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Asyldebatte: Wie der Hass auf Flüchtlinge das Netz infiziert

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Protest vor Flüchtlingsheim in Freital: Dutzende auf der Straße, Tausende im Netz Zur Großansicht
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Protest vor Flüchtlingsheim in Freital: Dutzende auf der Straße, Tausende im Netz

Pegida und der AfD drohen das Ende, viele Islamhasser und Zuwanderungsgegner formieren sich woanders: Im Internet vernetzen sich Zehntausende in Foren, auf Facebook und über YouTube. Doch es wird auch laut widersprochen.

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Sie tragen Glatzen und Sonnenbrillen, und sie tragen ein Liedchen vor: "Wir gehen auf die Straße, um dieses System zu stürzen", krächzt der eine ins Mikro, "Brüder dieser Welt vereinigt euch - und Zion fällt". Patrick Killat soll der Sänger heißen, seine Band nennt sich "A3stus".

Zusammen mit seinem Gitarristen verbreitet der Kapuzenpulli-Barde diese antisemitischen Zeilen im sächsischen Örtchen Freital - dort, wo seit Wochen Rechte gegen ein Flüchtlingsheim Stimmung machen. "Nein zum Heim" steht auf einem Plakat hinter der Zwei-Mann-Band, daneben schwenkt ein Dritter seine Deutschland-Fahne. Im Hintergrund klatschen ein paar Leute.

Screenshot aus "A3stus"-Video: "Vereinigt euch - und Zion fällt" Zur Großansicht

Screenshot aus "A3stus"-Video: "Vereinigt euch - und Zion fällt"

Ein belangloses Mini-Konzert rechter Fanatiker, könnte man meinen. Doch eine Aufnahme des fragwürdigen Auftritts wurde ins Netz gestellt, und dort erfreut sich der Song namens "Für unsere Kinder" enormer Beliebtheit: Mehr als 38.000 Mal teilten User den Clip auf Facebook, bei YouTube schauten sich Nutzer rund 300.000 Mal die diversen Versionen des Musikvideos an. Ein Einzelfall? Im Gegenteil.

Auf der Straße ist die Pegida-Protestwelle verebbt, die rechtspopulistische AfD zerlegt sich seit Monaten selbst - nun organisieren sich Ausländerfeinde, Islamhasser und rechte Verschwörungstheoretiker umso gezielter im Netz: Über Foren, Blogs und soziale Netzwerke verabreden sie ihre Aktionen - vor allem aber gewinnen sie dort neue Anhänger für ihre menschenfeindlichen Ideen.

Das Konzept geht offenbar auf. Bei den Protesten in Freital waren viele Bürger dabei, die sich vehement von Pegida und Rechtsextremen abgrenzten: Sie hätten halt nur was gegen Asylbewerber, Muslime, Fremde. Warum sie zum Flüchtlingsheim ziehen? "Haben wir auf Facebook gelesen", hieß es dann immer wieder.

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Freital in Sachsen: Aufmarsch vor dem Flüchtlingsheim
Tatsächlich tummeln sich Tausende in rechten Foren und auf dubiosen Fanseiten: "Deutscher Patriotischer Widerstand" oder "Nationalreaktionärer Widerstand" heißen die radikalen Varianten. Im gemäßigten Gewand kommen Gruppen in sozialen Netzwerken mit Namen wie "Bürger sagen Nein" daher. Gemein haben sie alle eines: Sie streuen dumpfe Vorurteile, rechtes Gedankengut - oder einfach nur blanken Hass.

Dieser Trend hat bedenklich zugenommen. Die Organisation jugendschutz.net, die 1997 von den Bundesländern gegründet wurde, warnt seit Jahren davor, dass vor allem in sozialen Medien immer unverhohlener Hass verbreitet wird. Aber nicht nur in Deutschland, sondern auf dem ganzen Kontinent nehme die Verbreitung von Gewaltaufrufen und rechten Tiraden im Internet dramatisch zu, klagt der Europarat. Vor allem Antisemitismus, Rassismus und Islamfeindlichkeit würden auf diese Weise gestreut, heißt es im Jahresbericht des Ausschusses gegen Rassismus und Intoleranz (ECRI). Unter anderem gibt es demnach eine "wachsende Sympathie" für rechtsextreme Gruppen im Netz, Holocaust-Leugnung inklusive. Das ist erschreckend - doch der Hass bleibt nicht unwidersprochen.

Denn seit den Anschlägen auf Asylbewerberheime etwa in Tröglitz und Solingen vernetzen sich in Deutschland vermehrt auch Gegenbewegungen. Allein für Freital existiert inzwischen ein halbes Dutzend Facebook-Gruppen zugunsten der Flüchtlinge - etwa "Freital Nazifrei", die "Organisation für Weltoffenheit und Toleranz", das "Willkommensbündnis Freital". Zu solchen Initiativen, die es auch in vielen anderen Städten gibt, kommen kreative Ideen wie die Sammlung islamfeindlicher Kommentare oder dumpfer Naziparolen in Blogs und Foren.

Und das Ringen um Sympathisanten im Netz dürfte noch lange nicht am Ende sein: Die Zahl der Flüchtlinge in der Bundesrepublik steigt weiter an und damit wohl auch die fremdenfeindliche Online-Polemik. Einen Vorgeschmack auf den Tonfall rechtsextremer Akteure in dieser digital geführten Auseinandersetzung haben die Musiker von "A3stus" erst neulich wieder geliefert: "Millionen gehen heute in Antirassismus-Kampagnen", grölen sie in einem neuen Song: "Was ist das Nächste - Zyankali in Lasagnen?"


Zusammengefasst: Die Pegida-Bewegung und die AfD stehen als islamkritische Bewegungen vor dem Scheitern, umso mehr vernetzen sich Asylgegner und rechte Hetzer online. Seit dem vergangenen Jahr hat dem Europarat zufolge die Polemik gegen Muslime und Ausländer im Internet deutlich zugenommen. In Deutschland organisieren sich aber auch Gegeninitiativen in Foren, Blogs und auf Facebook.

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Hilfe beim Helfen

Wer als ehrenamtlicher Helfer Flüchtlingen Deutsch beibringen, Flüchtlingskinder betreuen oder sie zu Behörden begleiten will, kann sich hier melden: muenchner-mentoren.de in München, koeln-freiwillig.de in Köln, Xenion in Berlin.

In Berlin können sie hier Sachspenden loswerden: Landesamt für Gesundheit und Soziales, Telefon: 030 - 902293040, Email: spenden@lageso.berlin.de.

In München können Sie sich auf dieser Website informieren, wie sie helfen können: willkommen-in-muenchen.de.

In Hamburg finden freiwillige Helfer hier Informationen: BürgerStiftung Hamburg.

Wer Flüchtlinge zuhause aufnehmen will, findet hier Unterstützung und Informationen: Evangelisches Jugend- und Fürsorgewerk (EJF) oder bei der Initiative "Flüchtlinge Willkommen".

Diese Website sammelt bundesweit Hilfsprojekte und -innitiativen für Flüchtlinge in Deutschland: Wie-kann-ich-helfen.info.



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