S.P.O.N. - Im Zweifel links Angst müssen Seele nicht aufessen

Kommen mit den Flüchtlingen die Terroristen? Droht die Islamisierung des Abendlandes? Ruhig, Brauner! Deutschland wird Einwanderungsland. Und Angela Merkel ist ein Vorbild - nicht nur für die Deutschen.

Eine Kolumne von


Angela Merkel ist nicht bekannt für die klare Rede. Sie bezieht selten Position. Und selten bleibt ein Satz Erinnerung. Aber in der vergangenen Woche, da ließ sie es an Deutlichkeit nicht fehlen.

Es ging um die Angst vor der Islamisierung, und die Bundeskanzlerin schrieb uns allen eine Lektion der Vernunft ins Stammbuch - die sollte jeder beherzigen, dem die Furcht vor den Fremden die Sinne benebelt. Denn, in Abwandlung des Fassbinder-Titels: Angst müssen Seele nicht aufessen!

Die Kanzlerin war in Bern. Sie nahm dort einen Ehrendoktortitel in Empfang. Danach gab es die Gelegenheit Fragen zu stellen. Eine Zuhörerin sagte, mit den Flüchtlingen kämen lauter Muslime nach Europa und es herrsche eine große Angst vor der Islamisierung. Sie fragte die deutsche Bundeskanzlerin: "Wie wollen Sie Europa in dieser Hinsicht und unsere Kultur schützen?" (Sehen Sie hier das Originalvideo vom SRF: Merkel über die Angst vor einer Islamisierung)

Angst ums Abendland? Selber schuld. So formulierte die Kanzlerin ihre Antwort nicht. Aber das war die Botschaft.

Wer sich um die Kultur des Abendlandes sorge, der solle sich um diese Kultur kümmern, sagte Merkel. Nicht selten sei es bei ihren Landsleuten "mit der Kenntnis über das christliche Abendland nicht so weit her. Und sich dann anschließend zu beklagen, dass Muslime sich im Koran besser auskennen, das finde ich irgendwie komisch." Trocken und wahr.

Diese Nüchternheit tut dem Thema gut. Sie ist das beste Mittel gegen Angst und Rassismus. Das sind nämlich die beiden Sentiments, mit denen vielerorts auf die größte Flüchtlingskrise seit dem Zweiten Weltkrieg reagiert wird.

Ungarns Premierminister Viktor Orbán hat gesagt: "Wir möchten hier keine zahlenmäßig bedeutsamen Minderheiten haben, die sich von uns in ihren kulturellen Eigenschaften unterscheiden. Wir möchten Ungarn als Ungarn erhalten."

In den USA nennt der Republikaner Michael McCaul, Vorsitzender des mächtigen Homeland-Security-Komitees, den Syrien-Konflikt "die größte Konzentration islamischer Terroristen aller Zeiten".

Und Benjamin Netanyahu, Premierminister des Syrien-Nachbarn Israel, sagt: "Wir werden nicht zulassen, dass Israel von illegalen Einwanderern und Terroristen überflutet wird."

Ungarn den Ungarn, und jeder Flüchtling ein potenzieller Terrorist?

Für solch rechtes Ressentiment ließ die Bundeskanzlerin bei ihrem Auftritt in Bern keinen Zentimeter Raum: "Und insofern finde ich diese Debatte sehr defensiv, gegen terroristische Gefahren muss man sich wappnen. Und ansonsten ist die europäische Geschichte so reich an so dramatischen und gruseligen Auseinandersetzungen, dass wir sehr vorsichtig sein sollten, uns sofort zu beklagen, wenn woanders was Schlimmes passiert. Wir müssen angehen dagegen, müssen versuchen, das zu bekämpfen, aber wir haben überhaupt keinen Grund zu größerem Hochmut, muss ich sagen. Das sag ich jetzt als deutsche Bundeskanzlerin."

Die Völkerwanderung, die wir brauchen, lösen wir selber aus

Wohlgemerkt: Merkel vertritt dabei auch die deutschen Interessen. Deutschland bekennt sich jetzt zu seiner Identität als Einwanderungsland - und verhält sich darum gerade nicht als "Hippie-Staat, der nur von Gefühlen geleitet wird", wie ein verwirrter britischer Politikwissenschaftler gerade gesagt hat.

In Deutschland leben heute rund 45 Millionen erwerbsfähige Menschen, 2050 werden es ohne Zuwanderung nur noch 29 Millionen sein. Die Zahlen der Demografen sind gnadenlos, sie gelten für Fremdenfeinde und -freunde gleichermaßen.

Die Wanderungsbewegungen, die es innerhalb der Europäischen Union gibt, genügen nicht, unseren demografischen Hunger zu stillen. Forscher sagen, dass wir jedes Jahr bis zu einer halben Million Zuwanderer aus Nicht-EU-Staaten brauchen. Wenn das zutrifft, dann ist 2015 Jahr ein gutes Jahr: Wir werden um etwa eine Million Menschen reicher.

Menschen mit Hoffnungen, Sehnsüchten, Träumen und Ängsten. Viele werden bleiben. Und in den Jahren danach wird es nicht anders sein. Ob diese Menschen vor Krieg und Unterdrückung fliehen oder vor Arbeitslosigkeit und Armut - das mag über den Status entscheiden, den die Behörden ihnen verleihen. Aber gebraucht werden sie so oder so.

