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Asylunterkünfte: Flüchtlingskrise überfordert deutsche Behörden

Von und

Flüchtlinge in Deutschland: Chaos, Durst und Platznot Fotos
DPA

Die Lage in vielen deutschen Flüchtlingsheimen wird immer chaotischer, fast täglich gibt es Meldungen über Missstände und Gewaltausbrüche. Wie ist das möglich in einem der fortschrittlichsten Länder der Welt? Der Faktencheck.

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


  • Warum sind viele Unterkünfte so überfüllt?

Die Flüchtlingszahlen steigen rasant. Allein im ersten Halbjahr 2015 zählte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) knapp 180.000 Asylanträge - das sind schon jetzt mehr als im gesamten vergangenen Jahr. Wenn es darum geht, die Flüchtlinge unterzubringen, gibt es kaum noch Denkverbote. In Bochum sollen Asylbewerber auf eine Friedhofswiese ziehen, in Augsburg und Schwerte erwog man, sie in früheren KZ-Außenlagern einzuquartieren, in Hamburg leben Migranten jetzt in einer Halle der Feuerwehr.

Trotzdem fehlen massenhaft Unterkünfte - obwohl abzusehen war, dass weiter Tausende Menschen etwa aus Syrien, Eritrea, Afghanistan und dem Irak nach Deutschland fliehen würden. Kritiker werfen den Ländern und Kommunen vor, in ruhigeren Zeiten nicht vorgesorgt, in manchen Fällen gar geeignete Immobilien abgegeben zu haben.

Nach dem Königsteiner Schlüssel sollen die neu angekommenen Flüchtlinge auf die Bundesländer verteilt werden. Doch viele der Erstaufnahmeeinrichtungen sind längst überfüllt. Die Folge ist mitunter: Chaos. An vielen Orten werden eilig Zelte und Wohncontainer aufgestellt. In Hamburg campen Flüchtlinge inzwischen auf Parkplätzen. Pro Asyl sieht auch die Behörden in der Schuld. Es fehlten nicht nur feste Unterkünfte, sondern auch Personal, um die Antragsflut zu bewältigen, sagte ein Sprecher der Organisation. Das BAMF will zwar 1000 neue Mitarbeiter einstellen. Doch das dauert. Diskutiert wird deshalb vor allem, wie Flüchtlinge schneller abgeschoben werden können.

Balkan-Länder

  • Warum gibt es so viel Gewalt in den Heimen?

Im thüringischen Suhl gab es in einer überfüllten Landesaufnahmestelle eine Massenprügelei, in einem Zeltlager in Dresden gerieten rund hundert Asylbewerber aus Syrien und Afghanistan aneinander und bewarfen sich mit Pflastersteinen, Plastikstühlen, Campingtischen, Zeltstangen und Feldbettteilen. Solche Vorfälle häufen sich.

Dass Hunderte Menschen in einem fremden Land auf engstem Raum zusammenleben müssen, bietet Potenzial für Konflikte. Hinzu kommt: Die Flüchtlinge dürfen anfangs keinerlei Beschäftigung in Deutschland aufnehmen, sind zum Nichtstun verdammt. Sie leben oft monatelang in Ungewissheit, ob sie in Deutschland bleiben dürfen - bis über ihren Asylantrag entschieden wurde. Zudem sind viele Flüchtlinge traumatisiert, viele haben in ihrer Heimat Gewalt und Krieg erlebt. Anspruch auf eine Therapie haben sie nicht. Wenn dann sogar das Trinkwasser knapp ist, kann ein Konflikt schnell eskalieren. "Jeder Mensch reagiert ab einer gewissen Enge aggressiv", sagte Jörg Radeck von der Gewerkschaft der Polizei (GdP) SPIEGEL ONLINE - "das darf uns gar nicht überraschen." Im Zuge der allgemeinen Flüchtlingsdebatte berichten die Medien - auch SPIEGEL ONLINE - allerdings auch über kleinste Zwischenfälle ausführlich.

Die Gefahr droht auch von außen: Seit Monaten greifen Anwohner und rechte Hetzer immer wieder Flüchtlinge und deren Unterkünfte an - "darunter ist ein erheblicher Anteil rechtsextremer Gewalttaten", so Radeck. Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen warnte sogar, bald könnten Menschen ernsthaft zu Schaden kommen. Die Zahl der Angriffe auf Asylbewerberheime habe sich 2014 verdreifacht und sei im ersten Halbjahr 2015 erneut deutlich gestiegen.

