flüchtlinge zu beschränken, obwohl dies ein im europäischen Recht verankertes Menschenrecht ist, sowie die Sozialleistungen zu beschränken. Wenn dies nicht geschieht, werden die Wanderungsbewegungen anhalten. Das ist auf Dauer nicht haltbar.

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