Es liegt allerdings eine paradoxe, düstere Ironie darin, dass die Kriege, mit denen die westliche Politik den Nahen Osten verwüstet, oder die Armut, für die sie in Afrika verantwortlich ist, dazu beitragen, den großen demografischen Hunger des alten Europas zu stillen. Die Völkerwanderung, die wir brauchen, lösen wir selber aus.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 229 Beiträge
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Seite 1
Robert_Rostock 10.09.2015
1. Hmm.
Seltsam. Zu der im Teaser stehenden Frage "Kommen mit den Flüchtlingen die Terroristen?" wird nun aber überhaupt nichts Erhellendes, Beruhigendes gesagt. Nur das nebulöse Zitat von Merkel "gegen terroristische Gefahren muss man sich wappnen". Wie soll man sich denn dagegen wappnen, wenn Zehntausende Immigranten ohne jegliche Registrierung, Kontrolle quer durch Europa reisen, diese sich sogar noch vehement dagegen wehren, registriert zu werden? Man weiß doch momentan überhaupt nicht, wer sich alles hier aufhält.
jskor 10.09.2015
2. Im Grunde genommen nicht falsch
Allerdings gilt es doch einige Punkte die man anders akzentuieren sollte. Sicherlich darf der Mensch in seiner Würde niemals eingeschränkt werden, und jeder Mensch hat ein Anrecht auf eine faire und gleiche Behandlung. Frau Merkels Antwort halte ich für durchaus intelligent, allerdings geht es bei dem Konflikt ja nicht um den Widerspruch Islam vs. Christen sondern es geht um verschiedene Werte. Unsere westliche, auf Gleichberechtigung und Freiheit des Einzelnen basierende Gesellschaft kennzeichnet sich nicht dadurch, dass man einmal pro Woche in der Kirche fröhlich beisammen sitzt, sondern es stehen Werte dahinter, die unser Zusammenleben entscheidend prägen. Dazu gehört die Religionsfreiheit, dazu gehört die jederzeit sichergestellte körperliche Unversehrtheit jedes Einzelnen, die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau, und dazu gehört auch, dass ich Essen und Trinken kann was ich möchte, mit jedem Sprechen kann, wenn ich möchte (ob Mann oder Frau), und niemand anders mir Vorschriften für meinen Lebenswandel machen darf. All dies ist eine Errugenschaft, die nicht unbedingt mit, sondern teilweise auch gegen die Kirchen durchgesetzt werden musste, von daher hat Frau Merkel nicht ganz recht, dass das Problem nur dann existiert, wenn wir alle bibelfromme Christen sind. Und die Angst vor steigender Kriminalität, sinkender Glaubensfreiheit, sinkender Sicherheit für Frauen allein im Dunkeln hat daher nichts mit dem Christentum zu tun, sondern mit gewissen kulturellen Prägungen. Zum anderen brauchen wir definitiv mehr Zuwanderung, und zwar hochqualifizierte Zuwanderung, unabhängig von Hautfarbe, Religion oder Herkunftsland des Zuwanderers. Wir sollten ein Punktesystem wie Kanada etablieren, was alle Zuwanderer weltweit gleichstellt, und nur nach Qualifikation, Ausbildung, Berufserfahrung, Sprachkenntnissen und so weiter urteilt. Fairer geht es doch nicht. Hingegen brauchen wir keine Zuwanderung, die unsere Sozialsysteme belastet und nur Geld kostet, die Kriminalitätsstatistiken erhöht und die unser Stadtbild sicher nicht zum Positiven wandelt.
galbraith-leser 10.09.2015
3. Viel Spaß in der Zukunft
Lieber Herr Augstein, das Verschließen vor der Wahrheit, dass unsere dekadente Gesellschaft den Bogen final überspannt, in dem wichtige Ressourcen für die Euro-Rettung verschwendet und zahllos Kulturfremde ins Land gelassen werden, wird dauerhaft nicht ohne Folgen bleiben. Parallelgesellschaften sind bereits vorhanden, ihr weiteres Wachsen wird - wenn es einmal wirtschaftlich nicht mehr so gut läuft - die sozialen Spannungen enorm verschärfen. Eine schwindende Bevölkerung muss in einem überbevölkerten Land wie dem unseren kein Nachteil sein. Sonst predigen Sie doch auch, dass es kein ewiges Wachstum geben kann. Wenn Sie gerne unter Arabern leben möchten, nur zu. Ich möchte das ganz sicher nicht - und ich habe weite Teile der Arabischen Welt vom Maghreb bis zum Persischen Golf bereist, um mir ein Urteil bilden zu können. Das Arabische mag eine schöne Sprache sein, die Lebens- und Denkweise der Araber werden mir dagegen ewig fremd bleiben. Eine massive Assimilation an die europäische Kultur und Lebensweise, die für den Erhalt unserer Gesellschaft, ihrer Werte und Normen dringend nötig wäre, kann ich nicht erkennen. Ein Blick nach Frankreich genügt.
Jack Mueller 10.09.2015
4. Ein Staat zwei Welten
Wie viele Linke und alle Gutmenschen verniedlicht Herr Augstein die Situation und zieht damit die Leute die Bedenken um unsere aufgeklärte Gesellschaft haben in das Lächerliche. Es geht nicht um das christliche Abendland. Es geht um den Erhalt einer aufgeklärten Gesellschaft wo das Grundgesetz über jeder Religion steht. Und das ist bei vielen Moslimen in D eben nicht der Fall. Schauen Sie sich einfach die ZDF Sendung – Ein Staat, zwei Welten – an. Da erkennen Sie die Entwicklung die wir leider als Gesellschaft nehmen werden. Dann können alle Feministinnen und Gleichstellungsbeauftragte in 10 Jahren von jetzt die Situation heute historisch bewerten. Bin gespannt zu welcher Meinung sie dann kommen – und ob sie diese frei sagen können / dürfen.
detlef.stump 10.09.2015
5. Gut so Herr Augstein
Gut so Herr Augstein! Dem Artikel ist nichts mehr hinzuzufügen. Ich sehe das ganz genau so.
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