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Angriffe auf Flüchtlingsheime: Spur des Hasses
Vor allem im Internet schüren rechte Gruppen Ressentiments gegen Asylbewerber. Die Polizei kapituliert: "Wir können an den Flüchtlingsunterkünften keine Vollkasko-Leistung erbringen", sagt Polizeisprecher Radeck, "wir sind schon jetzt überfordert." Mindern lasse sich die Gefahr nur durch mehr Akzeptanz in der Bevölkerung und mehr Platz für die Asylbewerber. Daran scheitert die Politik bislang jedoch.

  • Warum ist immer wieder von Krankheiten zu hören?

Meldungen wie diese befeuern die Vorurteile der Ausländerfeinde: In einigen Flüchtlingsunterkünften, etwa in Bremen und Dresden, war in den vergangenen Wochen Krätze ausgebrochen. Dabei gibt es Krätze auch anderswo: Sie könne auftreten, wenn viele Menschen auf engem Raum zusammenleben, sagte Ulrike Blume-Peytavi, Dermatologin an der Berliner Charité. Problematisch sei es, wenn Menschen Betten, Handtücher oder Kleider teilten. "Krätzefälle gibt es auch in Alters- und Pflegeheimen oder in Kindergärten", so die Ärztin. Nicht nur der Betroffene muss dann behandelt werden, sondern auch dessen Umfeld. "Das ist in vollbesetzten Flüchtlingsunterkünften natürlich schwierig", sagt Blume-Peytavi.

Dazu kommt: Viele Flüchtlinge haben eine lange, beschwerliche Flucht unter hygienisch schwierigen Bedingungen hinter sich. Viele kommen gesundheitlich angeschlagen in Deutschland an, die Erstuntersuchung funktioniert nicht immer reibungslos. Pro Asyl kritisiert zudem die Verhältnisse in vielen Einrichtungen. "Es gibt häufig zu wenig Toiletten, die Räume sind zu klein", sagt der stellvertretende Geschäftsführer, Bernd Mesovic. Wenn zu viele Menschen zusammenleben, funktionierten "soziale Verantwortlichkeiten" bei den Bewohnern nicht mehr.

  • Warum fehlt Geld für die Unterbringung der Flüchtlinge?

Länder und Kommunen beklagen seit Monaten Geldnot - und die verschärfe sich vor allem durch den Mangel an ehrenamtlichem Betreuungspersonal, sagte zuletzt der Hauptgeschäftsführer des Städte- und Gemeindebunds Nordrhein-Westfalen, Bernd Jürgen Schneider. Während die Flüchtlingszahlen steigen, zögen sich ehrenamtliche Helfer aufgrund der steigenden Belastung zunehmend zurück. Ersatzhelfer seien teuer und könnten auch nicht aus kommunalen Verwaltungen abgezogen werden: "Wir können nicht zulassen, dass die ohnehin knapp besetzte Verwaltung in diesen Krisenzeiten wegen Überlastung zusammenbricht", so Schneider.

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Politik zu Flüchtlingsansturm: Verzweifelt und überfordert
Die Kommunen fordern daher von den Ländern Geld, die Länder ihrerseits von der Bundesregierung - und die reagiert nur langsam: "Grundsätzlich muss der Bund im nächsten Jahr den Kommunen eine deutlich höhere Hilfe zukommen lassen", sagte zuletzt die Flüchtlingsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz.

Noch ist allerdings wenig passiert: Das BAMF will nicht nur Personal aufstocken, sondern auch neue sogenannte Entscheidungszentren für Asylanträge einrichten. Bund und Länder haben weitere Verbesserungen zumindest angekündigt. Und es gibt Hoffnung, dass in absehbarer Zeit einige Maßnahmen spürbar werden: Ein für den Herbst geplantes Bund-Länder-Treffen zur Flüchtlingskrise wird womöglich in den September vorgezogen.


Zusammengefasst: Immer häufiger kommt es zu Übergriffen und Zwischenfällen in Flüchtlingsheimen. Die Gründe sind vielfältig: Es mangelt an Unterkünften, medizinisch adäquater Versorgung, Geld und Personal. Die Unterbringung auf engem Raum befördert zudem die Ausbreitung von Krankheiten und sozialen Spannungen.

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