Gedenktag für Vertriebene Gauck mahnt Deutsche zu mehr Offenheit für Flüchtlinge 

Zum ersten Gedenktag für Opfer von Flucht und Vertreibung hat Joachim Gauck Europa ins Gewissen geredet: Es sei moralische Pflicht, Flüchtlinge vor dem Tod im Mittelmeer zu schützen. Gerade die Deutschen sollten sich um Verständnis bemühen.

Flüchtlinge vor der Küste Libyens: "Schutz zu gewähren ist nicht verhandelbar"
REUTERS

Flüchtlinge vor der Küste Libyens: "Schutz zu gewähren ist nicht verhandelbar"


Mehr als 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat Bundespräsident Joachim Gauck die Deutschen aufgefordert, aus der bitteren Erfahrung mit Flucht und Vertreibung von damals heraus großherziger gegenüber heutigen Flüchtlingen zu sein. "Ich wünschte, die Erinnerung an die geflüchteten und vertriebenen Menschen von damals könnte unser Verständnis für geflüchtete und vertriebene Menschen von heute vertiefen", sagte Gauck am Samstag bei der zentralen Gedenkfeier im Historischen Museum in Berlin.

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Heft 26/2015
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"Wir stehen vor einer großen Herausforderung, einer Herausforderung von neuer Art und neuer Dimension", sagte Gauck. Es sollte eine selbstverständliche moralische Pflicht aller Staaten Europas sein, Flüchtlinge vor dem Tod im Mittelmeer zu retten und Menschen eine sichere Zuflucht zu gewähren. "Einen derartigen Schutz halte ich nicht für verhandelbar", betonte Gauck. Dies sei so lange verpflichtend, bis diese Menschen gefahrlos in ihre Heimat zurückkehren oder hierzulande oder anderswo sicher leben könnten.

Bei der Gedenkrede zog Gauck explizit eine Verbindungslinie zwischen den deutschen Flüchtlingen vor sieben Jahrzehnten und den heutigen Flüchtlingen, die über das Mittelmeer oder auf dem Landweg in die EU kommen wollen. "Auf eine ganz existenzielle Weise gehören sie nämlich zusammen - die Schicksale von damals und die Schicksale von heute", sagte das Staatsoberhaupt laut vorab verbreitetem Redetext.

Umgekehrt könne "die Auseinandersetzung mit den Entwurzelten von heute unsere Empathie mit den Entwurzelten von damals fördern". Gauck erinnerte an das furchtbare Leid von Millionen deutschen Kriegsflüchtlingen zum Beispiel aus Ostpreußen, Pommern, Böhmen, Schlesien und Mähren - ein Albtraum aus Erschöpfung, eisiger Kälte, Wehrlosigkeit, Vergewaltigung und Tod. Oft spürten Heimatvertriebene eine lebenslange Wunde, ihr Kummer sei lange zu wenig beachtet worden.

So viele Menschen entwurzelt wie seit 70 Jahren nicht

Heimatverlust sei weitgehend als vermeintlich zwangsläufige Strafe für deutsche Verbrechen akzeptiert worden, kritisierte Gauck. So wie anfangs das Leid von Deutschen die deutsche Schuld übertönen sollte, sei dann im Bewusstsein der Schuld jedes Mitgefühl für Opfer verloren gegangen. Insgesamt hätten am Ende des Zweiten Weltkriegs zwölf bis 14 Millionen Deutsche durch Flucht und Vertreibung ihre Heimat verloren. Die Bevölkerung in beiden Teilen Deutschlands sei um nahezu 20 Prozent gewachsen.

"Das sollten wir uns gerade heute wieder bewusst machen: Flucht und Vertreibung verändern nicht nur das Leben der Aufgenommenen, sondern auch das Leben der Aufnehmenden", sagte Gauck. Er rief die Bundesbürger auf, "Offenheit für das Leid des Anderen" zu zeigen. Dies führe zu Verständnis und Nähe. "Daran sollten wir auch heute denken, wenn in unserem Ort, in unserem Stadtteil oder in unserer Nachbarschaft Fremde einquartiert werden, die des Schutzes bedürfen." Noch nie seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs seien so viele Menschen entwurzelt gewesen.

Rund 25.000 Menschen sind nach Schätzungen in den vergangenen 15 Jahren im Mittelmeer ums Leben gekommen. Im aktuellen SPIEGEL kritisiert EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker scharf die Flüchtlingspolitik der EU-Staats- und Regierungschefs. (Lesen Sie hier die ganze Geschichte im neuen SPIEGEL.)

"Es reicht nicht, abends vor den Fernsehschirmen zu weinen, wenn Menschen im Mittelmeer ertrinken, und am nächsten Morgen im Rat eine Gedenkminute abzuhalten", sagte Juncker.

fdi/dpa/AFP

insgesamt 281 Beiträge
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Seite 1
tolate 20.06.2015
1.
Der Bundespräsident wird es schwer haben, mit dem Hinweis auf die deutschen Heimatvertrebenen als Folge der deutschen Niederlage im Zweiten Weltkrieg eine positive Stimmung für die Aufnahme weiterer Flüchtlinge zu schaffen.
secretsurf 20.06.2015
2. und wir sollten...
... Herrn Gauck mal auffordern die rosarote Gutmenschenbrille abzusetzen und die Realität persönlich in Augenschein zu nehmen.
Hilfskraft 20.06.2015
3. unfair ...
ZITAT:" Gauck erinnerte an das furchtbare Leid von Millionen deutschen Kriegsflüchtlingen zum Beispiel aus Ostpreußen, Pommern, Böhmen, Schlesien und Mähren ... ENDE Lieber Herr Gauck, das waren damals alles deutsche Bürger, die in ihren neuen Heimaten auch nicht mit offenen Armen empfangen wurden. Es gab damals halt so ne und so ne, meist gab es aber so ne, die den Neuen das Leben extrem schwer machten. Unfair von Ihnen also, alles in einen Pott zu schmeissen. Zeugt nicht gerade von Feingefühl, sondern Populismus.
nutty.nihilist 20.06.2015
4. Mein Verdacht
geht in eine ganz andere Richtung: Die staatlich-kapitalistischen Stellen wollen viel mehr Ausländer in's Land bringen, um die Löhne zu drücken und die Arbeiterschaft moralish zu schwächen. Dazu bedient man sich der illegalen Einwanderer, die man, um die Humanität der Europäer zu misbrauchen, "Flüchtlinge" nennt. Dann lässt man eben mal ein paar zehntausend von denen gezielt im Mittelmeer ersaufen, um durch die Medien Schuldgefühle bei Papa Hans und Mamma Ingrid zu erzeugen. Ich denke, die EU Lässt die Illegalen Einwander im Mittelmeer gezielt deshalb absaufen, um hier in Europa, vor allem Deutschland, die Stimmungslage zu manipulieren. Die Mittel, sie zu retten und zurückzuführen, hat man ja.
kassandraa 20.06.2015
5. sehr geehrter Hr.Gauck
Das waren wirkliche Flüchtlinge die man aus ihrer Heimat vertrieben hat und die sind im eigenen Land geblieben, das ebenfalls zerstört war,die haben sich nicht in ein gemachtes Nest gesetzt sondern haben das Land wieder aufgebaut und zum Wohlstand gebracht; Was jetzt hier passiert hat nicht das geringste mit damals zu tun,sondern ein zu 99% ein Mißbrauch des Asyl auf kosten der deutschen Bevölkerung!"
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