Bayerisch-österreichische Grenze "Wir sind froh, wenn die Menschen nach Deutschland wollen"

Rau ist der Ton zwischen Bayern und Österreich in der Flüchtlingskrise. Doch im direkten Grenzgebiet läuft es erstaunlich harmonisch. Man hat dort eine andere Schuldige ausgemacht.

AP/dpa

Aus Wegscheid, Niederbayern, berichtet


Es gibt hier den "Western Saloon Oklahoma", der immer nur freitags öffnet und "Bayern-Pizza" serviert. Gegenüber, beim Verein "Deutsche Schäferhunde SV" sammelt sich Staub auf den Pokalen aus den Neunzigerjahren.

So sieht es aus am Grenzübergang vom bayerischen Wegscheid rüber nach Österreich. Ein verschlafener Winkel in Niederbayern.

Seit ein paar Tagen allerdings erleben die Menschen in der Marktgemeinde mit 5500 Einwohnern die Auswirkungen globaler Entwicklungen, die sie sonst nur aus den Fernsehnachrichten kennen.

Da ist zum Beispiel Lothar Venus, der zweite Bürgermeister. Am Mittwoch steht er auf einer kleinen Brücke an der Grenze, hat sich seine Uniform von der Freiwilligen Feuerwehr übergezogen und spricht in sein Handy: "Wir kriegen gerade die nächste Lieferung." Der Mann von der Bürgerunion Wegscheid, einer freien Wählergemeinschaft, meint die aus Österreich ankommenden Flüchtlinge.

Ein paar Meter weiter zählt ein Beamter der Bundespolizei laut und sorgfältig ab, als eine Gruppe von Menschen die letzten Meter bis zum bayerischen Staatsgebiet zurücklegt: 87, 88, 89, 90. Und immer so weiter. Bei 211 macht er Schluss. So viele Flüchtlinge dürfen fürs Erste über die Grenze nach Deutschland, bis wenig später die nächste Gruppe folgen soll.

Tee, Suppe und dann weiter

Die Flüchtlinge kommen mit Bussen aus allen Landesteilen Österreichs hier an die Grenze. Menschen aus Syrien, Afghanistan und anderen Krisenregionen, junge Männer wie der 25-jährige Osama aus Damaskus, der die Hoffnung hat, in Deutschland "gute Arbeit" zu finden. Auch viele Frauen mit kleinen Kindern sind unter den Flüchtlingen. Insgesamt werden mindestens 2000 an diesem Tag erwartet.

Der Ablauf ist immer gleich: Auf österreichischem Staatsgebiet steigen die Flüchtlinge aus, werden mit dem Nötigsten versorgt, trinken Tee, löffeln Suppe aus Plastiktellern und werden dann von österreichischen Polizisten und Dolmetschern bis zur Brücke gebracht. Dort warten sie, bis die deutschen Sicherheitsbeamten übernehmen.

Zuletzt hatte die große Zahl von Flüchtlingen zu einer erheblichen Missstimmung zwischen den Regierungen in Wien und München geführt. Bayerns Vorwurf: Wien würde die Flüchtlinge ohne Absprache an die grüne Grenze bringen. "Das können wir uns von niemandem gefallen lassen", hatte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) gesagt.

Am Mittwoch schloss sich Bundesinnenminister Thomas de Maizière dieser Kritik an. Das ist deshalb bemerkenswert, weil de Maizière damit das erste CDU-Mitglied der Bundesregierung ist, das CSU-Chef Horst Seehofer in diesem Konflikt stützt. Österreich habe Flüchtlinge unkoordiniert an die deutsche Grenze gebracht, sagte also de Maizière, das sei "nicht in Ordnung" gewesen.

In Wegscheid und dem österreichischen Nachbarort Kollerschlag ist von diesen bilateralen Differenzen kaum etwas zu spüren, auch wenn die Region seit einigen Tagen zum Nadelöhr auf dem Weg vieler Flüchtlinge über die Türkei nach Mittel- und Nordeuropa geworden ist.

Die Zusammenarbeit funktioniere ordentlich, betonen deutsche und österreichische Sicherheitskräfte an der Grenze.

Noch herzlicher ist die Stimmung zwischen den Lokalpolitikern: Lothar Venus wird am Mittwochmorgen im Gemeindeamt Kollerschlag freundlich von Franz Saxinger empfangen, dem Bürgermeister des österreichischen Ortes. Seit Jahren pflegen Wegscheid und Kollerschlag enge Freundschaft, es gibt gemeinsame Sportveranstaltungen und Gemeinderatssitzungen.

"Wir sind ein kleines Land"

Das vergiftete Klima zwischen Wien und München soll für Venus und Saxinger keine Folgen haben: "Wir lassen keinen Keil zwischen uns treiben", sagt Venus. Einig sind sich die beiden darin, dass weder Wien noch München den Schlüssel für die Lösung der Flüchtlingskrise in den Händen halten. Es müsse endlich innereuropäische Solidarität geben. Und dann betonen beide, dass ein zentraler Fehler begangen worden sei, der den Flüchtlingsdruck erhöht habe: Als Angela Merkel diesen einen Satz gesagt habe - "wir schaffen das".

Diese Sichtweise teilen im bayerisch-österreichischen Grenzgebiet einige, etwa jener österreichische Polizist, der am Mittwoch eine Straßensperre kontrolliert: "Das sind eure Flüchtlinge", sagt er dem deutschen Gesprächspartner, Merkel habe sie schließlich herbeigerufen. Zwar räumt er freimütig ein, dass Österreich sich die Sache derzeit "ziemlich leicht" mache - anderseits: "Wir sind auch ein kleines Land und deshalb froh, wenn die Menschen weiter nach Deutschland wollen."

Merkel habe die Tore geöffnet: Das ist genau der Vorwurf, den Horst Seehofer - dessen Land mit der Aufnahme der Flüchtlinge ja fraglos eine große Last trägt - seit Wochen gegen Berlin erhebt. Und seit Wochen fordert er Merkel auf, ein gegenteiliges Signal zu senden. Seine Botschaft: Merkel ist schuld, also kann Merkel das Problem auch in den Griff bekommen.

Das ist ein bisschen simpel. Aber weil es so einfach klingt, hat es sich offenbar bis ins österreichisch-bayerische Grenzgebiet verbreitet.

Am Mittwoch forderte Seehofer erneut ein Einlenken Merkels in der Flüchtlingskrise, am Wochenende gibt es ein Spitzentreffen der beiden gemeinsam mit SPD-Chef Sigmar Gabriel in Berlin. Und die "Bild"-Zeitung spekuliert derweil ein bisschen über den Rückzug der CSU-Minister aus dem Bundeskabinett.

Klar ist: Die Stimmung zwischen Seehofer und Merkel ist so gereizt wie nie. Die Bürgermeister von Wegscheid und Kollerschlag konnten dagegen am Mittwoch einen weiteren Erfolg verzeichnen. Sie setzten ihre Unterschriften unter ein neuerliches gemeinsames Projekt und wünschten sich dafür alles Gute.

Zum Autor
Jeannette Corbeau
Björn Hengst ist Redakteur bei SPIEGEL ONLINE und Korrespondent in München.

E-Mail: Bjoern_Hengst@spiegel.de

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